Reemtsma-Entführer wird nach Deutschland ausgeliefert

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Reemtsma-Entführer Thomas Drach bei einem Gefangenentransport im Jahr 2000.

Reemtsma-Entführer Thomas Drach bei einem Gefangenentransport im Jahr 2000.

Foto: imago-images/photo2000

Berlin.  Reemtsma-Entführer Drach soll wegen Überfällen auf Geldtransporter in Köln vor Gericht. Dafür wird er nach Deutschland ausgeliefert.

  • Hinter einer spektakulären Überfall-Serie auf Geldtransporter soll der Reemtsma-Entführer Thomas Drach stecken
  • In den Niederlanden ist wegen den Überfällen ein Mann verhaftet worden
  • Nun soll der Verhaftete nach Deutschland ausgeliefert werden

Die drei Überfälle waren spektakulär, brutal und minutiös geplant. Eine Maschinenpistole kam zum Einsatz, zwei Geldboten wurden durch Schüsse schwer verletzt. Immer waren die Täter mit im Ausland gestohlenen Autos geflohen, hatten die Wagen unweit der Tatorte angezündet und die Flucht mit einem bereitstehenden zweiten Fahrzeug fortgesetzt.

Sie gingen so professionell vor, dass Ermittler lange spekulierten, ob Mitglieder der ehemaligen Roten-Armee-Fraktion (RAF) an den Überfällen in Köln und Frankfurt am Main beteiligt gewesen sein könnten. Dann die überraschende Wendung.

Die Polizei nahm einen Verdächtigen fest, der tatsächlich auf eine kriminelle Vergangenheit zurückblickt, mit der RAF indes nichts zu tun hat: den verurteilten Reemtsma-Entführer Thomas Drach. Mehr zum Thema: Keine Spur nach Geldtransporter-Überfall am Flughafen Köln

Niederlande liefern Drach aus

Ein Gericht in Amsterdam verfügte nun die Auslieferung von Drach nach Deutschland verfügt und damit den Weg für einen möglichen weiteren Prozess gegen den unterdessen 60-Jährigen in der Bundesrepublik geebnet. „Die Auslieferung wurde genehmigt“, erklärte das Amsterdamer Bezirksgericht am Dienstag. Drach soll 2018 und 2019 drei bewaffnete Überfälle auf Geldtransporter in Deutschland begangen haben und sich dafür demnächst vor Gericht verantworten.

Unklar blieb zunächst der genaue Zeitpunkt von Drachs Überstellung nach Deutschland. Der Reemtsma-Entführer war am 23. Februar in den Niederlanden auf Grundlage eines Europäischen Haftbefehls festgenommen worden und sitzt seither in dem Nachbarland in Auslieferungshaft.

Überfälle auf Geldtransporter in Köln und Frankfurt

Die Überfälle auf die drei Geldtransporter soll Drach mit weiteren Tätern in Köln-Godorf, am Flughafen Köln/Bonn und in Frankfurt am Main verübt haben. Die Staatsanwaltschaft Köln legt ihm deswegen gemeinschaftlichen schweren Raub in drei Fällen sowie einen Verstoß gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz zur Last - den Überfall am Kölner Airport soll er mit einem Maschinengewehr begangen haben.

Zwei Geldboten wurden bei diesem Überfall und der Tat in Frankfurt durch Schüsse schwer verletzt. Im Zusammenhang mit zwei der drei Gewalttaten wurde zuletzt auch ein mutmaßlicher Komplize Drachs in den Niederlanden festgenommen. Bei allen drei Raubüberfällen waren die Täter mit in den Niederlanden gestohlenen und mit falschen Kennzeichen ausgestatteten Autos geflüchtet, hatten diese unweit der Tatorte angezündet und die Flucht mit anderen Fahrzeugen fortgesetzt.

Drach hielt sein Opfer in einem Verlies gefangen

Der 60-Jährige wuchs im Kölner Umland auf. Mit der Reemtsma-Entführung ging er in die Kriminalgeschichte ein – nie zuvor hatten Kidnapper ein so hohes Lösegeld erpresst: 15 Millionen D-Mark und 12,5 Millionen Schweizer Franken.

Drach und seine Komplizen hatten den prominenten Sozialforscher im Frühjahr 1996 vor seinem Haus in Hamburg-Blankenese überwältigt. Viereinhalb Wochen lang hielten sie ihn angekettet und in Todesangst in einem Verlies in der Nähe von Bremen fest. Nach der Geldübergabe gelang es Drach zunächst, sich nach Südamerika abzusetzen.

1998 wurde er in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires gefasst und Ende 2000 in Hamburg zu vierzehneinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Das Opfer verarbeitete seine Erlebnisse 1997 in dem Buch „Im Keller“.

Reemstma-Entführer hat Lösegeld wohl verprasst

2013 wurde Drach entlassen – und tauchte erneut ab. Zunächst soll er bei einem Freund auf Ibiza gelebt haben, später habe er sich dann im deutsch-niederländischen Grenzgebiet aufgehalten. Ein Teil des Lösegeldes ist bis heute verschwunden. Das Hamburger Landeskriminalamt geht seit Jahren davon aus, dass der Entführer die Banknoten verprasst hat und pleite ist.

Kam er deshalb auf die Idee, Geldtransporter auszurauben? Dem Gefassten werde gemeinschaftlicher schwerer Raub in drei Fällen und ein Verstoß gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz vorgeworfen, teilte die Staatsanwaltschaft Köln mit. Auch interessant: Was ein Gefangener in Angst mit der RAF-Fahndung zu tun hat

Entscheidende Hinweise auf den Festgenommenen erhielten die Ermittler durch Videoaufzeichnungen des Überfalls am Flughafen Köln-Bonn und durch die Untersuchung eines sichergestellten Fluchtwagens. Die niederländische Polizei jagt noch zwei mutmaßliche Komplizen.

RAF-Mitglieder im Verdacht

Dass die Behörden zunächst ehemalige RAF-Mitglieder in Verdacht hatten, lag an auffälligen Parallelen zu vergleichbaren Fällen. Konkret soll es sich um Ernst-Volker Staub, Burkhard Garweg und Daniela Klette handeln, die seit Jahrzehnten untergetaucht sind.

2016 wurden die Ermittlungen gegen die Linksterroristen wieder intensiviert, nachdem die Sicherheitsbehörden eine Serie von Raubüberfällen auf Geldtransporter in Norddeutschland mit dem Trio in Verbindung gebracht hatten.

Zuletzt war die Gruppe der dritten RAF-Generation aufgrund einer Handy-Ortung unter anderem in den Niederlanden vermutet worden – von dort wurden die Fluchtfahrzeuge gestohlen, die 2018 und 2019 bei den Überfällen in NRW und Hessen genutzt wurden. Lesen Sie hier: Erddepot gefunden: Führt die Spur zur Rote Armee Fraktion?

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