Kolumne

Kirchenaustritt: Warum ich noch in der Kirche bin?

| Lesedauer: 5 Minuten
In der Kolumne „Mein Morgenland“ schreibt Diana Zinkler regelmäßig über Politik, Gesellschaft und die Zukunft.

In der Kolumne „Mein Morgenland“ schreibt Diana Zinkler regelmäßig über Politik, Gesellschaft und die Zukunft.

Foto: ZRB

Berlin.  Missbrauch, Vertuschung und miese Aufarbeitung – das Münchner Gutachten. Was hält unsere Autorin noch in der katholischen Kirche?

In diesen Tagen frage ich mich wieder selbst. Wie kann es eigentlich sein, dass ich noch in der Kirche bin? Dabei ist ja mit der Veröffentlichung des Münchner Gutachtens über Missbrauch durch Geistliche und Angestellte der katholischen Kirche nur noch einmal bestätigt worden, was spätestens seit 2010, mit der Aufdeckung des jahrelangen Missbrauchs im Berliner Canisius-Kollegs, bekannt war. Die katholische Kirche hat es zugelassen, dass tausende Kinder verletzt, traumatisiert, teilweise für immer unter den Folgen von Missbrauch leiden.

Und längst muss man sich von der These verabschieden, dass auch die Kirche und ihre dort tätigen Menschen nur ein Querschnitt und Abbild der Gesellschaft sind, wo genau das gleiche täglich passiert: Der Angriff auf Schwächere, Sexualstraftaten begangen durch Onkel, Väter, Lehrer, Trainer und Erzieher. Natürlich missbrauchen auch Frauen, aber viel seltener.

Kirchenaustritt: Muss ich als Gläubige nicht jetzt ein Zeichen setzen?

Innerhalb der katholischen Kirche hat es wohl ein System gegeben, das vielleicht den Missbrauch ermöglicht hat, zumindest oft weggeschaut hat und somit weitere Kinder in Gefahr gebracht hat.

Als Bürgerin, als Steuerzahlerin, als Gläubige, kann ich doch jetzt nur austreten, um ein Zeichen zu setzen. Es geht doch eigentlich nicht anders, weil auch mindestens in diesen zwölf Jahren, seit dem der Missbrauchsskandal Deutschland erreicht hat, nicht genug getan wurde. Am schlimmsten ist der Umgang mit einigen Opfern. Ich telefonierte vor einiger Zeit mit einem Mann in Nordrhein-Westfalen, der seit seiner Kindheit, seit er mit Bacardi-Cola betrunken gemacht und durch einen Essener Kirchenmann missbraucht wurde, auf eine Entschuldigung dieser Person wartet. Der Junge von einst hofft immer noch auf ein persönliches Zeichen der Reue, auf eine Erklärung.

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Es gibt in etwa 22 Millionen Katholiken in Deutschland. Noch. Schon jetzt bestätigen erste Abfragen bei Amtsgerichten, dort, wo die Kirchenaustritte beantragt werden, dass 2021 die Zahl der Austritte empfindlich gestiegen sein muss. Die Internetsuchmaschine Google offenbart eindrücklich, was die Menschen gerade umtreibt. Sie googeln „Wie kann ich aus der Kirche austreten?“, „Benedikt“, „Kirchenaustritt“, „formular Kirchenaustritt“, „Kirchenaustritt 2012“ und „Kirchenaustritt online“.

Ich bin also nicht allein – zumindest mit meinem Suchinteresse. Mit der Entscheidung schon.

Meine Freundin hat Angst, dass Gott sie strafen wird

Ist die Entscheidung um für oder gegen einen Kirchenaustritt rational zu treffen? Ist das überhaupt möglich? Meine Freundin hat Angst davor, dass Gott sie straft, wenn sie austritt. Das sagt sie wirklich so. Eine andere ist schon einmal vor ein paar Jahren ausgetreten, ist dann aber zwei Jahre später zurückgekehrt, sie sagt: „Ich habe es nicht ausgehalten.“

In der Kirche zu sein, ist auch ein Gefühl, das seit der Kindheit besteht. Man hat die Gewissheit, dass es einen Ort gibt, der einem Halt gibt und schützt, der mehr ist als das, was wir wissen und sehen. Eine innere Trutzburg, die einen alles durchstehen lässt. Und vor allem locker macht, denn alles, was passieren soll, wird passieren. Glauben ist Vertrauen. Mehr Morgenland-Kolumnen lesen Sie hier.

In der Kirche zu sein, bedeutet auch Teil von etwas zu sein, von etwas Höherem, etwas, das nicht nach den Prinzipien des Marktes, der Karriere, der Bildung, des Fortschritts funktioniert. Doch wenn man hinschaut, blickt man auf Strukturen in der Kirche, die sich selbstständig gemacht haben und gerade diese Unabhängigkeit von weltlichen Werten, sogar die Nächstenliebe, ins Gegenteil verkehrt haben.

Die Kirche braucht eine radikale Veränderung: Ob das reicht?

In Hamburg sagt man, „der Fisch stinkt vom Kopf“. Das ein einstiger Papst, Täter geschützt haben soll, und somit weiteres Leid ermöglicht hat, ist unerträglich.

Fisch, dessen Hirn langsam wegfault (das ist der Grund, warum er irgendwann riecht), wirft man weg. Bezogen auf ehemalige oder aktuelle Führungskräfte bedeutet das, dass man sich trennt, sich distanziert. Doch das wird nicht ausreichen, es braucht eine radikale Veränderung in der Kirche und eine Öffnung. Zu den Menschen hin, die gestalten wollen und bisher abgehalten wurden. Frauen sollten im Kosmos der Kirche mehr sein dürfen, als Haushälterin im Pfarrhaushalt oder Sekretärin im Gemeindebüro. Und gerade haben sich 125 Menschen gemeinsam geoutet, sie gehören auch zur LGBTIQ+-Gemeinde und wollen ihren Platz in der Kirche, wollen, dass man sie anerkennt. Viel Zeit bleibt für diese Veränderungen aber nicht.

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