Cate Blanchett: „Ich schirme meine Kinder nicht ab“

Berlin.  Cate Blanchett ist bei „Stateless“ Darstellerin, Autorin und Produzentin. Ein Interview über ihre Arbeit bei der UNO und ihre Kinder.

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Es war eine andere Welt, in der Cate Blanchett dieses Interview gab. Als sie ihre Serie „Stateless“ (aktuell auf Netflix) bei der Berlinale präsentierte, klopfte Corona gerade erst an die Tür. Doch die 51-Jährige zeigte sich trotzdem mehr bewegt und engagiert als bei den üblichen Interviews.

Denn ihr brannte das Thema „Flüchtlinge“ unter den Nägeln, um das sich auch die Geschichten des Sechsteilers drehen. Und hier verwischen die Grenzen zwischen Job und Privatleben.

Sie haben eine Serie über Flüchtlingsschicksale gedreht, in der Sie auch mitwirken. Wissen Sie eigentlich, wie es sich anfühlt, ein Flüchtling zu sein und keine offizielle Identität zu haben?

Cate Blanchett: Na ja, ich bin eine Schauspielerin. Seit Beginn meiner Ausbildung bin ich gewissermaßen auf Identitätssuche. Aber im Ernst – ich arbeite seit 2014 mit dem Flüchtlingshilfswerk der UNO zusammen, und bei diesen Aktivitäten habe ich viele Staatenlose kennengelernt und mit ihnen ausführliche Gespräche zu ihren Schicksalen geführt.

Ich verstehe also sehr wohl, wie es ist, wenn du keinen Zugang zu medizinischer Grundversorgung hast, wenn du nicht heiraten kannst, wenn dir also alle normalen Menschenrechte verweigert werden. Letztlich kann das jedem passieren – man braucht nur seinen Pass zu verlieren. Bei diesem Thema werde ich extrem emotional, selbst wenn ich jetzt keine Serie dazu gemacht hätte.

Welche Schicksale habe Sie bei Ihren Reisen besonders nachhaltig beeindruckt?

Blanchett: Ich habe zum Beispiel eine Rohingya-Frau aus Myanmar getroffen. Sie hatte auf der Flucht ihr Kind im Dschungel zur Welt gebracht. Dort versteckte sie sich ein halbes Jahr lang, war die ganze Zeit nur damit beschäftigt, nach Nahrung zu suchen, damit sie ihr Baby füttern konnte. Ich habe mich da geistig in die Zeit der Geburt meiner Kinder zurückversetzt.

Wenn ich mir vorstelle, ich hätte ihnen nichts zu essen geben können, und ich hätte nicht nur fürchten müssen, selbst angegriffen zu werden, sondern dass man auch meinen Kleinen etwas antut – furchtbar. Wenn ich an diese Kinderschicksale denke, bricht es mir das Herz.

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Doch Ihre eigenen Kinder bekommen von solchen Eindrücken nichts mit?

Blanchett: Doch, durchaus. Mein Mann und ich schirmen sie absolut nicht ab. Wir sprechen zu Hause ganz offen darüber. Meinen elfjährigen Sohn nahm ich zum Beispiel nach Jordanien in das Flüchtlingscamp Azraq mit. Er spielte dort mit den Jungs Fußball, nur einer machte nicht mit. Mein Sohn fragte mich: „Hat er keine Lust, mitzuspielen?“

Und ich erklärte ihm: „Doch, aber als er über die Grenze aus Syrien kam, geriet er unter Beschuss, und jetzt steckt immer noch ein Granatsplitter in seinem Bein. Deshalb kann er nicht richtig laufen.“ Ich konnte förmlich sehen, wie es in seinem Kopf rotierte – so in der Art „Das ist total jenseits meines Fassungsvermögens.“

Glauben Sie, er denkt heute noch daran?

Blanchett: Ich kann es nicht sagen. Vermutlich nicht bewusst, aber wenn du so etwas erlebst, dann verändert dich das automatisch. Es geht gar nicht anders.

Aber was verändert das konkret bei Ihrer Familie?

Blanchett: Wir sind uns einfach viel bewusster, was wir grundsätzlich ausrichten können. Ein einfaches Beispiel: Ich sage zu meinem Elfjährigen: „Wie wäre es, wenn wir kein Plastik mehr verwenden? Und jetzt nehmen wir an, deine ganze Klasse oder Schule tut es uns nach.“ Plötzlich wird da aus einer kleinen persönlichen Geste eine ganz große Gemeinschaftsaktion. Nach diesem Prinzip lässt sich viel erreichen.

Wollen Sie nach solchen Erfahrungen vielleicht noch mehr für das UNO-Flüchtlingshilfswerk tun?

Blanchett: Ganz sicher. Corona verschärft ja die Situation für Flüchtlinge noch. Und ich weiß natürlich, dass ich dank meines Bekanntheitsgrads eine besondere Plattform habe. Manchmal nutze ich die, um mein Ego zu polieren.

Aber eigentlich will ich das für produktive Zwecke einsetzen. Denn alles, was ich gesehen habe, das werde ich nie wieder vergessen. Deshalb besteht meine Aufgabe darin, die Geschichten, die ich mitbekommen habe, weiter zu kommunizieren und den Schicksalen, die hinter diesen anonymen Zahlen stecken, ein Gesicht zu verleihen.

Mit Serien wie „Stateless“ können Sie auch das Publikum erziehen.

Blanchett: Das war nie meine Absicht. Wir wollen eine emotionale Wirkung erzielen, die das Bewusstsein der Menschen verändert. Denn viele der Diskussionen zum Thema Flüchtlinge sind von Furcht und Vorurteilen gesteuert, und wir hoffen, dass wir das durchbrechen können.

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So gesehen sollten Sie vielleicht weniger Hollywood-Produktionen drehen, sondern mehr Projekte wie „Stateless“ umsetzen, das Sie ja selbst produziert haben.

Blanchett: Ja, aber es gibt dafür auch kreative Argumente. Der Anstoß für eigene Produktionen kam von den Erfahrungen der Sydney Theatre Company, bei der mein Mann und ich als künstlerische Leiter agierten. Es machte uns großen Spaß, die Arbeiten anderer zu produzieren.

Kreative haben es enorm schwer, denn die Kunst ist ein brutales Gewerbe. Wenn ich also die Chance bekomme, hier jemand zu unterstützen – nichts lieber als das. Und es gibt noch so viele unglaublich talentierte Schauspieler. Da trete ich gerne ins zweite Glied.

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