Warum der Herrenwitz bei den Liberalen so gut gedeiht

Berlin.  Sexismus ist out? Von wegen. FDP-Chef Christian Lindner hält ihn tapfer aufrecht. Dann sind da noch Roland Tichy und Friedrich Merz.

Christian Lindner im Porträt

Schon als Schüler war Christian Lindner Chef – und arbeitet sich schließlich an die Spitze der FDP hoch. Wir zeigen seine Karriere vom Kreisverband bis in den Bundestag in Bildern.

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Diese Woche bin ich wütend. Diese Woche haue ich abends auf den Tisch, schimpfe, das Teenagerkind solle sich nicht immer nur um Schulnoten kümmern und ihre Geburtstagsparty, die sie wegen Corona absagen muss. Es gibt wichtigere Dinge. Es geht um ihre Zukunft. Als Frau. In dieser Gesellschaft.

Kann sein, dass ich es nicht schaffe, in dieser Kolumne immer auf dem politisch korrekten Weg zu bleiben, dass ich persönlich werde, unsachlich bin. So wie ich auf das Teenagerkind einrede: Pass auf, lass’ dir nichts vormachen. Reg’ dich auf. Sitz’nicht lammfromm da, während sich ein Lehrer /Mitschüler herablassend-sexistisch in deine Richtung äußert.

Rutschte Christian Lindner der Herrenwitz über die Lippen? Von wegen!

Sei nicht so brav wie Linda Teuteberg, die sich bei ihrer Verabschiedung aus ihrem Job (tatsächlich wurde sie geschasst) als FDP-Generalsekretärin einen blöden Herrenwitz anhören musste – vor ihrer Partei, vor der deutschen Presse, säuselte Parteichef Christian Lindner: „Ich denke gerne daran, Linda, dass wir in den vergangenen 15 Monaten ungefähr 300-mal, ich hab’ mal so grob überschlagen, ungefähr 300-mal den Tag zusammen begonnen haben.“

Verhaltenes Gelächter. Lindner schwieg noch eine Weile, dann fügte er hinzu: „Ich spreche über unser tägliches, morgendliches Telefonat zur politischen Lage. Nicht, was ihr jetzt denkt.“

Liebes Teenagerkind, wenn dir so etwas passiert, dann steh’ auf und geh’. Gib eine laute öffentliche Stellungnahme hab. Sage, du wurdest beleidigt, aufs Sexuelle reduziert. Sag, es war Kalkül.

In der FDP darf Mann noch ungestraft dummes Zeug reden

Tatsächlich hatte sich Lindner vor Jahren ähnlich über Claudia Roth geäußert. Es ist seine Masche, die Raum lässt für den Herrenwitz in der Partei – auch noch sieben Jahre, nachdem Rainer Brüderle stolperte.

In den Kommentaren war tags drauf zu lesen, der Shitstorm, den Lindner ertragen müsse, offenbare, dass der Herrenwitz out sei. Aber ach, das stimmt doch nicht. Vielmehr zeigt sich: Die FDP ist die Partei, in der Mann ungestraft dummes Zeug reden darf. Haha, Lindner, passt schon. Er wird den Shitstorm überleben. Die Partei lässt ihn ja jetzt schon in Ruhe.

Was noch passiert ist in dieser Woche: Ein Kolumnist auf der Plattform „Tichys Einblick“ hatte Sawsan Chebli (weiblich, feministisch, mit Migrationshintergrund) im Visier. SPD-Politikerin Chebli ist Staatssekretärin im Land Berlin und macht derzeit Michael Müller, regierender Bürgermeister, den Bundestagswahlkreis Charlottenburg-Wilmersdorf streitig.

Tichys Kolumnist nahm dies zum Anlass, über Cheblis G-Punkt zu schwadronieren („das einzig Gute“). Das ist eine verbale Vergewaltigung, aber nun ja, das ist ja auch eine Plattform, bei der Hetze und Falschmeldungen zum Konzept gehören. Schlimm nur, dass der Inhaber der Plattform, Roland Tichy, Vorstandschef der ehrwürdigen Ludwig-Erhard-Stiftung ist. Da tummeln sich vor allem Liberale und Konservative.

Das liberale Milieu pfeift auf Frauenförderung und Quote

Zum Beispiel Friedrich Merz, der Kanzler werden will. Ihm fiel diese Woche zum Thema Homosexualität Pädophilie und Gesetzlosigkeit ein. Mit Tichy wollte er in der Vergangenheit nicht gemeinsam auf eine Bühne.

Aber warum rief er nicht schon vor dem G-Punkt-Ausrutscher in Richtung Roland Tichy: Hey, was hast du mit deinem Hetz-Publizismus in der Ludwig-Erhard-Stiftung überhaupt zu suchen? Warum musste erst CSU-Frau Dorothe Bär so laut schreien, bis Jens Spahn und Carsten Linnemann einstimmten und Tichy versprach, den Posten demnächst abzugeben?

Und warum ist der Herrenwitz vor allem im liberalen Milieu so salonfähig? Das Milieu übrigens, das auf Frauenförderung und Quote pfeift.

Liebes Teenagerkind, das sage ich dir als Mutter, nicht als Journalistin: Halte dich fern von den Jungs, die um sich selbst kreisen. Willst du Karriere machen, halte dich fern von der FDP. Liberale Frauen haben keine politische Heimat.

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