Ukraine-Krieg

Kaliningrad: Darum ist die Enklave für Russland so wichtig

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Scholz unterstützt Schweden und Finnland bei Nato-Beitritt

Scholz unterstützt Schweden und Finnland bei Nato-Beitritt

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hat Schweden und Finnland die Unterstützung Deutschlands im Falle eines Beitritt zur Nato zugesagt. Bei einer Kabinettsklausur in Meseberg sprach Scholz mit den Ministerpräsidentinnen der beiden Länder, Sanna Marin und Magdalena Andersson.

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Berlin   In den baltischen Ländern wird die russische Enklave auch "Russlands Flugzeugträger" genannt. Doch welche Rolle spielt Kaliningrad?

Kaliningrad – das ist ein kleines Stück Russland fernab vom Rest des Riesenreichs. Seit der Unabhängigkeit der baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen im Jahr 1991 hat Kaliningrad keine Landverbindung mehr zu Russland. Seit 2004, dem Beitritt der Balten zur Europäischen Union und zur Nato, ist Kaliningrad zudem eine Enklave in der EU und im westlichen Verteidigungsbündnis. Es ist Russlands westlichster Landesteil. Seine Nachbarn sind Litauen im Norden und Osten sowie Polen im Süden.

Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs hieß Kaliningrad Königsberg, war deutsch und die Hauptstadt der preußischen Provinz Ostpreußen. Der Deutsche Orden hatte die Stadt 1255 gegründet. Nach dem Krieg beanspruchte der sowjetische Machthaber Josef Stalin auf der Nachkriegskonferenz von Jalta den nördlichen Teil Ostpreußens für sich – vor allem wegen der beiden großen Häfen, die auch im Winter eisfrei sind.

Kaliningrad hat etwa eine Million Einwohner

1946 wurde die weitgehend zerstörte Stadt sowie das nördliche Gebiet sowjetisches Territorium und Hauptstadt der Oblast Kaliningrad. Die deutsche Bevölkerung, die den Krieg überlebt hatte, floh oder wurde vertrieben, Stalin ließ stattdessen Russinnen und Russen ansiedeln. Das gesamte nördliche Ostpreußen blieb viele Jahre militärisches Sperrgebiet.

Die Oblast Kaliningrad ist etwa 15.000 Quadratkilometer groß, also etwas kleiner als Schleswig-Holstein, und hat heute etwa eine Million Einwohner. 80 Prozent davon sind russischer Herkunft. Die baltische Rotbannerflotte, eine von vier Hochseeflotten der russischen Marine, bezog ihr Hauptquartier im Hafen von Baltijsk (vormals Pillau).

Kaliningrad spielt strategisch wichtige Rolle für Russland

Durch die EU-Osterweiterung 2004 – damals kamen unter anderem Polen, Tschechien, Slowenien, die Slowakei sowie die baltischen Staaten dazu –, und durch den Beitritt der baltischen Staaten zur Nato rückte der Westen mit seinem Verteidigungsbündnis an die russische Grenze heran. Es kam es zu Spannungen mit Moskau.

Kaliningrad spielt seitdem eine immer wichtigere strategische Rolle für Russland. Die Region ist für den Kreml wirtschaftlich und vor allem militärisch von großer Bedeutung. Russland hat seinen westlichsten Landesteil hochgerüstet.

Seit der russischen Annexion der Krim 2014 wächst die Sorge in den ehemaligen Ostblockstaaten und Sowjetrepubliken vor einer Ausweitung des russischen Machtanspruchs. Polen, Litauen, Lettland und Estland fürchten, sie könnten nach der Ukraine die nächsten Opfer der russischen Expansionspläne werden.

Russland hat Kaliningrad aufgerüstet

Die Nato hat ihre Präsenz an der Ostflanke bereits verstärkt und führt Militärmanöver durch. Das benachbarte Schweden hat sogar die Wehrpflicht wieder eingeführt und peilt einen Nato-Beitritt an.

Russland hat im Gegenzug seine militärische Präsenz in der Ostsee verstärkt und Kaliningrad noch weiter aufgerüstet. Nach langem Versteckspiel bestätigte das russische Militär 2018 die Stationierung von Iskander-Raketen in Kaliningrad.

Die Iskander-M-Raketen können mit Atombomben bestückt werden. Sie haben eine Reichweite von 500 Kilometern und können Berlin, die polnische Hauptstadt Warschau oder Teile Schwedens erreichen. Die Nato, so heißt es, hatte mit der Stationierung der Raketen in Kaliningrad gerechnet – als russische Reaktion auf die Verlegung von vier Nato-Bataillonen in die baltischen Staaten und nach Polen 2017.

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Vor Kriegsbeginn etwa 30.000 Soldaten in Kaliningrad stationiert

Doch nicht nur Iskander-Raketen sind dort stationiert. Es sollen sich auch S-400-Raketen in der Region Kaliningrad befinden. Sie haben eine Reichweite von 400 Kilometer und könnten Polen, Litauen und Lettland erreichen.

Russland hat außerdem ein Arsenal an Schiffsabwehrraketen vom Typ K-300 Bastion, ein Raketensystem der Küstenverteidigung mit einer Reichweite von 300 Kilometern. Auch die baltische Flotte hat dort Stützpunkte. Was davon derzeit im Krieg gegen die Ukraine im Einsatz ist, vermag niemand genau zu sagen. Militärexperten schätzen, dass Russland vor dem Krieg in der Ukraine in der Enklave über eine Truppenstärke von etwa 30.000 verfügte. Doch viele davon kämpfen nun vermutlich gegen die Ukraine.

Nur ein schmales Gebiet – Luftlinie nicht einmal 65 Kilometer – verbindet das Baltikum auf dem Land mit der EU und der Nato. Es ist der Suwalki-Korridor, benannt nach der kleinen polnischen Stadt Suwalki im Grenzgebiet. Aus russischer Sicht fehlt dieser Korridor, der über das Gebiet der EU und der Nato verläuft, um eine Brücke zu schlagen von Kaliningrad zum Verbündeten Belarus.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf www.waz.de.

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