Politikwissenschaftlerin

Ulrike Guérot: Wo die Politologin ist, ist Provokation

| Lesedauer: 8 Minuten
Wo sie ist, ist Provokation: Die Politikwissenschaftlerin und Publizistin Ulrike Guérot.

Wo sie ist, ist Provokation: Die Politikwissenschaftlerin und Publizistin Ulrike Guérot.

Foto: Sascha Fromm / TA

Berlin.  Sie sitzt in Talkshows und gibt alternativen Plattformen Interviews. Ulrike Guérot steht wegen kontroverser Aussagen oft in der Kritik.

Vier gegen eine. So fühlte sich die Talkrunde für Ulrike Guérot wohl an. Vergangene Woche saß die Politikwissenschaftlerin bei „Markus Lanz“ im ZDF und erntete reichlich Kopfschütteln. Nicht nur von den anderen Gästen, auch vom Moderator selbst. Das lag vor allem an ihrer mitunter abstrusen Meinung über Putins Feldzug und der Frage, wer eigentlich Schuld hat an dem Gemetzel in der Ukraine.

Guérot sagte Dinge wie, dass sie gar nicht wisse, „welcher Krieg in den letzten Jahren oder Jahrzehnten irgendwie mal militärisch entschieden wurde.“ Den Einmarsch in die Ukraine nannte sie eine „Grenzüberschreitung“, nur um nach entrüsteter Nachfragerei, ob sie mit dem Begriff das Leid der Ukrainer nicht relativieren würde, sich damit zu rechtfertigen, dass das im geografischen Sinne gemeint war, weil Putins Panzer am 24. Februar (fälschlicherweise verwies sie mehrmals auf den 25. Februar als Datum des Kriegsbeginns) ja tatsächlich über die ukrainische Grenze rollten.

Aus ihrer Sicht führen die USA einen Stellvertreterkrieg gegen Russland und der Kremlchef sei auch nicht das „alleinige Übel“. Es sei „dokumentiert“, dass die Ukraine Russland provoziert habe. Die FDP-Politikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann, die neben ihr saß, schaute ungläubig drein, Lanz hegte immer wieder Zweifel an der Richtigkeit Guérots Äußerungen. Es war eine chaotische Runde, alle redeten gleichzeitig. Und es war nicht das erste Mal, dass Guérot nach einem öffentlichen Auftritt viel Kritik einstecken musste, aber auch einiges an Zustimmung erfuhr. Doch dazu später mehr.

Ulrike Guérot: Auch an ihrer Uni in Bonn ist sie umstritten

2021 wechselte Ulrike Guérot an die Universität Bonn. Dort erhielt die 58-Jährige einen Lehrstuhl für Europapolitik, obwohl sie seit vielen Jahren vorrangig als Publizistin in Erscheinung tritt, weniger als Wissenschaftlerin. Davor war die Professorin an der Universität für Weiterbildung im österreichischen Krems beschäftigt. 2014 gründete sie das „European Democracy Lab“, ein Thinktank, der die europäischen Nationalstaaten abschaffen, ein gemeinsames Parlament für alle Europäer einführen möchte, sich für ein europäisches Bürgergeld starkmacht. Die ganz großen Visionen. Bis heute ist sie im Vorstand.

Nicht nur an ihren kontroversen, teils trügerischen und manchmal unseriösen oder falschen Antworten, scheiden sich die Geister. Es ist auch ihre Person. Wo sie ist, ist Provokation. Mal sitzt sie in Gesprächssendungen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, mal steht sie verschwörungsideologischen Plattformen wie „Apolut“ oder „Punkt Preradovic“ für Interviews zu Verfügung.

Nach Äußerungen zur Ukraine: Studierende fürchten um den Ruf der Uni

An der Universität Bonn sind einige alles andere als begeistert von ihren Auftritten. Nachdem Guérot Anfang Mai bei Bild TV zu Gast war, forderte das Studierendenparlament sie auf, sich nicht mehr so zum Krieg in der Ukraine zu äußern, wie sie es in der Sendung getan hatte.

Dort habe sie, so die Hochschulgruppe, dem Land sein Recht auf Selbstverteidigung abgesprochen und zugleich behauptet, Deutschland könne sich juristisch durch die Lieferung schwerer Waffen zur Kriegspartei machen. Völkerrechtler hätten das widerlegt. Die „unfundierten“ Aussagen der Professorin seien einer Inhaberin des Lehrstuhls Europapolitik nicht angemessen und schadeten dem Ruf der Uni.

Der Bonner „General Anzeiger“ kam jedoch zur Einschätzung, dass Guérot nicht das Selbstbestimmungsgesetz der Ukraine angezweifelt habe. Auch ihr Bezug zu den Waffenlieferungen sei nicht ganz korrekt wiedergegeben worden, da sich Guérot auf die Ausbildung ukrainischer Soldaten in Deutschland bezogen habe.

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Äußerungen über Ukraine: Wird die Professorin gecancelt?

Andererseits erhält die Politologin Zuspruch für ihre Haltung. Offenbar hätte man Guérot nur in die Lanz-Sendung vom 2. Juni eingeladen, um an ihr ein „Exempel zu statuieren“, argwöhnte der Autor Milosz Matuschek in einem Gastbeitrag in der „Berliner Zeitung“. Dabei wolle Guérot in der Diskussion um Russlands Invasion doch nur eine Brücke zum Frieden bauen.

Nun wolle man die umstrittene Politikwissenschaftlerin wegen einiger „harmlosen“ Fragen mundtot machen. Für ihn rieche das stark nach Cancel Culture, argumentierte Matuschek und zog den Vergleich zu Joshua Kimmich. Zur Erinnerung: Der Fußballprofi Kimmich hatte im vergangenen Herbst eine Impfung mit einem mRNA-Impfstoff vorerst abgelehnt und wurde dafür vielfach kritisiert. Wenig später infizierte er sich mit Covid-19.

Auch als Autorin mehrerer Bücher, darunter viel beachtete Bestseller, trat Ulrike Guérot in Erscheinung. Im März 2022 veröffentlichte sie das Essay „Wer schweigt, stimmt zu.“ Es kommt einer Abrechnung mit den Corona-Maßnahmen gleich – und rückte Guérot in die Ecke der Querdenker und Verschwörungstheoretiker.

Guérot schreibt von einer „Gleichschaltung“ der Medien

Das kommt nicht von ungefähr, schaut man sich einen Abschnitt an, in dem sie schwer verdauliche Putschfantasien durchspielt. „Zuerst räumen wir auf, jeder in seinem Land“, schreibt sie. Sollte das Virus nicht von der Fledermaus auf den Menschen gesprungen sein, sondern aus einem Labor kommen, „überantworten wir die Verantwortlichen dem Internationalen Strafgerichtshof.“ Und weiter: „Wir bitten die USA, sich um Anthony Fauci und Bill Gates zu kümmern.“ Wenige Zeilen später fabelt sie von der Schließung der Weltgesundheitsorganisation (WHO), um anschließend ihre „finanziellen Verstrickungen mit der Pharmaindustrie“ zu durchforsten.

Die Passage, die im Vorabdruck beim alternativen Onlinemagazin „Rubikon“ erschien, wurde nach großem Entsetzen gelöscht. An anderer Stelle spricht sie zudem von einer „Gleichschaltung“ der Medien in Sachen Pandemie-Berichterstattung. Ein historisch problematischer Begriff. Er beschreibt, wie Adolf Hitler ab 1933 alle Institutionen auf die Ziele des Nationalsozialismus hin ausrichtete.

Angeblich hat sie das Buch innerhalb von drei Wochen niedergetippt. „Ich musste das einfach mal aufschreiben“, sagte sie der „Welt“. Und offenbar hat sie es in der Eile mit Quellenangaben und Nennung von Zitatgebern nicht allzu genau genommen. Gemäß einem Gastbeitrag des Politikwissenschaftlers Markus Linden in der „FAZ“ soll Guérot großflächig abgeschrieben haben – etwa bei den Philosophen Paul Watzlawick und Marina Garcés.

Auf die Plagiatsvorwürfe hat der Buchverlag bereits reagiert

Demnach hat sie von Watzlawick lange Passagen kopiert und dabei einige Wörter geändert haben, ohne den Urheber zu nennen. Textstellen von Garcés soll Guérot übernommen und paraphrasiert haben. Der Westend-Verlag hat bereits angekündigt, die Stellen in der elektronischen Ausgabe und in der nächsten Druckfassung als Zitate auszuweisen.

Abgesehen von den Plagiatsvorwürfen geißelt Linden, dass Guérot die Pandemiepolitik „regelmäßig mit irreführenden Aussagen“ getadelt habe, bei denen es sich um Halbwahrheiten und Falschaussagen handle. Im Dezember sagte sie im österreichischen Fernsehen, dass Impfgegner besser informiert seien als Impfbefürworter. Dafür bezog sie sich auf eine Studie des Massachusetts Institute of Technology (MIT), die jedoch das Gegenteil belegte, so Linden. Auch ihre Behauptung wenige Wochen später, dass „zwei Drittel der deutschen Schüler inzwischen an Depressionen“ litten, wäre schlicht falsch gewesen. Trotz der Verbreitung von Unwahrheiten bezeichnet der Politikwissenschaftler Guérot als „Ikone der Meinungsfreiheit“ unter Kritikern der Corona-Politik.

Dennoch bleibt die umstrittene Professorin eine medial gefragte Person. Am Mittwoch erschien ein Interview auf dem Online-Portal „Plattform-Interview“. Das Gespräch fand bereits im März statt und sei lange nicht freigegeben worden, heißt es von der Redaktion. In dem Interview geht es auch um den Krieg. „Ist Putin also von Wahn getrieben oder wurde er ‚getriggert?‘“, will der Journalist wissen. Ulrike Guérot hat ihre Antwort in der Autorisierung entfernt.

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Dieser Artikel ist zuerst auf morgenpost.de erschienen.

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