Pandemie

Neue Corona-Regeln im Herbst: Was kommt, was nicht kommt

| Lesedauer: 5 Minuten
Experten ziehen gemischte Bilanz bisheriger Corona-Maßnahmen

Experten ziehen gemischte Bilanz bisheriger Corona-Maßnahmen

Eine Expertenkommission hat die Wirksamkeit der Corona-Maßnahmen der letzten beiden Jahre unter die Lupe genommen und eine gemischte Bilanz gezogen. Viele Beschränkungen hätten nur zu Beginn der Pandemie Wirksamkeit entfaltet, erklären die Forscher.

Beschreibung anzeigen

Berlin.  Neue Lockdowns schließen die Spitzen der Ampel aus. Strittig sind Schulschließungen, Tests und Isolationsregeln. Was gilt im Herbst?

Vorsichtiger Optimismus für die kommenden Wochen, aber massive Sorgen mit Blick auf den Herbst: Wegen der beginnenden Sommerferien könnte sich die aktuelle Sommerwelle selbst begrenzen, schreibt Gesundheitsminister Karl Lauterbach auf Twitter. Nach dem Sommer aber müsse das Land „auch auf sehr schwere Varianten vorbereitet sein“, erklärte der SPD-Politiker am Wochenende. Geht es nach Lauterbach, brauchen die Länder einen gut gefüllten Instrumentenkasten, es könne „keine Schmalspurangelegenheit“ werden. Das politische Ringen um den Corona-Schutz im kommenden dritten Pandemiewinter ist in vollem Gange – erste Antworten stehen schon fest.

Notfallplan für die Corona-Welle im Herbst: Nie wieder Lockdowns?

Ein Lockdown kann sinnvoll sein, vor allem am Anfang einer Pandemie: So weit die Einschätzung der Experten, die am Freitag ihren Evaluationsbericht zu den bisherigen Pandemiemaßnahmen vorgestellt hatten. Die deutschen Amtsärzte wünsche sich deshalb, dass Lockdown-Maßnahmen, also flächendeckende Schließungen, zumindest als Option für den Notfall im künftigen Infektionsschutzgesetz vorkommen. In der Ampelkoalition gibt es dafür aber keine Mehrheit: Die FDP-Fraktion schließt diese Maßnahmen kategorisch aus. „Die Lockdowns, die können nicht wiederkommen, die Ausgangssperren, auch Schulschließungen dürften kein Instrument mehr sein, das wir flächendeckend nutzen“, sagt FDP-Fraktionschef Christian Dürr. FDP-Vize Wolfgang Kubicki erklärte am Montag, auch „branchenspezifische Schließungen“ würden nicht mehr möglich sein. „Über alles andere reden wir“, sagte Kubicki. Lesen Sie auch: Corona-Gutachten: Das empfehlen Experten für den Herbst

Auch Bundeskanzler Olaf Scholz und Gesundheitsminister Lauterbach wollen keine Lockdowns mehr einsetzen: Eine weitgehende Stilllegung des öffentlichen Lebens sei nicht mehr nötig, so Lauterbach. „Dafür haben wir einfach einen zu guten Immunstatus in der Bevölkerung“, erklärte er. Umgekehrt sind sich die Ampel-Partner einig, dass Maskentragen wieder eine Rolle spielen wird. Offen ist allerdings, wie, wann und wo eine Maskenpflicht gelten soll.

Kinder und Jugendliche: Sind Schulschließungen ausgeschlossen?

Bei Schulschließungen will sich Lauterbach dagegen nicht endgültig festlegen: Anders als der Kanzler und die FDP will der Gesundheitsminister sie nicht völlig ausschließen. „Ich halte sie für sehr, sehr unwahrscheinlich. Sie wären dann das allerletzte Mittel. Aber sie kategorisch auszuschließen, da wäre ich vorsichtig, weil: Wir wissen ja nicht, welche Virusvarianten kommen“, sagte der SPD-Politiker am Sonntagabend in der ARD. FDP-Justizminister Marco Buschmann hatte sich bereits gegen mögliche Schulschließungen ausgesprochen. Auch Scholz erklärte: „Schulschließungen sollte es nicht mehr geben.“

Restaurants & Läden: Kommt die Testpflicht statt der 2G-Regel?

Die Sachverständigen kommen in ihrem Evaluationsbericht zu dem Ergebnis, dass in der jetzigen Lage der Effekt von 2G-Maßnahmen (Zugang nur für Geimpfte und Genesene) in den ersten Wochen nach der Boosterimpfung oder Genesung hoch sei. Der Schutz vor einer Infektion lasse mit der Zeit jedoch deutlich nach. Sollten im Herbst wieder Zugangsbeschränkungen nötig sein, so seien unabhängig vom Impfstatus Tests zu empfehlen.

Der Grünen-Gesundheitspolitiker Janosch Dahmen spricht sich mittlerweile für exakt diesen Weg aus: Sollte sich die Infektionslage im Herbst verschärfen, sei eine allgemeine Testpflicht sinnvoll, unabhängig davon, ob jemand geimpft oder genesen sei. „Denn auch Geimpfte und Genesene können sich – wenn auch weniger häufig – infizieren und andere anstecken.“ Es gelte nun, die rechtlichen Grundlagen für so einen Schritt zu schaffen.

Quarantäne: Was wird aus der Isolation für Infizierte?

Aktuell müssen Menschen mit einer Corona-Infektion nur noch fünf statt sieben Tage in Isolation. Ein „Freitesten“ am fünften Tag wird „dringend“ geraten, verpflichtend ist es nur für Beschäftigte im Bereich Gesundheit und Pflege. FDP-Vize Kubicki sprach sich angesichts der Corona-Ausfälle beim Personal an Kliniken in Schleswig-Holstein für kürzere Quarantänezeiten aus. Das Universitätsklinikum hatte angekündigt, an den Standorten Kiel und Lübeck Stationen vorübergehend zu schließen. Mit Stand vom Freitag waren 479 Mitarbeitende in Quarantäne. Kubicki sprach sich für mögliche Freitestungen mit einem Schnelltest schon nach drei Tagen aus. Wenn Infizierte dann andere nicht mehr ansteckten, könnten sie auch wieder in ihren Dienst zurückkehren.

Patientenschützer dagegen fordern den entgegengesetzten Weg: Bereits die jüngste Verkürzung der Isolationspflicht von Infizierten auf nur fünf Tage befeuere die unkontrollierte Ausbreitung von Corona, sagte Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, unserer Redaktion. Damit werde es im Herbst immer gefährlicher für schwerst kranke, pflegebedürftige und chronisch kranke Menschen. „Deshalb muss die Isolationszeit für Corona-Positive auf zehn Tage verlängert werden“, forderte Brysch. Diese dürfe nur mit einem negativen PCR-Test verkürzt werden.

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.

Fragen zum Artikel? Mailen Sie uns: redaktion.online-bzv@funkemedien.de