Rollstuhlfahrer aus Sierße: Unbekannte haben mich beraubt

Sierße.  Der Rentner Georg Meyer berichtet von dem Trickdiebstahl. Die Polizei appelliert: solche Straftaten anzeigen.

Georg Meyer auf seinem Elektro-Roller, mit dem er oft unterwegs ist. 

Georg Meyer auf seinem Elektro-Roller, mit dem er oft unterwegs ist. 

Foto: Harald Meyer

Der Bombenangriff auf Braunschweig im Oktober 1944 – später im Jahr 1945 die Banden, die „die Bewohner der Lindenbergsiedlung in Braunschweig überfallen und geplündert haben“: Mit seinen 82 Jahren hat Georg Meyer aus Sierße schon allerhand erlebt. Und nun noch diese Erfahrung, die ihn nach wie vor beschäftigt: „Ein Duo – Mann und Frau – hat mein Geld geraubt“, berichtet Meyer, als Rollstuhlfahrer sei er ihnen ausgeliefert gewesen.

Zeugen für dieses dreiste und auch feige Verbrechen gibt es nicht – jedenfalls sind sie Georg Meyer nicht bekannt. Und die Polizei informiert und Anzeige erstattet hat der Ruheständler auch nicht – ein Fehler, wie die Peiner Polizeisprecherin Stephanie Schmidt betont, denn: „Ein solcher Diebstahl ist kein Kavaliersdelikt.“ Es gehe hier allem Anschein nach um eine Straftat (Trickdiebstahl), den Tätern drohe eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren oder eine Geldstrafe. „Als Gutmensch habe ich auf eine Anzeige bei der Polizei verzichtet, um die Statistik nicht zu verderben“, hat Meyer nach wie vor den „Schalk im Nacken“ – auch wenn er aus gesundheitlichen Gründen nun bereits seit drei Jahren an den Rollstuhl gefesselt ist.

„Der Unbekannte hat mir 90 Euro aus meiner Geldbörse gestohlen“

Doch das hält den Malermeister und früheren Berufsschullehrer nicht davon ab, regelmäßig seine Touren mit dem Elektro-Rollstuhl zu unternehmen. So wie an jenem Donnerstag, als er sich nach Einkäufen in Vechelde auf der Rückfahrt nach Sierße befunden hat – auf dem Radweg an der Bundesstraße 65 ist es dann um ungefähr 15 Uhr zu jenen Ereignissen gekommen, die den so lebenslustigen Rentner belasten und die er selbst mit diesen Worten schildert: Zwischen Kreisel und Sierßer Friedhof sind ihm zwei Personen entgegengekommen – „ein 1,85 bis 1,90 Meter großer Mann von massiger Gestalt und eine Frau, etwa 1,5 Köpfe kleiner“. Von dem, was das Paar dem Sierßer gesagt hat, versteht Meyer nur „Zahnarzt“ und weist dann in Richtung Vechelde – dort, wo der nächste Zahnarzt seine Praxis hat. „Nach etwa 100 Metern habe ich bemerkt, dass im Korb meines Rohstuhls die Einkaufstasche mit dem Portemonnaie gefehlt hat“, berichtet der 82-Jährige. Daraufhin sei der den beiden Unbekannten hinterhergefahren – „das ist mutig, vielleicht auch leichtsinnig gewesen“, sagt Meyer heute: zumal „sonst niemand auf der Bundesstraße zu sehen war – weder Autofahrer, noch Radfahrer oder andere Fußgänger“. Als sich Meyer den beiden Unbekannten nähert, sieht er bei ihnen seine Einkaufstasche. „Als ich sie erreiche – mit meinem Rollstuhl kann ich 15 Stundenkilometer fahren – geben sie mir die Tasche mitsamt voller Geldbörse zurück“, ist der Sierßer selbst überrascht. Doch dann passiert’s: „Die beiden Unbekannten fragen mich nach 20 Cent zum Telefonieren“, fährt er fort: „Als ich im Münzfach meines Portemonnaies das Geldstück herausnehmen will, ist eine Hand des Mannes ebenfalls im Münzfach – in dem Moment muss er mir mit seiner anderen Hand 90 Euro in Scheinen aus der Geldbörse gestohlen haben.“ Erst später, als er Zuhause ankommt, bemerkt Meyer den Diebstahl: „Das muss ein Profi gewesen sein.“

„Ich habe noch Glück gehabt, das Paar hätte mich auch schlagen können“

Im Nachhinein sagt er nachdenklich: „Ich habe vielleicht noch Glück gehabt, denn das Paar hätte mich auch schlagen und in den Straßengraben stürzen können – im Rollstuhl wäre ich ihm hilflos ausgeliefert gewesen.“ Für die Zukunft nimmt er aus diesem Vorfall mit: „Das Portemonnaie immer am Leib haben und im Beisein von Fremden nicht auspacken.“ Allerdings: Den Glauben an die Menschen hat Meyer, der in der Vergangenheit unter anderem durch seine Kunstausstellungen auf sich aufmerksam gemacht hat, nicht verloren: „Ich erlebe tagtäglich, wie hilfsbereit die Leute mir gegenüber sind.“

„Wir raten immer dazu, solche Vorfälle unbedingt zur Anzeige zu bringen“, appelliert Polizeisprecherin Stephanie Schmidt. Nur so könnten die Täter belangt werden – das sei auch deshalb wichtig, weil „sie sonst auch noch andere schädigen können“.

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