Asyl

Wie Eltern um ihren verlorenen Sohn in Afghanistan kämpfen

| Lesedauer: 25 Minuten
Frauen in Kabul demonstrieren gegen die Taliban

Frauen in Kabul demonstrieren gegen die Taliban

In der afghanischen Hauptstadt Kabul haben Frauen für mehr Gerechtigkeit demonstriert. Sie warfen den Taliban außergerichtliche Tötungen vor und forderten mehr Rechte für Frauen.

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Kabul/Kassel.  Die Rahimis fliehen nach Deutschland. Den Sohn müssen sie in Afghanistan zurücklassen. Im Taliban-Staat wächst die Gefahr für ihr Kind.

Emran sitzt auf dem braunen Sofa, neun Jahre alt, die Schultern schmal, gebannt starrt der Junge auf das Smartphone, er hält es wie ein zerbrechliches Geschenk in seinen Händen. Erst tutet es nur, dann hört Emran die Stimme seines Vaters.

Neben Emran auf dem Sofa sitzt sein Großvater Fajaz, vor ihm ein Aschenbecher, eine Schale mit Karamellbonbons und eine Tasse Tee auf dem Glastisch. Opa Fajaz fragt: „Können wir die Kamera einschalten?“ Vor einer Woche hatte der kleine Emran seinen Vater zum letzten Mal gesprochen. Aber es ist Wochen her, dass sie sich über Videoanruf sehen konnten. Das Internet ist zu teuer, das Netz zu instabil.

Eltern und Kind sind 6000 Kilometer voneinander getrennt

Jetzt steht die Verbindung: von Kabul, Afghanistans Hauptstadt, in eine kleine Dreizimmer-Wohnung in der Innenstadt von Kassel. Mehr als 6000 Kilometer Luftlinie. Der Sohn im Islamisten-Staat der Taliban – der Vater, die Mutter und die kleinen Schwestern im sicheren Deutschland.

Die Familie Rahimi wurde durch Flucht und Krankheit getrennt. Die Eltern kämpfen um ihren verlorenen Sohn. Seit Monaten leben sie in Angst um ihr Kind. Seit der Machtergreifung der Taliban ist die Familie verzweifelt. Sie machen sich Vorwürfe, den Sohn nicht schützen zu können, ihn nicht zu sich holen zu können.

„Ich halte es nicht mehr aus“, sagt Emrans Mutter Nafisa. „Der Druck ist so hoch, manchmal möchte ich nur noch schreien“, sagt Vater Saheed. Lesen Sie auch: Droht eine verschärfte Hungersnot in Afghanistan?

Warum schützt der deutsche Staat nur die Eltern?

Das Grundgesetz in Deutschland schützt die Familie, Artikel 6. Aber das gilt nicht für alle. Das gilt nur, wenn der Asyltitel stimmt. Wer keinen Flüchtlings-Status hat und bloß „geduldet“ ist, darf sein Kind nicht einfach hierherholen. Wer nicht als Geflüchteter anerkannt, aber auch nicht abgeschoben wird, bekommt trotzdem keine Sonderrechte. Der deutsche Staat schützt Emrans Vater und Mutter in Kassel. Aber warum schützt er nicht die ganze Familie?

Wir haben die Eltern in Deutschland besucht, lange mit ihnen gesprochen, auch mit Menschen, die die Familie unterstützen. Wir suchten den Sohn in Kabul auf, trafen ihn gemeinsam mit dem Großvater an einem sicheren Ort, machten das Video-Telefonat mit Mutter und Vater möglich.

Als Emrans Vater auf dem Handy-Bildschirm erscheint, lächelt der Junge. Das erste Mal bei dem Besuch an diesem Tag in Kabul. Emrans Vater Saheed am anderen Ende der Leitung fragt: „Wie geht es dir?“

Der Neunjährige nickt eifrig und sagt leise. „Mir geht es gut“. Er erzählt seinem Vater, dass die Schule seit einer Woche geschlossen hat, es sei zu kalt in Kabul geworden, morgens etwas über null. Dann taucht seine Mutter auf dem Bildschirm auf, fragt ihren Sohn: „Vermisst du mich?“, und wieder nickt Emran, und er flüstert: „Ich habe das Versprechen nicht vergessen.“ Sein Großvater Fajaz, neben Emran auf dem Sofa, hat Tränen in den Augen.

Afghanistan: Die Welt der Rahimis ist zusammengebrochen

Die afghanische Hauptstadt im Dezember, vier Monate nach der Machtübernahme der Taliban. Großvater Fajaz ist mit seinem Enkel in den Westen Kabuls gekommen, in das Gästehaus des afghanischen Roten Halbmonds. In der schmucklosen Empfangshalle steht ein langer Esstisch auf einem ranzigen Teppich, das Licht der Wintersonne fällt durch die verstaubten Fenster.

Der Großvater trägt über dem langen Hemd eine graue Woll-Weste und ein graues Jackett, und in seinem glattrasierten Gesicht eine schwarze kantige Brille. Die Familie Rahimi ist eine von denen, die einmal privilegiert waren, angestellt beim afghanischen Staat. Großvater Fajaz zeigt ein Foto, er in Uniform, einst Oberst beim Militär. Eine seiner Töchter sei Journalistin gewesen, eine andere studierte Jura, eine arbeitete als Lehrerin. Ein Sohn sei beim afghanischen Geheimdienst gewesen, sagt Fajaz.

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Aber nun, im neuen Afghanistan der Taliban, ist die Welt der Rahimis zusammengebrochen. Die Islamisten regieren. Jeder, der für den Staat gearbeitet und der den Krieg an der Seite der Westmächte verloren hat, kann ins Visier der neuen Herrscher geraten. Und die Eltern von Emran in Kassel wissen, dass das auch für ihre Familie gilt. Für den Großvater und die Töchter und Söhne. Am Ende auch für den kleinen Emran. „Wenn die Taliban herausfinden, dass Emran in Kabul keine Eltern hat, dann könnten sie ihn in eine Taliban-Schule schicken“, sagt Vater Saheed.

Afghanistan: Mehr als 100 frühere Staatsbeamte verschleppt oder hingerichtet

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch berichtet, dass die Islamisten seit ihrer Machtübernahme im August bereits mehr als 100 frühere Beamte der Polizei, Armee und der Geheimdienste „standrechtlich hingerichtet oder gewaltsam verschwinden lassen“ haben. Trotz einer angeblichen Amnestie. Ein Verwandter der Rahimis sei schon von Taliban entführt worden, die Familie habe Lösegeld zahlen müssen.

Die Bundeswehr ist vom Hindukusch abgezogen. Deutschland und die Westmächte haben Afghanistan den Islamisten überlassen. Die Bundesregierung bemüht sich seitdem, dass der Scherbenhaufen nicht noch größer wird. Man werde die Helfer der Deutschen „nicht im Stich lassen“, hob Ex-Außenminister Maas noch hervor.

Charterflüge würden nun regelmäßig aus der Region nach Deutschland starten, Zehntausende wolle die Regierung retten. Und auch das neue Ampel-Bündnis beschwört ihre Solidarität mit den Afghaninnen und Afghanen. Im Koalitionsvertrag heißt es: „Deutschland wird sein Engagement für die Menschen in Afghanistan fortsetzen.“

Alle Namen dieser Geschichte sind geändert, um die Familie zu schützen. Ihre Gesichter sollen nicht gezeigt werden. Auch ein Besuch in der Wohnung von Emran in Kabul ist zu riskant. Jemand könnte das Treffen mit Journalisten beobachten.

Gut 25.000 Afghanen hat die Bundesregierung eine Aufnahme zugesagt

Deutschland will sein gutes Gesicht zeigen. Doch für den neun Jahre alten Emran gilt das nicht. Da gilt für die Behörden vor allem das Asylrecht. Und das sagt: keine Chance. Gut 25.000 Afghanen hat die Bundesregierung eine Aufnahme zugesagt, Ortskräften der Bundeswehr und anderer deutscher Behörden und ihren Familien. Rund 7000 sind bisher eingereist. Emrans Mutter Nafisa hat in Kassel vor allem eine Frage: „Und für einen kleinen Jungen ist kein Platz im Flugzeug?“

Emrans Vater Saheed hat Afghanistan schon vor Jahren verlassen. Ende 2015 entscheidet er sich zur Flucht. Erst erwähnt er nur kurz, dass er bedroht worden sei. Wenn man nachhakt, berichtet er lange und detailliert über die Verfolgung von Islamisten, weil er im Auftrag der Regierung Militärkonvois für die Amerikaner organisiert habe. Über Drohungen von Kriminellen, weil er Korruption angezeigt habe.

Saheed ist heute Mitte 30, er zeigt Narben an seinem Hals, drei Zentimeter lang, auch kleinere am Unterarm und Handgelenk. Einmal sei er mit dem Messer angegriffen worden. Als 2015 Hunderttausende Menschen aus Syrien, Irak und Afghanistan die Chance auf eine und den Balkan nach Westeuropa sehen, zieht auch Saheed los. Seine Frau, den Sohn und die Tochter nimmt er nicht mit. Zu gefährlich sei ihm die Flucht erschienen. Er hofft, sie nachholen zu können.

Saheed hat seine Fluchtgeschichte ausgedruckt, in Verträgen, Zertifikaten, Belegen

Jetzt, sechs Jahre später, sitzt er in seinem Wohnzimmer in Kassel. Es ist spärlich eingerichtet, nur der große Fernseher fällt auf. Und ein Bild an der Wand, es zeigt einen Steg im Sonnenuntergang, der in einen See führt. Zu fünft leben sie hier auf gut 60 Quadratmetern, der Vater, die Mutter, drei Töchter. Es fehlt: Emran.

Saheed hockt auf dem Teppich neben dem Wohnzimmertisch, vor ihm ein schwerer Aktenordner, Hunderte Seiten Dokumente. Seine Fluchtgeschichte, ausgedruckt für das Behörden-Deutschland. Anträge, Belege, Zertifikate, Verträge.

Seinen Antrag auf Asyl lehnt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) 2017 ab. Auch der Widerspruch vor Gericht bleibt erfolglos. Die geschilderten Drohungen hätten „keine asylrechtliche Relevanz“, die Tatbestände seien „in Afghanistan strafrechtlich zu bewerten“, heißt es. Und: Saheed Rahimi habe seine Fluchtgeschichte „in der Wortwahl zu farblos“ sowie „zu kurz und ohne Anklang von Nebensächlichkeiten“ beschrieben. Der Antragsteller, so heißt es weiter, habe nicht vermocht, seine Gefährdungslage „zu substantiieren“.

Anerkennungsquote von Menschen aus Afghanistan bei gut 40 Prozent

Eine Absage wie Rahimi bekommen Tausende Afghanen in Deutschland. Die Anerkennungsquote lag in den vergangenen Jahren nur bei gut 40 Prozent. Nicht anerkannt, aber auch nicht abgeschoben: „Duldung“ ist der Status Tausender Afghanen. Es ist ein Leben in der Warteschleife. Und ein Status, der keine Sonderrechte einschließt, seine Kinder oder Ehepartner nach Deutschland zu holen. Keine gute Nachricht für Emran.

Aber wie konnte seine Frau kommen? 2016, da lebt Saheed schon ein Jahr in Flüchtlingsheimen in Deutschland, ruft ihn sein Vater an. Die kleine Tochter sei im Krankenhaus. Bei der Operation hätten sie einen Tumor in der Niere entdeckt. Die Ohnmacht der folgenden Wochen fasst Saheed so zusammen: „Ich war hier, ich konnte nichts tun.“ Und auch die afghanischen Ärzte in der Klinik waren ratlos.

Eine Hilfsorganisation bringt die letzte Chance. Die Tochter, gerade drei Jahre alt, darf nach Deutschland ausfliegen. Gemeinsam mit der Mutter. Nach der Operation sollen sie zurückkehren nach Afghanistan. Ein Visum für Sohn Emran, so erzählt es Mutter Nafisa, habe die deutsche Botschaft in Kabul deshalb abgelehnt.

Für das Leben der Tochter verlässt die Familie Afghanistan

Nafisa entscheidet sich trotzdem für den Flug. „Ich habe nur noch meine kranke Tochter gesehen“, sagt sie heute. „Sie hatte einen Körper, in dem man kein Leben mehr sah.“ Der Sohn, damals gerade vier Jahre alt, ist am Flughafen dabei, als die Mutter mit der Tochter im Flieger verschwindet. Emran soll bei seinem Opa und den Tanten bleiben. „Ich komme wieder“, hatte die Mutter noch gesagt. Fünf Jahre ist das her.

Das Kinderzimmer der Familie Rahimi in Kassel ist rosa. Die Tapete, die Spielzeug-Gitarre an der Wand, der Teppich, die Bettwäsche – alles wie aus einem Barbie-Katalog. In Deutschland haben Nafisa und Saheed noch zwei Töchter bekommen, eine ist inzwischen drei Jahre alt, trägt an diesem Tag ein T-Shirt. „Be happy“, steht dort. Vor wenigen Wochen kam die dritte Tochter zur Welt.

Das älteste Mädchen überlebt den Krebs. Ärzte in einer Freiburger Klinik operieren ihr den Tumor aus dem Kinderkörper. Vater Saheed zeigt Fotos aus dem Krankenhaus: ein Kind mit Schläuchen in der Nase, Verband am Bauch, der Kopf ohne Haare, die Haut blass, ein Doktor horcht die Organe ab.

Heute läuft die Tochter durch die Wohnung in Kassel, sie schmiegt sich an den Vater, turnt auf dem Sofa, streichelt den Kopf ihrer kleinsten Schwester. „Wir freuen uns über das Leben unserer Tochter. Aber dafür fehlt uns unser Sohn“, sagt der Vater.

Die Tochter muss alle drei Monate zur Untersuchung

Alle drei Monate, so legten die Ärzte in Freiburg in ihrem Abschlussbericht der Krebstherapie fest, müsse die Tochter noch zur Untersuchung, Blutabnahme, Ultraschall. Bis sie volljährig ist. Die Rahimis bleiben auch deshalb in Deutschland.

Es war nie leicht für die Familie, erzählen Menschen, die ihr in der Zeit hier geholfen haben. Die Flucht, die krebskranke Tochter, der Sohn in der Ferne. Der August 2021 aber machte alles viel schlimmer. Die Taliban kommen an die Macht. „Es hat mich wie ein Blitz getroffen“, sagt die Mutter. Der Vater sagt, er schlafe seitdem keine Nacht mehr gut.

Die Eltern sehen in Deutschland Bilder vom Drama am Kabuler Flughafen, Menschen, die sich an einen Militärflieger klammern, Bomben, die explodieren. Afghanistan versinkt im Chaos. Irgendwo da ist der neun Jahre alte Emran. Er habe gemeinsam mit dem Großvater versucht, sich zum Flughafengelände durchzuschlagen. Als der Opa nicht mehr durch das Gedränge kommt, schickt er Emran allein weiter. „Er sollte es mit irgendjemanden in ein Flugzeug schaffen“, sagt der Vater heute.

Die Eltern von Emran protestieren in Berlin

Emran schafft es nicht, er steht auf keiner Liste der Bundeswehr. Die Eltern in Deutschland reisen in den Tagen der Luftbrücke von Kassel nach Berlin, vor das Auswärtige Amt. Vater und Mutter halten Plakate in der Hand. „Mama, hol mich bitte hier raus“, steht dort. Dazu die Nationalflagge Afghanistans. Und ein Foto von Emran, er schaut in die Kamera, hält seinen Ausweis in der Hand, im Hintergrund das Getümmel am Kabuler Flughafen. Auf das Plakat ist noch ein Zettel angeklebt: „Helfe mein Bruder Emran. Afghanistan ist nicht sicher. In Afghanistan ist Krieg“, steht dort in dünner, krakeliger Schrift. Die Tochter hat es für ihren Bruder geschrieben.

Zwei Wochen demonstrieren Vater und Mutter vor dem Regierungsgebäude, von morgens bis abends. Flüchtlingshelfer organisieren den Protest, finanzieren die Unterkunft in Berlin. Nafisa, hochschwanger, schützt sich tagsüber vor dem Ministerium in einem kleinen blauen Zelt vor der Sommerhitze. Sie zeigen Fotos. „Nur einmal ist ein Mitarbeiter aus dem Außenministerium zu uns gekommen, aber nichts ist passiert“, sagt Vater Saheed.

Gemeinsam mit den Flüchtlingshelfern schreiben die Rahimis auch einen Brief an die damalige Noch-Kanzlerin Merkel, bitten um Hilfe für den Sohn. Keine Antwort. Eine Mitarbeiterin der Caritas formuliert einen Brief an den SPD-Abgeordneten in Kassel. Sie leiten die Nachricht weiter ans Außenministerium. Zurück kam eine Absage. Der Asylstatus der Eltern sei „kein nachzugsfähiger Aufenthaltstitel“. Derzeit gebe es „keine Möglichkeit für einen Kindernachzug“.

1700 Euro für eine kleine Drei-Zimmer-Wohnung

Saheed Rahimi, das kann man sagen, hat sich gut integriert. Er hat Arbeit gefunden, macht Nachtschichten als Gabelstaplerfahrer, spricht ein wenig Deutsch. Saheed verdient gut, doch für die Unterkunft der Familie in einem Wohnhaus für Geflüchtete zahlt er elf Euro pro Person und Tag, rund 1700 Euro im Monat. So hoch sind die Raten des Trägers. Deshalb bekommt er Zuschüsse vom Sozialamt.

Seit Monaten sucht die Familie eine neue Wohnung, die sie selbst zahlen können. Die Caritas hilft. Doch immer kommen Absagen, oder gar keine Antworten, selbst von der städtischen Wohnungsbaugesellschaft nicht. „Wenn private Vermieter Jobcenter hören, legen die auf“, sagt eine Mitarbeiterin. Und auch das Stichwort „Flüchtling“ verschließe die Türen.

Welche Chancen gibt es noch für die Rahimis? Vater Saheed hat nun noch einmal Asyl beantragt, einen Folgeantrag eingereicht, weil die Situation in Afghanistan mit der Taliban-Herrschaft nun bedrohlicher ist. Saheed hofft, dass die Asylbehörde seiner Geschichte diesmal glaubt. Dass das Amt die Lage in Afghanistan neu bewertet und ihm einen Aufenthaltstitel gibt. Dann könnte sein Sohn kommen. Das Verfahren könnte in kurzer Zeit entschieden werden. Es könnten aber auch noch Monate, vielleicht ein Jahr, vergehen.

Lehnt das Bundesamt sein Asylgesuch erneut ab, kann Saheed noch einen Schutz aus „humanitären Gründen“ gemeinsam mit seiner Anwältin für seine Familie erwirken. Paragraf 25 des Aufenthaltsgesetzes macht das möglich. Nicht das Bamf ist zuständig, sondern die örtliche Ausländerbehörde. Doch die Hürden für Afghanen waren bisher groß, oft liegt die Entscheidung im Ermessen der dortigen Mitarbeiter. Auch dass die Rahimis wegen der Wohnung noch Geld vom Sozialamt bekommen, ist nicht hilfreich.

Doch das Islamisten-Regime der Taliban bringt auch hier Dynamik in die Debatte. Vielen Verantwortlichen in Deutschland ist klar: Die Menschen aus Afghanistan werden bleiben. Hilfsorganisationen wie Pro Asyl fordern nun spezielle Aufnahmeprogramme für Menschen aus dem Land, das genau Menschen wie den Rahimis in besonderen Notlagen hilft. Auch einzelne Landesregierungen machen sich für ein Kontingent zur Aufnahme von Afghanen stark. Das politische Fenster für diese Forderungen war lange dicht – die Taliban-Herrschaft aber hat den Druck auf die Regierungen in Bund und Ländern erhöht.

Derzeit warten gut 6000 Menschen in Afghanistan auf einen Botschaftstermin

Auch einen Antrag auf Familiennachzug hat Saheed gemeinsam mit seiner Anwältin im Sommer schon einmal gestellt. Er wartet nun auf einen Termin in der Botschaft im indischen Neu-Delhi. Selbst dann braucht er einen anerkannten Aufenthaltstitel. Und er müsste auch noch irgendwie nach Indien kommen. Und zurück.

In Kabul gibt es seit Jahren keine Visaabteilung der Deutschen mehr. Bis Saheed einen Termin in Indien bekommt, kann es ein Jahr oder länger dauern. Derzeit warten gut 6000 Menschen in Afghanistan auf einen Botschaftstermin in Pakistan und Indien.

Das Auswärtige Amt habe sich vor gut einem Monat bei ihm gemeldet, erzählt Saheed Rahimi. Es sei um seine Schwester gegangen, die Journalistin. Sie habe Chancen auf eine Liste zu kommen, man brauche Namen, Kontakt. „Und mein Sohn?“, fragt Saheed. Darauf sei der Mitarbeiter im Außenministerium nicht mehr eingegangen.

„Wenn Angehörige geduldet sind, besteht keine Möglichkeit des Familiennachzugs“

Auf Nachfrage unserer Redaktion heißt es aus dem Amt, man habe „leider keine eindeutige Zuordnung“ zu Personen der Familie machen können, die als „besonders gefährdet“ gelten und eine Aufnahmezusage erhalten hätten. Zum neun Jahre alten Emran heißt es erneut: „Wenn Angehörige in Deutschland lediglich geduldet sind, besteht für Personen im Ausland leider keine Möglichkeit des Familiennachzugs.“

Es gibt Tage, sagt Vater Saheed, an denen er einfach losreisen will, zurück nach Afghanistan, egal, Hauptsache, er hole Emran. Doch eine Duldung verwehrt die Wiedereinreise nach Deutschland. Freunde raten ihm ab. Es gibt Tage, da hat der Vater das Gefühl „zusammenzuklappen“. Wenn die Mutter an diesem langen Nachmittag in Kassel über ihren Sohn spricht, zerlaufen ihre Sätze fast immer in Schluchzen und Tränen. „Ein Kind gehört zu seinen Eltern“, sagt Nafisa.

In Kabul versucht Großvater Fajaz so gut es geht für Emran zu sorgen. Doch seit der Machtübernahme der Taliban ist das immer schwieriger geworden. „Niemand aus unserer Familie hat mehr Arbeit“, erzählt Großvater Fajaz.

Auf dem Land plündern die Taliban leerstehende Häuser

Viele Menschen hungern, sind obdachlos, das zeigt unsere Recherche vor Ort, das berichten auch Hilfsorganisationen. Die Preise für Lebensmittel und Heizung haben sich verdreifacht, die Währung verliert drastisch an Wert, und wer noch Arbeit im neuen Islamisten-Staat hat, bekommt oft sein Gehalt nicht ausgezahlt. Ein Krankenhaus nimmt keine Patienten stationär auf, weil sie Gefahr laufen, zu erfrieren. Es fehlt Benzin für die Generatoren, die die Heizung am Laufen halten. Auf dem Land, so heißt es, plündern die Taliban schon leerstehende Häuser auf der Suche nach Feuerholz. „Auch die Taliban haben nichts mehr zu essen“, sagt ein Afghane.

Die Rahimis versuchen, irgendwie über die Runden zu kommen: „Wir verkaufen unsere Teppiche, unseren Schmuck, unsere Möbel“, erzählt Großvater Fajaz. Er spricht leise, es ist ihm unangenehm, von seiner Not zu erzählen. Fajaz Rahimi, der alte Oberst der Armee, ist ein stolzer Mann. Sein Enkel Emran hört nur zu. Fragen beantwortet Emran knapp. „Ja“, sagt er mit dünner Stimme auf die Frage, ob er seine Eltern vermisse. Schnell sammeln sich Tränen in seinen Augen. Die süßen Karamell-Bonbons vor ihm rührt er nicht an, er verschließt die Arme, als sein Großvater über die Situation der Familie berichtet.

Zu neunt lebt die Familie in einem Haus in Kabul – in Angst vor den Taliban

Die Familie in Kabul lebt jetzt zu neunt in einer kleinen Wohnung, der Großvater teilt sich ein Zimmer mit einem Sohn und seinem Enkel. Später schickt der Opa einige Fotos. Er hockt neben Emran auf einer dünnen roten Matratze, auf dem Teppich liegen Hefte für die Schulaufgaben, das Papier schon leicht vergilbt. In der Ecke brennt eine Gaslampe. Emran hat Spielzeugfiguren in der Hand, blaue und rote Männchen, einem fehlen die Arme.

Emrans Tanten und Onkel leben hier, auch die Brüder. Aber sie sind oft nicht da. Sie würden sich sehr in Acht nehmen, seien häufig unterwegs, erzählt Großvater Fajaz. Er berichtet auch davon, dass die Taliban Kopfgeld auf frühere Mitarbeiter des Sicherheitsapparates ausgelobt hätten. Ob das stimmt, ist nicht überprüfbar.

Neulich sei Emran auf den Markt gegangen, habe Obst einkaufen wollen. Es habe eine Demonstration gegen die Taliban gegeben, erzählt Vater Saheed. Plötzlich seien Schüsse gefallen, die Menschen laufen durcheinander, Emran gerät ins Gedränge, stürzt, verletzt sich am Kopf. Saheed zeigt ein Foto, auf dem Emran beim Arzt sitzt und ein Verband wie ein Stirnband um seinen Kopf gehüllt.

Auf dem Rückweg halten die Taliban das Auto des Großvaters an

Weil die Schule nun dicht ist, muss Emran zu Hause lernen, erzählt der Opa. Es gebe zwar private Kurse, aber die kann sich die Familie nicht leisten. Die Trennung von seinen Eltern und die Situation belaste den Kleinen schwer. Der 67-Jährige zeigt auf die Finger des Kleinen: „Sehen Sie, er kaut Nägel.“

Emrans Stimmung ändert sich, als er mit seinen Eltern spricht. Eine Viertelstunde telefoniert er mit ihnen, dann geht es nicht mehr, weil seine Mutter zu sehr weinen muss. „Ich habe das Versprechen nicht vergessen“, hat er ihr gesagt. Was das für ein Versprechen war? „Das ist ein Geheimnis“, flüstert der Kleine und sein Gesicht zeigt eine Mischung zwischen Schmerz und dem verschmitzten Stolz eines Kindes, das der Welt etwas vorenthalten kann, das nur ihn und seine Mutter etwas angeht. Und dann nimmt er doch eines der Karamell-Bonbons.

Einen Tag nach dem Treffen im Gästehaus des Roten Halbmondes in Kabul meldet sich die Familie erneut. Sie schicken ein Bild von Großvater Fajaz, ein Arm ist eingepackt in einen Verband. „Wir sind an einem Checkpoint von Taliban angehalten worden“, erzählt einer der Söhne am Telefon. „Sie haben uns gefragt, wo wir herkommen und was wir früher gemacht haben.“ Der Großvater sei laut geworden, daraufhin hätten ihn die Taliban aus dem Auto gezogen, er sei gestürzt und habe sich den Arm gebrochen. Der kleine Emran musste alles mit ansehen. Er habe geweint und die Taliban gebeten, seinem Großvater nicht weh zu tun.

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