Leben im Corona-Hotspot – so könnte es vielleicht gehen

Berlin.  Der Corona-Winter steht an – das kann ja heiter werden. Unsere Kolumnistin Birgitta Stauber hat drei Möglichkeiten durchgespielt.

Hotspot-Kind, komm näher: Leben in Corona-Zeiten.

Hotspot-Kind, komm näher: Leben in Corona-Zeiten.

Foto: Mladen Zivkovic / Shutterstock/Mladen Zivkovic

Ich bin jetzt mitten drin. Die Ampel ist auf rot. Wenn ich den Einkaufswagen durch den engen Gang des Großstadt-Supermarktes schiebe: Risiko! Wenn ich auf dem Wochenmarkt an der Käsetheke anstehe: Risiko! Wenn mich das Wetter in Bus und S-Bahn zwingt: Risiko! Wenn mich mein Kind nach der Projektwoche (Schulchor) umarmt: Risiko total.

Ja, und wenn ich raus will aus dem Risiko, aus dem Hotspot, in dem ich lebe, empfängt mich das nächste. Wie soll das werden mit diesem Herbst, mit diesem Winter? Welches Vorbild soll ich sein, welche Charakterstärke zeigen, um das mit meiner Familie so zu überstehen, dass auch unsere Seele keinen Schaden nimmt? Ich spiele mal die Möglichkeiten durch.

1. Möglichkeit: Ich bin die Optimistische.

Corona? Halb so wild. Ist doch herrlich, wenn ich nicht mehr in Bars versacken kann. Wenn die Stimmungskiller unter den Kolleginnen und Kollegen im Homeoffice bleiben. Wenn ich mich Sonntag für Sonntag mit gutem Gewissen von Netflix-Serien zudröhnen lasse und frei bin von Verpflichtungen wie am Wochenende zu den Schwiegereltern quer durch Deutschland zu reisen.

Ich verprasse kein Geld in Restaurants und teuren Boutiquen, kaufe weder Zugfahrkarte noch Flugticket. Weihnachten bleiben wir als Kernfamilie zu Hause. Mit Baum, Braten und vielen neuen Büchern. Das alles kann noch lange so weiter gehen? Kein Problem, dann kann ich mich so lange, wie ich will, ganz auf mich selbst konzentrieren.

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2. Möglichkeit: Es sei denn, ich bin die Pessimistische.

Monatelang zu Hause hocken, die betagten Eltern in Stich lassen (müssen), in der Etagenwohnung auf Gedeih und Verderb angewiesen sein auf die Gesellschaft der schlecht gelaunten Kernfamilie, in der das Teenagerkind quengelt, weil die Geburtstagsparty ausfällt, die Studentenkinder mit ihren Online-Vorlesungen in der besten Zeit ihres Lebens zu Hause hocken und träumen von Bars, Clubs, wilden Reisen?

Mit einem Mann, der, hypochendernd, überall das Virus wittert, auf permanentem Durchzug besteht, und ich mitten drin, die ständig frierend dankbar ist für jede Klimakteriums-Hitzewelle.

Was werden wir essen? Welche Filme dürfen im Wohnzimmer laufen? Wo ist Platz für stille einsame Stunden mit den schönsten Büchern im Herbst? Was ist, wenn wir uns alle nicht mehr aushalten? Und dann, wenn es uns erwischt? Wenn das Virus unsere Lunge umklammert, uns für Monate zurückwirft, uns die Lebensfreude für lange Zeit nimmt? Was, wenn es Jahre so weiter geht?

3. Möglichkeit: Dann leben wir eben damit, sagt die Pragmatische.

Und versuchen, uns nicht anzustecken und trotzdem Spaß am Leben zu haben. Die Ferienwohnung auf dem Land erst mal als willkommene Ablenkung vom Hotspot-Leben in der Stadt auch im nächsten Jahr anzunehmen. Für das Klima ist es ohnehin besser, nicht ständig nach Malle zu fliegen und am Wochenende nach Venedig, Barcelona, Amsterdam, Dubrovnik.

Wer will schon ins Trump-Land USA? Oder 12 Stunden im Flieger sitzen auf dem Weg nach Thailand? Sehen wir zu, dass es keinen Lockdown gibt. Dass wir unsere Jobs behalten. Die Kinder lernen. Die Alten überleben. Warten wir ab, mit dem Gedanken, dass es die Prüfung unsere Zeit ist.

Andere Generationen haben Krieg. Wir haben Corona und werden davon unseren Enkeln erzählen. So ein Leben ohne echte Krise wäre doch auch langweilig.

Mensch, sagt die Freundin, das ist ja gefährlich bei euch im Hotspot

Keine Frage: die Pragmatische ist mein Favorit. Das sage ich auch der Freundin, die gerade anruft. Mensch, sagt sie. Das ist ja gefährlich bei euch. Wie geht’s denn so? Topfit, sage ich. Ja aber, euer Teenagerkind, das geht doch zur Schule. Mitten im Hotspot. Was macht ihr dagegen? Ich könnte jetzt bissig sagen: Warte nur ab, euch auf diesem platten Niemandsland erwischt es auch noch. Ach, sage ich dann, wird schon nichts passieren.

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