Pandemie

RKI-Chef Wieler hat genug: "Kann es nicht mehr ertragen"

| Lesedauer: 4 Minuten
Mehr als 65.000 Corona-Neuinfektionen binnen 24 Stunden

Mehr als 65.000 Corona-Neuinfektionen binnen 24 Stunden

Die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz bei den Corona-Neuinfektionen ist weiter angestiegen. Der Wert stieg auf 336,9 und erreichte damit den elften Tag in Folge einen neuen Höchststand. Binnen 24 Stunden wurden 65.371 Coronavirus-Neuinfektionen sowie 264 weitere Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19 verzeichnet.

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Berlin.  RKI-Chef Lothar Wieler ist wegen der schlimmen Corona-Lage in Deutschland der Kragen geplatzt. Der Politik machte er schwere Vorwürfe.

  • Der RKI-Chef Lothar Wieler warnt deutlich
  • In einem dramatischen Appell hat sich Wieler an sächsische Politiker gewandt
  • Auch von Drosten bekam der RKI-Chef Zuspruch

Der Chef des Robert Koch-Instituts, Lothar Wieler, hat mit dramatischen Worten vor den anstehenden Tagen und Wochen der Corona-Pandemie gewarnt.

Der spürbar angefressene Corona-Experte sprach in aller Deutlichkeit von überlasteten Kliniken und Gesundheitsämtern, einer hohen Dunkelziffer bei den Infektionszahlen und hunderten Menschen, die schon jetzt niemand mehr vor dem Tod bewahren kann. "Selbst mit bester medizinischer Versorgung nicht. Das Kind ist in den Brunnen gefallen", nahm der RKI-Chef bei einer Online-Diskussion mit dem sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU) am Mittwoch kein Blatt vor den Mund.

RKI-Chef Wieler warnt vor "superdüsterem" Weihnachten

Allein die Zahl der zu diesem Tag bereits feststehenden zukünftigen Corona-Toten bezifferte Wieler bei einer Sterberate von 0,8 Prozent auf 400 Personen. Zudem spitze sich die Lage in den Krankenhäusern immer weiter zu. Aufgrund der rasant ansteigenden Anzahl der Covid-Patienten, gebe es schon jetzt Probleme, Schwerkranke, wie Menschen mit Schlaganfällen, angemessen zu behandeln. "Die Versorgung ist bereits in allen Bundesländern nicht mehr der Regel entsprechend", sagte Wieler. Und das werde noch zunehmen.

Die Prognosen seien "superdüster" fuhr Wieler fort. "Wir waren noch nie so beunruhigt wie jetzt." Dabei habe das RKI bereits im Juli genau diese Szenarien in den vorgelegten Berichten prognostiziert. Dazu habe es klare Handlungsempfehlung gegeben und die Warnung, dass die vierte Welle ansonsten alles Bisherige in der Corona-Pandemie übertreffen könne.

Direkt und indirekt machte Wieler der Politik schwere Vorwürfe. Trotz der Mahnungen seien zu viele Bereiche zu schnell geöffnet worden. Gleichzeitg sei es nicht gelungen, das Impftempo zu erhöhen. Diese Fehler müssten nun schleunigst korrigiert werden.

RKI-Chef fordert konsequente Durchsetzung von 2G

Wielers konkrete Vorschläge: Clubs und Bars schließen, Großveranstaltungen absagen, Kontakte beschränken und eine konsequente Durchsetzung von 2G-Regeln. "Wir dürfen denen, die sich nicht impfen lassen, wirklich nicht die Chance geben, die Impfung zu umgehen, zum Beispiel, indem sie sich freitesten lassen."

Im Gegensatz zu 2G können bei 3G auch Menschen, die weder geimpft noch genesen sind, an öffentlichen Veranstaltungen teilnehmen oder im Büro arbeiten, wenn sie einen negativen Test vorlegen. Darin sieht Wieler einen großen Fehler. Die Pandemie lasse sich schlicht und einfach nicht wegtesten, so der RKI-Chef.

Auch für eine Beschleunigung des Impftempos, gerade angesichts der anstehenden Booster-Impfungen, machte Wieler eine klare Ansage. Er schlug vor, auch Apothekern und Apothekerinnen Impfungen zu ermöglichen. "Es muss jetzt Schluss sein, dass irgendwer irgendwelchen anderen Berufsgruppen aufgrund von irgendwelchen Umständen nicht gestattet, zu impfen. Wir sind in einer Notlage."

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Christian Drosten auf einer Linie mit Wieler

Christian Drosten sprang Wieler kurze Zeit nach dessen Vortrag zur Seite und nannte seine Worte ein "Plädoyer gegen die Standespolitik bei der Impfung und den Ausgleich fehlender Impfungen durch Testoptionen". Die Impflücken müssten jetzt geschlossen und das Tempo angezogen werden, schrieb Drosten auf Twitter.

Wieler forderte die Politik dazu auf, endlich zu handeln. "Wir müssen nicht ständig etwas Neues erfinden. Alle diese Konzepte und Rezepte sind vorhanden", sagte er. "Das ist 'ne klare Sprache, aber ich kann nach 21 Monaten es auch schlichtweg nicht mehr ertragen, dass es nicht vielleicht erkannt wird, was ich unter anderem sage und auch viele andere Kolleginnen und Kollegen." (jas/dpa)

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