Nach Spendenaufruf: Zuspruch und Hetze gegen Jutta Ditfurth

Berlin/Frankfurt.  Die Ex-Grüne ist offenbar mit Corona infiziert, ihre Lesungen sind abgesagt. Jetzt startet die Publizistin einen ungewöhnlichen Aufruf.

Die Publizistin und Politikerin Jutta Ditfurth zu Gast in der ARD Talkshow Maischberger 2017 in Köln.

Die Publizistin und Politikerin Jutta Ditfurth zu Gast in der ARD Talkshow Maischberger 2017 in Köln.

Foto: Horst Galuschka / imago/Horst Galuschka

Als sie schon mehrere Nächte mit Gliederschmerzen, Fieber und Husten durchlebt hatte, schreibt Jutta Ditfurth einen Eintrag bei Twitter. „Ich schaffs nicht ohne Eure Hilfe“, formuliert sie. „Erst wochenlang grippekrank, jetzt 3. Tag Covid19.“ Und: „Was soll ich noch sagen?“

Darunter postet Ditfurth, einst Grünen-Mitgründerin und Vorsitzende, heute Politikerin in ihrer eigenen linken Splitterpartei in Frankfurt und Publizistin, ihre Kontonummer.

Viele Künstler, freischaffende Autoren, Musiker, Buchautoren sind schwer getroffen von den Folgen der Pandemie. Vielerorts im Internet gibt es Spendenaufrufe für Künstler oder Klubs, die nun möglicherweise für Monate ihre Türen schließen mussten. Ditfurth ist die erste Prominente unter ihnen, die so direkt um Spenden bittet. Diese Prominenten sind mit dem Coronavirus infiziert.

Kein Einkommen, keine Notreserve, keine Aussicht, wie lange der Ausnahmezustand anhält. Jutta Ditfurth legt ihren digitalen Hut auf das Twitter-Pflaster.

Jutta Ditfurth: „Unser Gesundheitswesen ist kaputt gespart“

Alle ihre 15 Lesungen und Vorträge bis zum Sommer seien abgesagt worden, erklärt die Publizistin im Telefonat mit unserer Redaktion. Ausfallhonorar im Fall der Pandemie: Gebe es nicht. „Zudem wissen ja viele dieser Klubs, Buchhandlungen und Theater selbst nicht, wie es weitergehen soll“, sagt Ditfurth. Derzeit arbeite sie an einem neuen Sachbuch. „Ich muss Vorträge halten, um mein Schreiben zu finanzieren.“ Leicht gefallen sei ihr der Spendenaufruf nicht.

Politik, sagt Ditfurth, mache sie seit 40 Jahren ehrenamtlich. Obwohl schon 68 Jahre alt, arbeite sie weiter als Publizistin und Politikerin. Die Rente würde nicht zum Leben reichen, sagte sie im Interview mit „Spiegel Online“.

Die Aufwandsentschädigung von gut 1000 Euro für ihre Arbeit als Stadtverordnete in Frankfurt fließe in die Geschäftsstelle ihrer Partei. Weil ihre Partei nur zu zweit im Parlament sitze, bekäme sie nicht das Geld, das einer Fraktion mit mindestens drei Verordneten zustehe. Das seien allein 150.000 Euro, die ihrer politischen Arbeit entgehe.

Ditfurth hat Geschmackssinn verloren: Typisches Symptom für Covid-19-Erkrankung

Die Corona-Krise verfolgt Ditfurth nun als Politikerin – und als Patientin. Sie hat einst Medizinsoziologie studiert, in Krankenhäusern geforscht. Heute sagt sie: „Wir haben längst ein kaputt gespartes Gesundheitswesen.“ Es gebe zu wenige Pflegekräfte im Krankenhaus, zu „miese“ Bezahlung, „zu viele Überstunden“. Dass Pflegekräften in Zeiten der Pandemie in vielen Städten beklatscht würden für ihren Einsatz in der Krise, sei „ja ganz nett“, sagt die linke Politikerin. „Aber wer steht im Arbeitskampf auf ihrer Seite?“

Auch Ditfurth berichtet, dass sie nicht auf den Corona-Virus getestet worden sei. „In Frankfurt bekommt keine Covid19-Erkrankte einen Test, wenn sie nicht aus einem Risikogebiet wie Südtirol kommt.“ Ditfurth habe nun die Symptome mit ihrem Arzt besprochen. Weil sie gerade erst eine schwere Grippe gehabt hatte, sei nun eine Infektion mit Corona „ziemlich sicher“. Zudem habe sie noch den Geschmackssinn verloren, ein typisches Symptom einer Infektion mit dem Coronavirus. Dennoch würde sie sich gerne testen lassen. Hintergrund: Was Sie über den Corona-Test wissen müssen.

Ditfurth bekomme viele „liebenswürdige Schreiben“ auf ihren Spendenaufruf

Die Reaktion auf ihren Spendenaufruf sei überwiegend positiv, sagt Ditfurth. Sie bekomme Zuspruch, „viele liebenswürdige Schreiben“ – und Spenden. Auch von Menschen, die ihre politische Haltung nicht teilen: „Ein paar tausend Euro kommen sicherlich zusammen.“

Die Bundesregierung will in der Krise Solo-Selbstständigen mit Milliarden helfen. Bis zu 9000 Euro für drei Monate können auch Freiberufler und Künstler beantragen. Geld, das auch Ditfurth helfen kann.

Vor allem das Netz ist in der Corona-Pandemie zu einem Ort der Solidarität geworden. Zu einem Treffpunkt in Zeiten von Kontaktverboten. Zu einer Chance für Künstler und Autoren, trotz Verdienstausfall noch an Geld zu kommen.

Künstler geben Konzerte per Live-Video aus ihrem Wohnzimmer. Gegen Spende. Viele rufen online dazu auf, Tickets für Veranstaltungen nicht zurückzugeben – und so die Künstler oder Buchautoren zu unterstützen. In einer Online-Petition ruft ein Sänger zur Hilfe für Freischaffende auf. Fast 300.000 unterzeichneten schon.

Extreme Rechte forcieren die Häme gegen Ditfurth im Netz

Die Publizistin Ditfurth hat auch eine andere Seite kennengelernt. Sie erlebt eine Welle von Hetze und Häme. Unter dem Spendenaufruf bei Twitter sammeln sich Hunderte Kommentare, die ihr „schäbigen Charakter“ vorwerfen. Die ihr raten, bei der Ernte zu helfen, weil jetzt Erntehelfer gesucht würden. Das sind noch die freundlichen Angebote.

Viele nehmen ihr die Not nicht ab. Jutta Ditfurth sagt: Zu glauben, sie sei reich, nur weil sie bekannt sei – das sei ein Irrtum.

Wer die Hetze gegen Ditfurth verstehen will, muss in ihre Biografie schauen. Sie reist seit vielen Jahren durch das Land und hält Vorträge zu Antisemitismus, zu rechten Verschwörungstheoretikern, zu Rassismus. Schon zu ihrer Zeit bei den Grünen gehörte sie zum Linksaußen-Flügel, ist bei den Protesten in Brokdorf und gegen die Startbahn-West dabei. Heute trägt ihre Partei, ÖkoLinX-Antirassistische Liste, Antirassismus schon im Namen.

Drohungen gegen Ditfurth: Kot im Briefkasten, Feuer im Hauseingang

Auch provokant. Kurz vor dem starken Ausbruch der Corona-Pandemie in Deutschland hatte sie auf Twitter noch kokettiert, mit ihrer Grippe „niesend“ durch die Reihen der AfD-Abgeordneten zu laufen. Ein Scherz, wie sie später hervorhebt. Das sei offensichtlich.

Ihre Positionen und ihre Biografie machen sie zum Feindbild für Rechte. Ihren Spendenaufruf nutzen Akteure wie der Rechtsextremist Martin Sellner und der neurechte Publizist Götz Kubitschek nun, um gegen sie anzugehen. Sie greifen die Stimmung im Netz gegen Ditfurth auf und forcieren sie.

„Dass gegen mich gehetzt wird oder ich bedroht werde, ist nicht neu für mich“, sagt Ditfurth. Schon in den 80er-Jahren hätten ihr Neonazis Kot in den Briefkasten geworfen, zweimal im Hauseingang des Mehrfamilienhauses, wo sie lebt, Feuer gelegt. „Ich habe damals gelernt, diese Angriffe nicht persönlich zu nehmen, sondern politisch“, sagt sie heute.

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