Mai Thi Nguyen-Kim: Von der Hobbyfilmerin zum Verdienstkreuz

Berlin.  Mai Thi Nguyen-Kim hat das Bundesverdienstkreuz erhalten. Im Interview verrät die Wissenschaftsjournalistin, wie für sie alles begann.

Mai Thi Nguyen-Kim: Preisträgerin "Best of Information"

Da unsere Preisträgerin Mai Thi Nguyen-Kim nicht persönlich die GOLDENE KAMERA für ihren YouTube-Kanal "maiLab" entgegennehmen konnte, überraschte sie Vorjahrespreisträger Joseph DeChangeman mit der Trophäe. Sie konnte es kaum fassen und freute sich mit zitternden Händen, die Auszeichnung von ihrem guten Freund entgegennehmen zu können!

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Mai Thi Nguyen-Kim gehört jetzt in einen Kreis ganz besonderer Menschen. Denn zwei Tage vor dem 30. Jahrestag der Deutschen Einheit hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Berlin 15 Bürgerinnen und Bürger aus zehn Bundesländern mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. Und die Wissenschaftsjournalistin Nguyen-Kim gehörte dazu.

Neben ihr verlieh Steinmeier das Bundesverdienstkreuz an den Virologen Christian Drosten, den Heinsberger Landrat Stephan Pusch, CDU, und den Pianisten Igor Levit. Steinmeier sagte, er wollte „Menschen aus Ost und West, Nord und Süd auszeichnen, die sich um den Zusammenhalt unserer Gesellschaft verdient gemacht haben“. Es gehe um sieben Frauen und acht Männer, „die anderen zur Seite stehen; die mithelfen, Mauern abzutragen; die dafür sorgen, dass wir miteinander im Gespräch bleiben“.Gerade in der Zeit der Corona-Pandemie habe sich gezeigt, „wie viel Solidarität und Gemeinsinn in unserer Gesellschaft steckt“, hob Steinmeier hervor.

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Mai Thi Nguyen hat ihr besonderes Talent mit der beginnenden Corona-Pandemie genutzt und der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt. Denn die promovierte Chemikerin kann komplizierteste Themen so erklären, dass man sie versteht.

Also wir das folgenden Interview mit ihr geführt haben, drehte sie gerade in Köln eine Folge des Wissensmagazins „Quarks“. Dort ist die 33-Jährige die Nachfolgerin von Moderatoren-Legende Ranga Yogeshwar. Zusätzlich begeistert sie mit ihrem Youtube-Kanal „maiLab“ Millionen Menschen für die Wissenschaft.

Das Gespräch wurde telefonische geführt, Anlass war damals die Verleihung des Youtube GOLDENE KAMERA Digital Award in der Kategorie „Best of Information“ – und jetzt hat sie also auch noch das Bundesverdienstkreuz für ihre Aufklärungsarbeit zum Coronavirus bekommen. Wir haben sie gefragt, wie ihre Karriere begann und wie sie lebt.

Sie haben eine wissenschaftliche Traumkarriere hingelegt. Wie sind Sie eigentlich vor die Kamera geraten?

Mai Thi Nguyen-Kim: Ich bin da so reingeschlittert. Ich hatte während meiner Doktorarbeit eher als Hobby einen Youtube-Kanal, auf „maiLab“ erkläre ich Wissenschaft. Gerade Nicht-Wissenschaftlern Naturwissenschaften näherzubringen, hat mir immer schon riesigen Spaß gemacht. Ich liebe es geradezu, weil ich auch denke, die anderen verpassen was. Irgendwann hat mich dann das Jugendprogramm Funk von ARD und ZDF entdeckt. Ich war zu diesem Zeitpunkt gerade mit meiner Dissertation fertig und dachte, ich mache nur ein Sabbatjahr von der Wissenschaft, mache ein bisschen Youtube, ein bisschen Funk.

Aber wie kommt man im Chemielabor darauf, einen Youtube-Kanal zu gründen?

Zu der Videosache bin ich durch einen ziemlich verrückten Wettbewerb gekommen, der hieß: Forscher tanzen. Der Name ist Programm: Forscher sollen ihre Forschungsarbeit tanzen. Mein Glück war, dass ich damals an meiner Universität auch Hiphop-Tanztrainerin war und ich zusammen mit der Campus-Dance-Crew mitmachen konnte. Das Video heißt „Dancing Drug Delivery“ und es geht darum, wie Krebsmedikamente Krebszellen erreichen. Ich wollte danach unbedingt mit den Videos weiter machen, habe mich aber nicht getraut. Erst als ich zwei Jahre später für ein Jahr in Boston war, eröffnete ich meinen Youtube-Channel.

Und nun treten Sie bei Markus Lanz auf, Sie moderieren Quarks, haben sogar in den Tagesthemen einen Kommentar zur Corona-Pandemie gehalten. Wie erleben Sie Ihre plötzliche Prominenz?

Nguyen-Kim: Ich bin total überfahren davon. Ich habe lange vor mich hingedümpelt. Aber das reichte mir, weil ich dachte, Wissenschaft hat nicht so ein großes Publikum. Als ich dann zum „Quarks“-Casting eingeladen wurde und es um die Nachfolge von Ranga Yogeshwar ging, war ich überwältigt. Denn als ich nach der Doktorarbeit mit den Videos weitermachen wollte, haben das zunächst viele meiner Freunde und auch meine Eltern nicht verstanden. Ich weiß noch, wie mein Mann zu meinen Eltern sagte: „Stellt euch doch mal vor, sie macht mal so etwas wie Ranga Yogeshwar. Da hat mein Vater gesagt: „Ja, das wäre natürlich toll, aber das ist ja total unrealistisch.“

Womit er eigentlich recht hatte.

Nguyen-Kim: Ja, das ist völlig richtig. 2018 startete „maiLab“ zwar mehr durch, aber keiner hat erwartet, dass das erste Video nach meiner Elternzeit zum Coronavirus so ein Erfolg werden würde. Mein Youtube-Kanal hat jetzt eine Million Abonnenten, das ist schwindelerregend. Aber ich brenne eben für die Wissenschaftsvermittlung, und deswegen freut mich der Erfolg umso mehr.

Im Januar 2020 kam Ihre Tochter zur Welt. Wie lange haben Sie Elternzeit genommen?

Nguyen-Kim: Zu kurz. Am 2. April haben wir das Corona-Video veröffentlicht und ab Mitte März haben wir angefangen, daran zu arbeiten.

Jetzt wurden Sie mit dem Goldene Kamera Digital Award ausgezeichnet für den Bereich „Beste Information“, was bedeutet Ihnen das?

Nguyen-Kim: Ich freue mich riesig darüber! Gerade weil ich vor nicht allzu langer Zeit noch ein Nischen-Thema bedient habe. Mit der Auszeichnung wird eine Wertschätzung für wissenschaftlicher Aufklärung und Wissenschaft generell ausgedrückt.

Haben Sie sich als kleines Mädchen schon für Chemie interessiert?

Nguyen-Kim: Ja klar, ich hatte zwar im Abitur Physik als Hauptfach, weil der Chemie Leistungskurs nicht zustande kam, war aber auch von Deutsch begeistert. Als ich mich für ein Studienfach entscheiden musste, konnte ich mir nicht vorstellen, nie wieder etwas mit Naturwissenschaften zu tun zu haben. Und wählte dann die Chemie.

Sind Ihre Eltern auch Wissenschaftler?

Nguyen-Kim: Mein Vater ist Chemiker und ohne ihn wäre ich sicher nicht auf die Chemie gekommen. Durch ihn hatte ich einen ganz alltäglichen Zugang dazu. Er kann zum Beispiel sehr gut kochen und hat mir so erklärt, dass Kochen auch nur Chemie ist.

Video: So war der YouTube Goldene Kamera Digital Award 2021

In den Universitäten sind Frauen in Mathematik und Naturwissenschaften noch immer unterrepräsentiert. Was können Sie Mädchen heute mit auf den Weg geben?

Nguyen-Kim: Es ist einfach nur ein Klischee, dass Naturwissenschaften nur etwas für Jungs sind. Deswegen mache ich auch die Youtube-Videos. Ich bekomme viele Nachrichten von Frauen und Mädchen, die mir sagen, dass sie durch die Videos drauf gekommen sind, dass Naturwissenschaften etwas für sie sein könnten. Ich kann nur alle dazu ermutigen, denn Naturwissenschaften sind kein Freak- oder Nerdwissen. Wir merken es in der Pandemie, Naturwissenschaften sind lebensrettend. Aber vieles, was Frauen abschreckt, ist auch systemisch, was zum Beispiel Vereinbarkeit von Beruf und Familie betrifft.

Wie organisieren Sie Ihr Berufsleben mit dem acht Monate alten Baby?

Nguyen-Kim: Wenn ich zum Beispiel in Köln bin und für das Wissensmagazin „Quarks“ drehe, ist mein Mann mit dem Kind dabei. Er hat gerade ein Jahr Elternzeit genommen, insofern habe ich mit ihm sehr viel Glück. Wenn ich im Studio bin, bringt er mir das Kind zum Stillen vorbei. Und er genießt diese Zeit sehr, ich kann die Elternzeit also allen Vätern empfehlen! Aber ich bin natürlich trotzdem chronisch übermüdet. Insofern ist die Corona-Zeit auch gut für uns, weil viele Veranstaltungen und Reisen ausgefallen sind.

Ihr Mann ist auch Chemiker, ist er der Universität treu geblieben?

Nguyen-Kim: Wir hatten lange Zeit denselben Lebenslauf, haben sogar im selben Labor geforscht. Aber er arbeitet jetzt in der Krebs-Forschung in der chemischen Industrie.

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