ProSieben schockt mit Doku über die rechtsextreme Szene

Berlin.  Eine ProSieben-Doku gab am Montag Einblicke in die rechte Szene. Ein angeblicher AfD-Funktionär spricht davon, Migranten zu „vergasen“.

Reporter Thilo Mischke hat für die ProSieben-Doku „Rechts. Deutsch. Radikal.“ 18 Monate lang in der rechten Szene recherchiert.

Reporter Thilo Mischke hat für die ProSieben-Doku „Rechts. Deutsch. Radikal.“ 18 Monate lang in der rechten Szene recherchiert.

Foto: ProSieben

  • ProSieben zeigte am Montagabend, 28. September, um 20.15 Uhr die Doku „Rechts. Deutsch. Radikal.“
  • Reporter Thilo Mischke hatte dafür 18 Monate lang in der rechten Szene recherchiert
  • In der Dokumentation kommt eine ehemals rechte Szene-YouTuberin zu Wort, die sich jetzt in einem Aussteigerprogramm befindet
  • Ein verdecktes Gespräch zwischen der YouTuberin und einem angeblichen AfD-Funktionär sorgte für einen handfesten Skandal
  • Er spricht über das „Vergasen“ von Migranten. Je schlechter es Deutschland gehe, desto besser sei das für die AfD
  • Dem früheren fD-Sprecher Christian Lüth wurde noch vor der Ausstrahlung von der Fraktionsspitze gekündigt

Welcher AfD-Funktionär will „alle Migranten“ erschießen oder vergasen? Diese Frage werden sich Zuschauer stellen, die das neue ProSieben-Spezial „Rechts. Deutsch. Radikal.“ gesehen haben, das der Sender am Montagabend um 20.15 Uhr ausgestrahlt hat.

Reporter Thilo Mischke hat sich für die TV-Doku 18 Monate lang in die rechte Szene begeben. Er ist nicht undercover, sondern mit offenem Visier unterwegs. Daher sind seine Enthüllungen bis auf Ausnahmen keine verbotenen Schlüssellochblicke. Es sind Eindrücke unter anderem von Rechtsrock-Konzerten in Thüringen und Pegida-Versammlungen in Dresden. Die Brisanz der Reportage entsteht daraus, wie offen die Gesprächspartner des Reporters sich vor der Kamera mit rechtsextremen Gedankengut identifizieren.

Zum Beispiel Michael Brück (30), NRW-Landesvorsitzender der vom Verfassungsschutz als demokratiefeindlich eingestuften Partei „Die Rechte“, der sehr klar seine rechtsextreme Gesinnung offenbart. Oder Sanny Kujath (18), das jugendliche Gesicht der rechten Jugendgruppierung „Junge Revolution“. Er ködert Nachwuchs für die rechtsextreme Szene, nennt sich „Nationalist“ und will nicht über den Zweiten Weltkrieg sprechen. Er will ein anderes, rechtes Deutschland und setzt darauf, dass sich alle rechten Gruppen vernetzen.

„Rechts. Deutsch. Radikal.“; Entwicklung beunruhigt Verfassungsschützer

Es ist einer der beunruhigenden Momente der Doku, von Szene-Profis zu hören, dass diese rechte Vernetzung gelingen könnte. Stephan Kramer, Präsident des Thüringer Landesamtes für Verfassungsschutz, klingt sehr besorgt: „Vor ein paar Jahren hätte ich noch zu Ihnen gesagt, wir müssen uns zwar Sorgen machen, aber wir sind noch nicht die Weimarer Republik. Aber wenn ich mir die Entwicklungen in den letzten fünf Jahren anschaue, muss ich offen gestehen, mache ich mir ernsthafte Sorgen um unsere Demokratie“.

Ein Höhepunkt der Doku ist das Gespräch mit der ehemals rechten Szene-YouTuberin Lisa Licentia. Zehntausenden Followern lieferte sie auf ihrem YouTube-Kanal Stichworte für Fremdenhass. Doch sie hat den Hass ihrer Zielgruppe unterschätzt und gesteht in der Doku unter Tränen, dass sie zum Spielball der Rechten geworden sei und selbst mit Hass und Drohungen überzogen wird. Die junge Frau befindet sich mittlerweile in einem Aussteigerprogramm.

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Angeblicher AfD-Funktionär: „Müssen dafür sorgen, dass es Deutschland schlecht geht“

Die brisanteste Stelle der Doku von ProSieben ist ein verdecktes Gespräch zwischen YouTuberin Lisa Licentia und einem angeblichen AfD-Funktionär in einer Berliner Bar. ProSieben zeigt den Mann nicht und lüftet auch nicht das Geheimnis um dessen Identität. Der Sender spielt aber schockierende Textpassagen des Gesprächs als Untertitel ein.

Nachdem in Medienberichten über die Identität des AfD-Politikers spekuliert wurde, reagierte die AfD-Fraktion im Bundestag und warf ihren früheren Sprecher Christian Lüth raus. Fraktionschef Alexander Gauland habe die fristlose Kündigung in der Fraktionssitzung verkündet, sagte ein Sprecher am Montag der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. Der Beschluss im Vorstand sei einstimmig gewesen. Ob der dort zitierte Funktionär wirklich Lüth ist, ist nicht offiziell bestätigt. Lesen Sie hier: AfD-Fraktionsvorstand entlässt früheren Sprecher Lüth

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Die YouTuberin sagt zu ihm: „Vor allem klingt das so, als ob es in deinem Interesse wäre, dass noch mal mehr Migranten kommen…“ Darauf antwortet der AfD-Mann laut Pro Sieben: „Ja. Weil dann geht es der AfD besser. Wir können die nachher immer noch alle erschießen. Das ist überhaupt kein Thema. Oder vergasen, oder wie du willst. Mir egal! Aber jetzt, wo die Grenzen immer noch offen sind, müssen wir schon dafür sorgen, solange die AfD noch ein bisschen instabil ist und ein paar Idioten antisemitisch rumlaufen, müssen wir dafür sorgen, dass es Deutschland schlecht geht.“

Der Sender hat aus juristischen Gründen darauf verzichtet, den Namen des Mannes preiszugeben. Für die Authentizität der Aussagen hat ProSieben nach eigenen Angaben eidesstattliche Aussagen von Ohrenzeugen. Man richtet sich offensichtlich auf ein juristisches Nachspiel dieser sehenswerten Doku ein. (jos)

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