Ruhestand muss keine Vollbremsung sein

Peine  Die Freiwilligen Agentur bietet zahlreiche Möglichkeiten. Ex-Bürgermeister Kessler genießt neue Freiheit.

Es gibt Arbeitnehmer wie Selbstständige, die sehnen den Beginn ihres Ruhestands herbei. Wer 45 Jahre am Band gestanden oder Dächer gedeckt hat, zum Beispiel. Andere würden gern noch länger arbeiten, weil sie sich fit genug für den Job fühlen. So oder so, irgendwann ist man Rentner und hat alle Zeit der Welt – wie aber schafft man den Übergang? Kann man sich vielleicht mit einem der Ratgeber vorbereiten, wie sie im Buchhandel erhältlich sind?

Peines derzeit bekanntester Neu-Ruheständler, der frühere Peiner Bürgermeister Michael Kessler hat sich damit nicht so intensiv beschäftigt. Seine Entscheidung, nicht mehr zur Wiederwahl anzutreten, sei durch andere Faktoren geprägt gewesen: „Ich bin der Überzeugung, dass man im Alter, ich werde im März 68, nicht mehr die nötige Kraft aufbringt, die für diesen Job erforderlich ist.“

Aber ist es denn wirklich möglich, das Arbeitspensum von Hundert auf null zu drehen? In den ersten Wochen hatte Kessler noch diverse Dinge abzuwickeln, aber ansonsten reduziere es sich schon in dieser Geschwindigkeit. „Darauf muss man gefasst sein, denn man ist von heute auf morgen von allen Informationsquellen abgeschnitten“, so Kessler.

Viele Arbeitnehmer bleiben ihrem Arbeitgeber als Teilzeitkraft oder Minijobber erhalten. Bei Kessler ist das seine Funktion als stellvertretender Vorsitzender des Wasserverbandes. „Der kann ich mich nun noch intensiver widmen – wie man an der aktuellen Diskussion über Nitratwerte erkennen kann, auch eine spannende Aufgabe.“

Ob Michael Kessler ehrenamtliche Tätigkeiten übernehmen werde, sei noch offen. Er möchte bis zum Jahresende erst einmal Erfahrungen sammeln, welches Zeitkontingent er zur Verfügung habe, ohne gleich wieder private Interessen zu torpedieren.

Bei der Suche nach ehrenamtlicher Tätigkeit könnte sich Kessler von Gabriele Daniel bei der Freiwilligen-Agentur in Peine beraten lassen. Sie freut sich auf Frauen und Männer, die das Älterwerden als Gewinn und nicht als Verlust betrachten, ihre Erfahrzungen und Kompetenzen teilen wollen. Die Agentur hat Angebote für die, die sich aus Zeitgründen bislang nirgendwo im Sportverein, Hilfsorganisation oder Partei engagiert haben. Als Referentin für Gesundheitsförderung verweist sie auf einen positiven Aspekt des Engagements: „Ehrenamtliche leben im Schnitt sieben Jahre länger als Untätige.“ Typische Couch-Potatoes werden nach ihrer Erfahrung ihren Ruhestand dennoch vor dem Fernseher verbringen. Wenn es aber in der Familie schon eine Ehrenamtskultur gebe, seien sicher alle irgendwo aktiv.

„Aber natürlich wissen wir auch, dass die Rentner gern unterwegs sind“, weiß Gabriele Daniel. Das müsse und lasse sich mit einem Engagement in der Freiwilligen-Agentur koordinieren. Ihr nächster Rat: Man kann erst einmal projektbezogen arbeiten.

Und auf was freut sich ein Ruheständler wie Michael Kessler sonst am meisten? „Mehr Familie, mehr reisen, mehr lesen – und auf mehr Zeit mit meiner Enkelin.“

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