Massentourismus

Amsterdam führt jetzt eine Obergrenze für Touristen ein

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Nachhaltig Reisen: 7 Tipps für die Urlaubsplanung

Nachhaltig Reisen: 7 Tipps für die Urlaubsplanung

Wer bei seiner nächsten Reise auf Nachhaltigkeit setzen möchte, findet hier 7 Tipps für eine Urlaubsplanung, die dem sogenannten sanften Tourismus entspricht.

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Amsterdam.  Als erste Stadt weltweit hat Amsterdam eine Obergrenze für die Zahl der Besucher eingeführt. Das sind die neuen Maßnahmen der Stadt.

Wunderschöne Grachten, herrliche Straßenbistros: Amsterdam zieht jedes Jahr Millionen Touristen an. Auch wenn Corona neue Rekorde gedämpft hat – die Stadt schaut voraus und plant rigorose Beschränkungen. 22 Millionen Touristen im Jahr – das ist zu viel. „Wir wollen die Dinge nicht mehr eskalieren lassen“, so Reinier van Dantzig, Fraktionsvorsitzender der linksliberalen Partei Democraten 66 im Gemeinderat.

Mit Eskalation meint der Stadtpolitiker die Massen, die sich zuletzt vor der Pandemie pro Jahr in der Stadt tummelten. Das enge, von Grachten begrenzte historische Zentrum platzte aus allen Nähten. Besonderes Ärgernis sind Anwohnern und Ordnungshüterinnen die grölenden Jungmänner-Horden. Ihre Ziele: Coffeeshops, das Rotlichtviertel und viel Amstel- oder Heineken-Bier in möglichst kurzer Zeit trinken.

Amsterdam: Durch Petition Touristenzahlen reduzieren

Der Stadtrat stimmte daher jetzt einer 30.000-Unterschriften-Petition der Initiative „Tourismus in Balance“ zu: Als erste Stadt weltweit will man die Zahl der Touristen begrenzen, auf 20 Millionen pro Jahr. „Das ist eine historische Entscheidung: Die Regel kommt direkt von den Bewohnern unserer Stadt. Ihre Stärke liegt darin, dass wir zusammen festgelegt haben, wie viele Touristen unsere Stadt verträgt“, freut sich Dantzig.

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Merle Krueger wohnt in Amsterdams Innenstadt und ist froh über das beschlossene Limit: „Die Touristen sitzen und laufen überall rum, müllen die Stadt zu. Wenn ich zum Supermarkt laufe am Wochenende, sind das Zustände wie zur Loveparade.“ Der Klassiker: „Sie blockieren die Brücken, um Selfies zu schießen“, sagt die 49-Jährige, die in der Modebranche arbeitet: „Die Leute verstehen nicht, dass das tatsächlich Verkehrswege sind.“

Neue Maßnahmen wie die höchste Bettensteuer Europas

Der gebürtige Amsterdamer Nic Zoetelif (54) stört sich daran, dass die Restaurants nur noch auf Touristen ausgerichtet sind. „Es gibt lediglich schnelles, schlechtes Essen und eine unfreundliche Bedienung. Die Inhaber interessiert es nicht, wenn die Touristen nicht zurückkommen. Es sind ja genug Neue da.“ Reisende ohne Erfahrung im Radfahren mieteten sich hier ein Rad, was gefährlich sei. „Ich meide die Innenstadt, wenn es irgendwie geht“, sagt der Personalchef. „Sie ist überfüllt und zum Themenpark verkommen. Pancake-Shops, Fast Food, Souvenirläden. Die Atmosphäre ging komplett verloren.“

Eine Reihe von Maßnahmen wurde bereits beschlossen. Die Stadt kassiert die höchste Bettensteuer Europas. Airbnb-Unterkünfte unterliegen strengen Auflagen. Von Donnerstag bis Sonntag dürfen Supermärkte im Rotlichtviertel keinen Alkohol mehr verkaufen. Tagsüber ist es ihnen verboten, gekühltes Bier anzubieten. Kameras in den Gassen zählen die Besucher. Bei Überfüllung wird abgesperrt.

Statt Amsterdam lieber nach Zandvoort oder Rotterdam

Highlife soll es auch in den Coffeeshops nicht mehr geben: Touristen, so der Plan, wird der Zugang zu den Cannabis-Cafés künftig verwehrt. Auch sollen Touristenströme auf die Randbezirke umgelegt werden. Ein 5000 Quadratmeter großes Erotikzentrum soll das Rotlichtviertel entlasten. Der Vorort Zandvoort wird als Amsterdam Beach vermarktet, Schloss Muiderslot als Amsterdam Castle.

Nachhaltig Reisen: Was ist sanfter Tourismus?
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Oder warum nicht gleich nach Rotterdam? Als „coole Hafenstadt, trendy Ausgehstadt, schicke Einkaufsstadt und hippe Künstlerstadt“ wird sie auf der Webseite gepriesen. Manch einer aber bricht auch eine Lanze für die Besucher: „Touristen zu verjagen, indem man hemmungslos die Steuern erhöht, den Bau neuer Hotels verbietet und Kreuzfahrtschiffe und Touristenbusse vertreibt, wie es der Stadtrat jetzt tut, ist überhaupt nicht nötig“, sagte Dirk Beljaarts, Chef des Gastronomieverbandes, der Zeitung „Het Parool“: „Die Politiker wollen nur ein paar Anwohnerinnen und Anwohnern nach dem Mund reden, die sich lautstark Gehör verschaffen wollten“, so seine Meinung.

Und was, wenn plötzlich keiner mehr kommt? Für diesen Fall wurde auch eine Untergrenze festgelegt. Reisen weniger als zehn Millionen Touristen im Jahr an, werden neue Maßnahmen beschlossen.

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