Ukraine-Krieg

Ukraine: So brutal bombardiert Russland Städte im Donbass

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Selenskyj: Lage im Donbass ist "sehr schwierig"

Selenskyj: Lage im Donbass ist "sehr schwierig"

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat die Lage im umkämpften Donbass als "sehr, sehr schwierig" bezeichnet. Die russische Armee setze in dem Gebiet im Osten der Ukraine ein Maximum an Artillerie und Reserven ein, sagte Selensky.

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Dnipro/Slowjansk.  Ein Hauptmann erzählt: „Sie nehmen sich eine Stadt vor, dann machen sie Quadrat für Quadrat platt – egal, was sich darin befindet.“

„An die Front kommen Sie ganz leicht. Einfach auf der Autobahn geradeaus“, erklärt mir der ukrainische Soldat in der Lobby des Hotels „Astoria“ in der Stadt Dnipro in der zentralöstlichen Ukraine. „Aber Sie stoppen, bevor Sie nach Donezk, die Hauptstadt der prorussischen Kräfte kommen, ne?“, sagt er mürrisch.

In Dnipro, der großen Stadt am Dnepr, scheint der Krieg weit weg. In den Straßen der viertgrößten Stadt der Ukraine blühen die Kastanien, die Menschen schlendern umher wie im Sommer. Man trifft auf Jugendliche, die Eis essen, Werbeplakate für die Ringe einer Luxusmarke und ein Orchester, das vor zwei kolossalen Shopping Malls klassische Musik spielt. Das Zentrum von Dnipro ist ein immenses Schaufenster, wo die Restaurants riesige Sushi-Portionen, Hamburger und XXL-Pizza servieren.

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Der Krieg rückt näher: schwarze Erde, staubige Wege, Checkpoints

Die Front befindet sich 200 Kilometer östlich, zweieinhalb Stunden Fahrt weiter auf der Autobahn MO4. Rechts und links breiten sich ausgedehnte Getreide- und Zuckerrübenfelder aus. In einiger Entfernung scheinen drei stillstehende Windräder auf den Wind zu warten. Dann verändert sich die Straße. Man sieht die ersten Halden, schwarze Erde, staubige Wege, Checkpoints.

Der Krieg rückt näher. „Seit drei Tagen geht es hoch her“, erklärt Hauptmann Yuri Lelawskyj, Presseoffizier der ukrainischen Armee in der ostukrainischen Stadt Slowjansk.

„Die Russen machen an der Front wahnsinnig Druck“

Im „Celentano“, der einzigen noch geöffneten Pizzeria in ganz Slowjansk, erzählt der Offizier: „Die Russen machen an der Front gerade wahnsinnig Druck. Sie müssen ihrem Kommandanten gegenüber einen Sieg vorweisen, und zwar mit allen Mitteln. Sie sind dabei, aus ihren Fehlern zu lernen. Keine Hubschrauber mehr am Himmel, keine Kolonnen mehr, nur noch Artillerie.“

Der Soldat zieht sein Handy aus der Tasche und zeigt Dutzende gespeicherte Fotos. „Das war vor 15 Tagen. Da haben sie eine gepanzerte Kolonne losgeschickt, um den Fluss Siwerskyj Donez zu überqueren. Bei Bilohoriwka hat unsere Artillerie ganze Arbeit geleistet.“

70 Prozent der Stadt Lyman sind bereits völlig zerstört

Der kleine Bildschirm zeigt das Ergebnis der gescheiterten russischen Militäroperation: zerfetzte Panzer, im Wasser versunkene Truppentransporter, brandgeschwärzte Leichen. Er redet weiter: „Die Russen haben 200 Mann verloren, 73 Panzerfahrzeuge und ihren Brigade-Kommandanten Oberst Kozlow. Seitdem sind sie ziemlich wütend.“

Der ukrainische Presseoffizier fährt mit dem Finger auf der Karte zu einem Punkt weiter südlich, etwa 20 Kilometer von Slowjansk entfernt. „Neuerdings konzentrieren sie sich auf Lyman“, redet er weiter. „Sie haben schon 70 Prozent der Stadt zerstört. Die russische Artillerie arbeitet nach ‚Quadraten‘“, beschreibt er.

Die Mechanik einer systematischen Zerstörung

„Das heißt, sie suchen sich ein Quadrat auf der Karte aus, und dann bombardieren sie das. Egal, was sich darin befindet. Wenn sie damit fertig sind, nehmen sie sich ein neues Quadrat vor und so weiter.“ Es hört sich an wie die Mechanik einer systematischen Zerstörung.

Draußen heult eine Sirene auf. Der ukrainische Radar hat ein „Flugobjekt“ erfasst, das in den Luftraum eingedrungen ist. „Wir wissen nicht, was genau“, erklärt Hauptmann Lelawskyj, „es kann ein russischer Bomber sein, ein Marschflugkörper oder etwas anderes.“ Der Krieg ist in Slowjansk heimisch geworden. Der Lärm der Sirene wird für kurze Zeit durch zwei Bombeneinschläge weiter weg überdeckt.

Der Hauptmann warnt: „Sie haben zehn Minuten, bevor der Artilleriebeschuss anfängt“

Der Hauptmann steht auf. Er verabschiedet sich mit einer Warnung. „Passen Sie auf, wenn Sie herumfahren. Lassen Sie die Fenster offen. Wenn Sie ein Geräusch in der Luft hören, das wie ein Rasenmäher klingt, kann das eine Drohne sein. Verlassen Sie sofort das Auto. Sie haben zehn Minuten, bevor der Artilleriebeschuss anfängt“, sagt er noch, während er sich im Laufschritt entfernt.

Die Straße nach Lyman liegt, nur einen Steinwurf entfernt, am Ausgang der verlassenen Stadt. In der Ferne steigt eine Rauchwolke in den Himmel. Sie stammt von einem Bombenangriff, der zu weit entfernt ist, als dass man ihn hören könnte.

Drei Euro für einen Liter Diesel: Die Schlange vor der Tankstelle ist über 100 Meter lang

Am letzten Checkpoint erklärt ein schlecht rasierter Soldat, dass eine Weiterfahrt nicht möglich sei. „Weiter vorne auf der Straße wird gekämpft. Nur die Einheimischen können auf eigene Gefahr passieren.“ Der Soldat blickt angespannt und scheint erschöpft. „In einem Kilometer befinden Sie sich in Schussweite der Russen. Gestern haben sie die Straße beschossen. In den Autos gab es Verletzte und Tote. Es ist zu gefährlich, tut mir leid.“

Zwei andere Städte weiter im Osten, Sjewjerodonezk und Lyssytschansk, leisten weiter Widerstand gegen die unaufhaltsame Einkesselung. Zwischen Slowjansk und Kramatorsk warten in einer über 100 Meter langen Schlange Autos darauf zu tanken. Der Preis für Diesel liegt bei 85 Hrywnja – fast drei Euro – der Preis für Benzin bei 55 Hrywnja, knapp zwei Euro.

In den beiden letzten Städten vor der Front sind die Hotels geschlossen

In den beiden letzten Städten vor der Front sind die Hotels seit mehreren Wochen geschlossen. „Wenn Sie eine Übernachtungsmöglichkeit suchen, vergessen Sie Kramatorsk und Slowjansk. Alles zu. Vielleicht finden Sie eine Wohnung, die Sie mieten können. Manche der Einwohner machen das seit Kurzem“, vertraut mir einer der Kellner in der Pizzeria an.

Wenn man weiter Richtung Kostjantyniwka, Druschkiwka oder in die Kleinstadt Pokrowsk etwas weiter südlich fährt, gibt es noch ein paar offene Hotels. Bis 2016 hieß Pokrowsk Krasnoarmijsk, „Stadt der Roten Armee“, bevor sie nach der Unabhängigkeit er Ukraine 1991 umbenannt wurde.

Im Hotel der Freundschaft auf der Hauptstraße, wo die Journalisten wohnen, „ist alles voll“, erklärt mir eine der drei Frauen an der Rezeption. Die Männer sind alle an der Front, der Service liegt in der Hand der Frauen.

In der einzigen Pizzeria steht eine Bronze-Statue des Mafiabosses Al Capone

Die einzige noch geöffnete Pizzeria – das „Corleone“ – im Nachbarhaus ist ebenfalls voll. Direkt nach dem Öffnen der Tür empfängt die Gäste eine lebensgroße Bronze-Statue des legendären Mafiabosses Al Capone mit ihrem lachenden Gesicht. In einer Vitrine daneben liegt ein Thompson-Maschinengewehr und unterstreicht das Dekor aus sepiabraunen Postern, die auf die Geschichte der Chicagoer Gangster verweisen.

Auf dem Platz von Pokrowsk genießen die Soldaten ihren letzten Kaffee. Es ist 19 Uhr, in zehn Minuten beginnt die Ausgangssperre. Die Lichter gehen aus. Eine friedliche Stille senkt sich über die Kleinstadt. Soeben macht auf Twitter die Nachricht die Runde, dass die prorussischen Separatisten seit einer Stunde behaupten, die Stadt Lyman eingenommen zu haben.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf waz.de.

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