Die Corona-Moral: Bleib mir vom Leib, lad’ mich nicht ein

Berlin.  Feiern, weil der beste Freund einlädt? Warum bloß mutet er mir diese Entscheidung überhaupt zu? Wo bleibt die Moral der Krise?

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Die Band spielt Jazz und alte Hits, die wabernde Masse aus internationalen Gästen trinkt und tanzt und das schon seit zwölf Stunden: So ist es, wenn der gute Freund feiert. Der 40. Geburtstag auf einem Landgut in Tirol, der 50. in einem bayerischen Festsaal.

Und nun der 60. auf einem Weingut in Würzburg: Empfang, Brunch, gemeinsame Wanderung, Party durch die Nacht – in einem geschlossenen Tanzsaal. Das darf er im Herbst in Bayern mit 100 Leuten veranstalten – und es soll wie immer ein Event sein, das die Gäste niemals vergessen.

Hoffen wir, dass diesmal die Party nicht zum einzigartigen Ereignis wird, weil ein Superspreader unter den Gästen ist. Sorry, lieber guter Freund, ich mag dich wirklich sehr, und ich feier unheimlich gern mit dir. Aber diese Party packe ich nicht. Corona-Regeln: Das dürfen Sie in Ihrem Bundesland

Party in Corona-Zeiten – wie soll das unbefangen gehen?

Wie wie soll ich unbefangen mit Gästen aus England, Frankreich, Südtirol feiern können, wenn unser Teenagerkind jeden Tag zittert, ob es Coronafälle an der Schule gibt und ihre Jahrgangsstufe das Schulgelände nicht betreten darf. Wenn ich demnächst mit gutem Gewissen meine Eltern besuchen will.

Wenn ich einsam in den Redaktionsräumen sitze, weil so viele Kollegen nach wie vor im Homeoffice arbeiten. Wenn Bußgelder für Maskenmuffel in Bus und Bahn fällig werden.

Der Freund sagt, wenn Markus Söder die Party erlaube, dann dürfe er auch feiern. Nächstes Jahr, sagt er, mache es doch keinen Sinn mehr. Aber, fügt er ein wenig schnippisch der Absage hinzu: Musst du selbst wissen. Klar fühle ich mich nun unwohl, hadere mit mir.

Der Corona-Gewissenskonflikt der alten Dame

Eine lebenslustige 80-jährige Dame erzählte mir, sie habe tagelang nicht schlafen können, weil sie nicht zum 75. Geburtstag ihrer Bekannten gehen wollte und ein schlechtes Gewissen deswegen hatte. Sonntagmorgens, Stehempfang, es werde gut gelüftet, habe in der Einladung gestanden.

„Ich habe einen kranken Mann zu Hause“, sagte die Dame, „wie kann ich uns dann diesem Risiko aussetzen?“ Sie treffe ihre Enkelkinder schließlich auch nur im Garten. Umarmungen? Verboten. Küsse sowieso.

Und dann der Besuch neulich: Mit Freunden wollten wir abends auf unserer Terrasse sitzen. Bei der Begrüßung an der Wohnungstür breiten sie ihre Arme aus: „Schön, euch endlich zu sehen.“ Ich halte den Ellenbogen hin zum Corona-Gruß. „Jetzt hab’ dich doch nicht so“, rufen sie, immer noch im Sinn, mich fest zu umarmen. Ich bleibe standhaft, das macht die Situation peinlich, es fröstelt ein wenig.

Auch ein Klassiker: Alle Kollegen tragen Maske, nur einer zeigt seine Triefnase. Erzählte er nicht neulich, dass er so gerne feiern gehe? Hoffentlich nicht auf einer dieser illegalen Partys, wo es zugeht wie in wildesten Berliner Clubs. Ich versuche Abstand zu halten und raune ihm später zu: Maske über die Nase, Junge!

Da quetscht sich der Nachbar in den Aufzug. Und nun?

Und dann: Zu unserer Wohnung führt ein kleiner, nachträglich angebauter Aufzug. Er ist klein, für drei Personen – und langsam. Eines Abends quetscht sich der Nachbar zu mir rein, ohne Maske.

Was soll ich tun? Ihn bitten, zu warten? Ihn bitten, wenigstens eine Maske aufzusetzen? Ihm den Vortritt lassen und wieder aussteigen? Ich wähle Variante drei und murmele: Hab’ was im Auto vergessen.

Her mit dem Pandemie-Knigge!

Was mir fehlt in diesen Zeiten: ein Pandemie-Knigge. Ein Katalog des guten Benehmens und der Corona-Moral. Eine Anleitung, wie peinliche Situationen vermieden werden können. Distanz, Maske, Ellenbogen.

Ich will keinen Karneval. Ich will auch keine Weihnachtsmärkte. Aber ich will mit einem guten Gefühl durch diese beschissene Krise kommen und nicht immer mit einem Kloß im Hals herumrennen, weil ich entweder ein schlechtes Gewissen habe oder mich unwohl fühle.

Letztlich geht es um Rücksicht.

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