Waffentechnologie

Ukraine-Krieg: Diese Drohnen sollen Russland stoppen

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Biden bittet US-Kongress um 33 Milliarden Dollar für die Ukraine

Biden bittet US-Kongress um 33 Milliarden Dollar für die Ukraine

US-Präsident Joe Biden hat beim Kongress zusätzliche 33 Milliarden Dollar zur Unterstützung der Ukraine im Krieg gegen Russland beantragt: "Die Kosten dieses Kampfes sind nicht billig. Aber vor Aggression zu kapitulieren wäre teurer", sagt der US-Präsident.

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Berlin.  Der Krieg könnte sich durch Drohnenlieferungen an die Ukraine stark verändern. Die USA schicken ein besonders heimtückisches Exemplar.

Es sieht wie aus ein Videospiel, aber es ist tödlicher Ernst im Ukraine-Krieg: Anfangs zeigt die Kamera der türkischen Kampfdrohne Bayraktar nur die schwarz-weiße Luftaufnahme einer russischen Panzerkolonne. Plötzlich trifft eine Minibombe innerhalb von Sekunden den ersten Panzer: ein Lichtblitz, ein Feuerball, durch die Explosion werden Panzerteile durch die Luft geschleudert. In dem zerstörten Fahrzeug haben die drei russischen Soldaten keine Überlebenschance.

Die Videoaufnahmen solcher Attacken werden in der Ukraine von Millionen Menschen im Internet bewundert und gefeiert. Ein Song, der die Bayraktar-Drohne als Wohltäter besingt, ist längst ein Hit. Wie könnte sich die Situation verändern, wenn die USA demnächst Kamikaze-Drohnen für 800 Millionen Euro liefern?

Ein Überblick über die Waffentechnologien der Kriegsparteien.

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Ukraine-Krieg könnte sich durch Drohnen maßgeblich verändern

"Wenn wir genug davon in die Ukraine bekommen, kann das ein echter Game-Changer werden", meint der frühere US-General David Petraeus. Ein erstaunlicher Wandel: Eben noch waren Kampfdrohnen politisch umstritten, die Vorstellung autonomer Drohnenkriege galt als ethisches Horrorszenario. Nun erscheinen die ferngesteuerten Killer-Fluggeräte auch in Deutschland als Wunderwaffen, mit denen sich die russischen Angreifer stoppen lassen.

Drohnen seien inzwischen entscheidender als Panzer, meint der US-Militärforscher John Parachini. Ganz so euphorisch sind nicht alle Experten, aber der Konflikt in Osteuropa verändert den Blick auf die unbemannten Fluggeräte und ihre Rolle für künftige Kriege.

"Für den Verteidiger haben solche Drohnen einen enormen Vorteil", sagt der frühere Nato-General Hans-Lothar Domröse unserer Redaktion. "Die Soldaten können außerhalb der Reichweite der Panzer die Lage aufklären und dann aus sicherer Entfernung angreifen, ohne sich groß zu bewegen", erklärt. er. "Fast wie ein Videospiel."

Man sehe mit der Drohne alles, das sei der Vorteil gegenüber Panzerabwehrwaffen, die mehr für den Nahkampf geeignet seien. Die Erfahrungen im Ukraine-Krieg seien "schon beeindruckend", meint Domröse. Die erfolgreichen Angriffe "stärken die Moral der eigenen Truppe und zermürben die Moral des Gegners."

Ukraine rüstete Drohnen aus Einzelhandel für den Krieg auf

Tatsächlich haben die Luftaufnahmen von zerstörten russischen Panzern und Raketenstellungen enorm zum Widerstandswillen der Ukrainer beigetragen. Schon sprechen Militäranalysten von einem "Informationskrieg", in dem die ukrainische Armee erfolgreich Vorbilder kopiert: vor allem den Krieg zwischen Aserbaidschan und Armenien 2020.

Das militärisch überlegene Aserbaidschan zerstörte damals mit Hilfe von Drohnen nicht nur zahlreiche gegnerische Panzer, sondern setzte das dramatisch aufbereitete Bild- und Videomaterial aus der Luft in einem Propagandakrieg ein, den amerikanische Analysten für zukunftsweisend halten. Gezeigt wird Zerstörung, aber ohne Todesopfer.

Die Ukraine verfügt über ein Arsenal von rund 1000 Aufklärungs- und Kampfdrohnen, zum Teil aus einheimischer Produktion. Die ukrainische Freiwilligen-Einheit "Aerorozvidka" aus IT-Experten hat sogar normale Drohnen aus dem Einzelhandel so aufgerüstet, dass sie Koordinaten russischer Kampfverbände schnell an die Artillerie und Kampfflieger übermitteln oder gleich selbst Bomben auf russische Militärkonvois abwerfen kann.

Am bekanntesten ist der Einsatz der türkischen Bayraktar-Kampfdrohnen mit vier lasergelenkten Geschossen, die mit Kosten von rund 5 Millionen Euro pro System auch vergleichsweise billig sind.

Ukraine-Krieg: Russland erprobte seine Drohnen in Syrien

Auf der anderen Seite hat Russland nach Expertenschätzungen rund 2000 Drohnen im Arsenal. Die Kamikaze-Drohne Lancet-3 des Waffenherstellers Kalaschnikow wurde bereits in Syrien erprobt. Doch beim Überfall auf die Ukraine setzte die Armee anfangs nur wenige der Fluggeräte ein. In den ersten Wochen funktionierte auch das Zusammenspiel der russischen Flugabwehr mit den vorrückenden Panzereinheiten nicht ausreichend. Das machte die Truppe besonders verwundbar für Drohnenangriffe.

Eigentlich sind die unbemannten Fluggeräte nicht nur mit Raketen, sondern auch mit elektronischer Kriegsführung auszuschalten: Da geht es um Laser, elektromagnetische Impulse und Mikrowellen, die Drohnen flugunfähig machen, Zielkoordinaten fälschen oder Steuerbefehle blockieren.

Für die Rüstungsindustrie eine Herausforderung – und ein wachsendes Geschäftsfeld. Auch die Bundeswehr brauche nicht nur Kampfdrohnen, sondern dringend anspruchsvolle Drohnen-Abwehr, mahnt Ex-General Domröse.

Ukraine-Krieg: Einweg-Drohnen noch heimtückischer

In der Ukraine sei die Drohnenabwehr bislang vor allem mit konventionellen Mitteln erfolgreich, sagt der Russlandexperte Andras Rácz von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) unserer Redaktion. "Moderne Abwehrtechnologie, die Drohnen mit elektronischen Mitteln vom Ziel abbringen soll, hat sich bisher als weniger effektiv erwiesen", erklärt er.

Womöglich werde sie auch nicht eingesetzt: "Die westlichen Unterstützer der Ukraine stellen nicht ihre modernsten Waffentechnologie zur Verfügung", sagt Rácz. "Sie haben Sorge, dass solche Waffen der russischen Seite in die Hände fallen könnte." Das dürfte sich mit den neuen US-Waffen zum Teil ändern.

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Ukraine-Krieg: Soldaten lernen Drohnen-Bedienung durch Spiele

Die USA schicken mit der Phoenix Ghost eine Kamikaze-Drohne, die als "Einweg-Waffe" mit Infrarotsensoren von ihrem Einsatz nicht mehr zurückkehrt – anders als etwa die weit größere Bayraktar. Die Soldaten sollen sie im Rucksack tragen können wie die schon älteren Switchblade-Drohnen.

"Man hört sie nicht", sagt Afghanistan-Veteran Patraeus. "Der Gegner bemerkt sie erst, wenn sie explodiert." Ex-Nato-General Domröse glaubt, die neuen Waffen würden für die russischen Truppen "sehr unangenehm".

Man brauche keine größere Einweisung, "die Fähigkeiten haben sich die Soldaten praktisch schon durch Spiele auf dem Handy angeeignet". Die Drohnen hätten aber auch ihre Grenzen, sagt Domröse: "Man kann mit ihnen kein Land besetzen. Dafür braucht man im Krieg dann eben doch Soldaten."

Dieser Text erschien zuerst auf waz.de

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