„Most Wanted“: Die Welt sucht Wirecard-Manager Jan Marsalek

Berlin.  Partys, Sushi auf Nackten und Kampfjets: Jan Marsalek soll ein bizarres Leben geführt haben. Jetzt sucht Interpol den Wirecard-Manager.

Der frühere Vertriebschef von Wirecard, Jan Marsalek, wird von Interpol und dem Bundeskriminalamt gesucht.

Der frühere Vertriebschef von Wirecard, Jan Marsalek, wird von Interpol und dem Bundeskriminalamt gesucht.

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Am Donnerstag, den 18. Juni, brach das Kartenhaus zusammen. An diesem 18. Juni wollte der Zahlungsdienstleister Wirecard, einstiger Börsenliebling deutscher Aktionäre, sein Testat vorlegen. An diesem 18. Juni musste Wirecard eingestehen, dass EY kein Testat ausstellen würde, weil 1,9 Milliarden Euro nicht auffindbar seien.

Es folgte ein historischer Aktienabsturz, der Anteilsschein verlor 62 Prozent seines Wertes, der zweitgrößte Absturz in der Dax-Geschichte. Noch am Abend teilte Wirecard mit, dass der für das Tagesgeschäft zuständige Manager Jan Marsalek freigestellt werden würde, vier Tage später wurde er fristlos entlassen.

Damals war der 40-jährige Österreicher wohl nur Insidern der Tech-Branche ein Begriff. Mittlerweile kennt ihn die ganze Welt. Denn Marsalek steht nun auf der „Most Wanted“-Liste der international meistgesuchten Verbrecher, der sogenannten Red-Notice-Liste. Eine „Red Notice“, eine „rote Notiz“, von Interpol ist eine Aufforderung für Strafverfolgungsbehörden weltweit, die entsprechende Person ausfindig zu machen und festzunehmen.

Wirecard: Auch das Bundeskriminalamt fahndet nach Jan Marsalek

Auch das Bundeskriminalamt (BKA) sucht öffentlich nach dem früheren Topmanager. In der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY“ bat Moderator Rudi Cerne die Bevölkerung um Hinweise auf den gebürtigen Wiener. 4,42 Millionen Menschen verfolgten die Sendung live und sahen unter anderem, wie zwei Passbilder zum Ex-Vertriebsvorstand von Wirecard präsentiert wurden.

Eines zeigt Jan Marsalek rasiert, eines mit dichtem Bart. „Bisher sind Hinweise im unteren zweistelligen Bereich eingegangen“, teilte das BKA unserer Redaktion mit. Eine Belohnung auf Hinweise sei nicht ausgelobt, teilte die Münchener Staatsanwaltschaft I unserer Redaktion mit.

Bericht: Wirecard könnte Millionen zur Seite geschafft haben

Die Staatsanwaltschaft wirft Marsalek unter anderem „gewerbsmäßigen Bandenbetrug“ vor. Zusammen mit Ex-Wirecard-Chef Markus Braun soll er seit 2015 die Bilanzen aufgebläht haben. Aufgrund der vermeintlich hohen Umsätze konnte Wirecard immer wieder viel Geld einsammeln, zuletzt hatten Banken und Investoren dem Unternehmen rund 3,2 Milliarden Euro geliehen, die nun höchstwahrscheinlich verloren sind.

Doch nicht nur das. Laut Recherchen der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ) hat sich Wirecard im ersten Halbjahr 800 Millionen Euro von Banken besorgt. Als Wirecard im Juni Insolvenz anmeldete, waren die Kassen aber leer. Mehrere Hundert Millionen Euro könnten beiseitegeschafft worden sein, schreibt die Zeitung. Möglicherweise sind sie bei asiatischen Firmen gelandet, die in Verbindung zu Marsalek und Braun stehen.

Philippinen bestätigen Tod von Ex-Asienchef von Wirecard

Einer, der vielleicht etwas zu den Geldern hätte sagen können, ist tot. Bereits in der vergangenen Woche tauchte eine Todesanzeige des früheren Asienchefs von Wirecard auf. Gestern teilte der philippinische Justizminister Menardo Guevarra mit, dass der 45-Jährige eines natürlichen Todes gestorben und eingeäschert worden sei.

Viele Spuren führen auf die Philippinen. Hier wollte Wirecard seine zwei Treuhandkonten mit den 1,9 Milliarden Euro gehabt haben. Beides existierte wohl nie. Und hierhin führte die erste Fährte auf der Flucht von Jan Marsalek. Doch die hatte der 40-Jährige wohl selbst gelegt. Wie philippinische Ermittlungsbehörden gestern mitteilten, hätten zwei Beamte des Immigrationsbüros Reisedaten von Marsalek gefälscht. Die Einträge „sollten offenbar nur eine Ablenkung sein, um die Aufmerksamkeit der europäischen Behörden auf die Philippinen und nicht auf deren eigene Gerichtsbarkeit zu lenken“, so die Behörde.

Marsalek soll enge Kontakte zu Geheimdiensten gehabt haben

Laut der Investigativ-Plattform „Bellincat“ soll Marsalek stattdessen über Österreich nach Weißrussland gereist sein. Von dort aus soll es weiter nach Moskau gegangen sein, wo Marsalek laut „Handelsblatt“unter Aufsicht des russischen Geheimdienstes GRU gestanden haben soll – nachdem er zuvor Bitcoins in großen Mengen aus Dubai nach Russland transferiert haben soll. Der Kreml gab an, nichts von Marsaleks Aufenthalt zu wissen.

Es ist nicht die einzige Verbindung, die Marsalek zu Geheimdiensten gehabt haben soll. Laut der Wiener Tageszeitung „Presse“ soll Marsalek über einen Mittelsmann österreichische Geheimdienstinformationen an die rechtspopulistische FPÖ weitergegeben haben. Die „Financial Times“ (FT) berichtete, dass Marsalek damit geprahlt habe, in Besitz der geheimen Formel des Nervengiftes Novitschok gewesen zu sein, mit dem 2018 der britische Doppelagent Sergej Skripal und seine Tochter Julia Skripal vergiftet worden waren.

Partys, Sushi auf nackten Frauen und Feindes-Diagramme

7310 Verbrecher stehen auf der „Most Wanted“-Liste von Interpol. Nur wenige dürften so ein Mysterium darstellen wie Marsalek. Ohne Abitur und Studium machte er Karriere, wurde mit 30 Vorstand bei Wirecard.

Nach außen soll er sich Berichten zufolge bescheiden und bürgerlich gegeben haben. Hinter der Fassade stand ein Mann mit Geheimdienstkontakten und einem extravaganten Lebensstil. Die SZ zitiert einen Bekannten Marsaleks, der davon berichtet, wie Marsalek seine Bekannten ins Münchener Luxushotel Mandarin Oriental einlud und dort Champagner-Rechnungen über Hunderte Euro in bar bezahlte.

Auf einer Party soll er sich Sushi auf dem nackten Körper einer Frau serviert haben lassen. Mit dem russischen Kampfjet MiG-29 soll er einen Stratosphären-Flug absolviert haben. Seine Feinde habe er mit Diagrammen analysiert, auf denen er unter anderem notierte, wer mit wem eine Affäre hatte.

Seine ausschweifenden Partys habe Marsalek laut den Berichten meist bar bezahlt. Kartenzahlungen mochte er demnach nicht. Dabei war das Wirecards Geschäftsmodell.

Mehr zu Wirecard:

Wirecard ist für den womöglich größten Bilanzskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte verantwortlich. Auch in der Politik könnte Wirecard nun einigen gefährlich werden, immer mehr Verwicklungen werden bekannt. Besonders für Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) könnte das Thema Wirecard bei seiner geplanten Kanzlerkandidatur noch für Schwierigkeiten sorgen – denn es droht ein Untersuchungsausschuss. Der SPD-Politiker hat bereits angekündigt, die Finanzaufsicht Bafin reformieren zu wollen.

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