Pandemie

Corona: Omikron-Welle bedroht Spanien – Frust bei Medizinern

| Lesedauer: 6 Minuten
Krankenhäuser am Limit: Wer darf behandelt werden?

Krankenhäuser am Limit: Wer darf behandelt werden?

Die Krankenhäuser arbeiten in der vierten Corona-Welle an der Belastungsgrenze. In manchen Bundesländern müssen Patienten verlegt und Behandlungen verschoben werden. Wie werden solche Entscheidungen getroffen? AFP hat dazu den Vorsitzenden der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß, befragt.

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Madrid  Spanien erlebt nach den Weihnachtstagen eine Explosion der Corona-Infektionszahlen. Die Strategie der Regierung sorgt für Frust.

  • Unter anderem wegen der Omikron-Variante steigen die Corona-Zahlen in Spanien rasant an
  • Dennoch gibt es kaum Beschränkungen – lediglich eine Maskenpflicht soll die Menschen schützen
  • Mediziner im ganzen Land sind wegen der angespannten Situation verzweifelt

Restaurants und Kneipen in Spaniens Hauptstadt Madrid sind brechend voll. Fußballspiele, Konzerte und Theatershows laufen mit vollem Haus und ohne jegliche Corona-Beschränkungen. Das Nachtleben pulsiert bis in den frühen Morgen. Auch die berühmteste Silvesterfeier Spaniens auf Madrids zentralem Platz Puerta del Sol ist mit Tausenden von Feiernden fest geplant ­– ohne Corona-Beschränkungen. Kein 2G, kein 3G. Nur die Maskenpflicht existiert als einzige Barriere.

Ausgehen und Fiesta mit Vollgas. Ganz so, als ob Corona und die hochansteckende Omikron-Variante nicht existieren würde. Monatelang ging das gut. Die Metropole Madrid, die sich gerne als Europas grenzenlose Partyhauptstadt feiern lässt, vertraute auf ihre ansehnliche Impfquote von 78 Prozent. Und auf den Schlachtruf ihrer regionalen Regierungschefin Isabel Ayuso, wonach die „Freiheit, mit den Freunden ein Bier zu trinken“ auch in Pandemiezeiten das wichtigste Bürgerecht sei.

Corona-Infektionen in Spanien: Omikron sorgt für Explosion nach Weihnachten

Doch nach Weihnachten wachten die sieben Millionen Einwohner der Hauptstadtregion mit einem dicken Kater auf: Die Zahl der Neuinfektionen explodierte plötzlich und erreichte ein Rekordhoch, wie es die Menschen in den letzten beiden Corona-Jahren noch nicht gesehen haben. Die offizielle Sieben-Tage-Inzidenz sprang nach den Feiertagen auf 1200 neue Ansteckungen pro 100.000 Einwohner. Und die Tendenz ist weiter steil ansteigend. Genauso wie in ganz Spanien, wo es ebenfalls die meisten Regionen bisher ohne nennenswerte Corona-Beschränkungen versuchten.

Die wirkliche Corona-Inzidenz in Madrid könnte noch sehr viel höher sein. Denn die öffentlichen Gesundheitszentren kommen mit den Tests nicht mehr hinterher. Viele Menschen mit Symptomen stehen stundenlang Schlange vor den Teststellen und müssen ohne die erhoffte Corona-Untersuchung wieder nach Hause. Auch die Apotheken können nicht helfen: Selbsttests sind schon seit Tagen ausverkauft und werden nun im Internet zu Wucherpreisen angeboten.

Spaniens Corona-Politik: Begeisterung bei Wirten, Frust im Gesundheitssektor

Madrids konservative Landesfürstin Isabel Ayuso sieht trotzdem keinen Grund zur Beunruhigung und will auch keine Beschränkungen erlassen. „Wir werden unsere Strategie nicht ändern“, verkündet sie. Diese Strategie fasst sie folgendermaßen zusammen: „Keine Schließungen, keine Verbote.“

Die Wirtschaft dürfe nicht weiter leiden, sagt sie und kann sich damit des Beifalls der Gastronomie sicher sein. Die Wirte feiern Ayuso deswegen als Schutzherrin ihrer Zunft.

Die Beschäftigten des Madrider Gesundheitssektors wissen derweil nicht, wie sie der neuen Corona-Welle Herr werden sollen. Auch nach zwei Jahren Pandemie mangelt es in Gesundheitszentren und Krankenhäusern an Personal und Testkapazitäten. Die Kontaktverfolgung existiert praktisch nicht. Ärzte und Schwestern fühlen sich von Ayusos regionaler Regierung, die für die Gesundheitspolitik Madrids verantwortlich ist, im Stich gelassen. „Wir werden den Löwen zum Fraß vorgeworfen“, klagt der Notfallmediziner César Carballo, der in einem Hospital in der Hauptstadt arbeitet.

Gesundheitsminister: Lage ist mit früheren Corona-Wellen nicht zu vergleichen

Ayusos Gesundheitsminister Enrique Escudero teilte währenddessen mit, dass die Omikron-Virusvariante inzwischen 90 Prozent aller Ansteckungen in der Stadt verursache. Trotzdem sei die Lage nicht mit früheren Corona-Wellen vergleichbar.

Dank der Impfkampagne müssten nur etwa zwei Prozent aller positiv Getesteten mit Komplikationen ins Krankenhaus, früher sei dieser Prozentsatz deutlich höher gewesen. Es sei daher nun keine Überfüllung der Hospitäler zu erwarten. Escudero: „Klinisch gesehen handelt es sich um eine leichtere Welle.“

Teneriffa hat mit Omikron zu kämpfen

Andere Regionen in Spanien, die es bisher ebenfalls auf die lockere Tour versuchten, sehen Omikron inzwischen nicht mehr ganz so gelassen. Etwa die kanarische Ferieninsel Teneriffa, die nun ähnlich heftig getroffen wurde wie Madrid. Auch auf Teneriffa liegt die Sieben-Tage-Inzidenz inzwischen bei über 1000 Fällen pro 100.000 Bewohner.

Dort warnen allerdings die Mediziner, dass es durch die Masse der Neuinfektionen sehr wohl noch zu einem Kollaps der Kliniken kommen könne. „Wir könnten an einen Punkt gelangen, an dem Zahl von eingelieferten Patienten genauso groß ist wie in früheren Phasen“, sagte ein örtlicher Krankenhaussprecher.

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Corona-Strategie: Auch Mallorca verschärft Regeln aus Angst vor Omikron

Die Inselregierung trat deswegen inzwischen auf die Notbremse. In der Gastronomie wurde jetzt nach langem Zögern die 3G-Regelung (geimpft, getestet, genesen) eingeführt und die Personenkapazität der Wirtshäuser beschränkt.

Ähnliches gilt auf Teneriffa für den Besuch von Kulturveranstaltungen und Fitnessstudios. Diskotheken und Nachtlokale müssen dort nun schon um ein Uhr schließen. Auch auf der Mittelmeerinsel Mallorca und an den Urlaubsküsten Costa Brava und Costa Blanca gibt es inzwischen ähnliche Restriktionen.

Spanien: Omikron könnte zu Ausfällen in der Infrastruktur führen

Der Virologe Salvador Peiró sieht noch eine weitere Gefahr für die Nation, die sich auch schon in anderen Ländern abzeichnet: Die Sieben-Tage-Inzidenz, die spanienweit mittlerweile bei über 800 liegt, werde noch weiter ansteigen, warnte er im staatlichen Rundfunk.

Störungen durch Krankheitsausfälle in strategischen Sektoren wie etwa im öffentlichen Nah- und Fernverkehr, auf Flughäfen oder im Sicherheitsbereich seien nicht mehr ausgeschlossen.

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