Krieg

Putins neue Front: Tausende Soldaten in Südukraine verlegt

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Reportage aus der Ukraine: Kampf an der Front

Reportage aus der Ukraine- Kampf an der Front

Die Stadt Mykolajiw, im Süden der Ukraine, wird seit Monaten vom russischen Militär angegriffen. FUNKE-Reporter Jan Jessen fährt an die Front zwischen Mykolajiw und Cherson. Dort spricht er mit einem Soldaten und einem Presseoffizier der Armee.

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Berlin.  Rund 16.000 russische Soldaten werden derzeit vom Donbass in den Süden der Ukraine verlegt. Explosionen auf der Krim sorgen für Wirbel.

Es war eine glasklare Kampfansage. Er sei von Präsident Wolodymyr Selenskyj beauftragt worden, den von Russland besetzten Süden der Ukraine zurückzuerobern, sagte Verteidigungsminister Oleksij Resnikow der britischen Zeitung „Sunday Times“ im Juli. Eine Million Soldaten mit westlicher Ausrüstung stünden für den Einsatz bereit, so Resnikow.

Eine vollmundige Ankündigung – doch es blieb nicht bei harscher Rhetorik. Den Ukrainern gelang es in den vergangenen Wochen, bis zu 50 kleinere Dörfer im Süden zurückgewinnen. Dies lag vor allem an einem neuen Waffensystem, das die USA geliefert hatten.

Mit Mehrfachraketenwerfern vom Typ Himars, die eine Reichweite von 80 Kilometern aufweisen, konnten die Ukrainer bis weit hinter die russischen Nachschublinien zielen. Auf diese Weise zerstörten sie Munitionsdepots, Luftabwehrstellungen und Kommandozentralen.

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Videos zeigten einen Feuerball sowie dunkle Rauchwolken auf der Krim

Die Züge, die den Russen neues Kriegsgerät und Personal liefern, müssen nun weit von der Frontlinie entfernt operieren. Das bremst die Kampfkraft. „Mit den Himars-Mehrfachraketenwerfern ist die Ukraine in der Lage, die Dynamik auf dem Schlachtfeld zu ihren Gunsten zu verändern“, sagte András Rácz von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Berlin unserer Redaktion. Zudem zerstörten die Ukrainer Brücken über den Dnipro-Fluss.

Am Dienstagnachmittag gab es Berichte über Explosionen auf der von Russland annektierten Halbinsel Krim. Medien in Kiew sprachen von Einschlägen nahe einem Rollfeld des 43. Regiments der Russischen Luftwaffe bei der Stadt Saki. In den sozialen Netzwerken waren Videos zu sehen, die einen Feuerball zeigten sowie dunkle Rauchwolken, die in den blauen Himmel aufstiegen.

Russische Behörden: Es hat keine Verletzten gegeben

Die russische Nachrichtenagentur Tass bestätigte kurz darauf, dass es auf dem Militärflugplatz bei Saki zu mehreren Explosionen gekommen sei. Auf dem Gelände sei nicht näher bezeichnete Technik gelagert gewesen. Von einem militärischen Angriff war ebenso wenig die Rede wie von möglichen ukrainischen Urhebern. Es habe keine Verletzten gegeben, hieß es von offizieller Seite.

In Moskau hatten aber bereits vor den jüngsten Explosionen die Alarmlichter aufgeleuchtet. Die Russen hatten kürzlich begonnen, Truppen in großer Zahl aus dem Donbass in die Region Cherson im Süden zu verlegen. Die Rede ist von mehr als 20 taktischen Bataillonsgruppen – von denen eine im Schnitt 800 Soldaten umfasst.

Die Russen haben sich im Süden um 16.000 Soldaten verstärkt

Hochgerechnet verfügen die Russen also über rund 16.000 Kräfte mehr als zuvor. „Mit der massiven Truppenentsendung in den Süden konnten die Russen die Vorteile der Ukraine durch die Himars-Mehrfachraketenwerfer ausgleichen“, betonte András Rácz von der DGAP.

Der Süden ist die neue Front von Russlands Präsident Wladimir Putin. Die Region Luhansk im Donbass kontrollieren russische oder pro-russische Einheiten bereits heute zu 100 Prozent. Im Gebiet Donezk haben sie 55 bis 60 Prozent erobert.

Die Elite-Truppen der Ukrainer stehen nach wie vor im Donbass

Durch die Frontverlagerung ist die Ukraine taktisch im Nachteil. „Die Russen haben im Süden deutlich mehr Soldaten als die Ukrainer“, sagte Gustav Gressel von der Berliner Denkfabrik European Council on Foreign Relations unserer Redaktion. „Die Ukrainer haben in der Region Cherson vor allem Reserveverbände. Ihre Elite-Truppen sowie ihre leistungsfähigen Panzer stehen nach wie vor im Donbass.“

Den Ukrainern läuft noch aus einem anderen Grund die Zeit davon. Der Kreml bereitet sich unter Hochdruck darauf vor, im Distrikt Cherson am 11. September ein sogenanntes Referendum zum Anschluss an Russland abzuhalten. An diesem Tag finden in ganz Russland Regionalwahlen statt. Moskau strebt eine Wiederholung des Krim-Szenarios vom Frühjahr 2014 an. Auch wenn diese Abstimmung illegal wäre: Der Versuch der Ukraine, das Gebiet zurückzubekommen, würde sehr viel komplizierter werden.

Atomkraftwerk Saporischschja: Die Überwachungs-Sensoren wurden beschädigt

Parallel dazu befeuert Moskau die im Westen verbreitete Angst vor einer nuklearen Katastrophe. Nach Angaben des Ministeriums für Kultur und Informationspolitik in Kiew haben russische Truppen Energieeinheiten des Atomkraftwerks Saporischschja mit Sprengstoff verkabelt und vermint.

Der Reaktor im Süden wurde kurz nach Kriegsbeginn von den Russen besetzt. Er ist die größte Nuklearanlage in Europa. Durch die Raketenangriffe am vergangenen Wochenende wurden einige der automatischen Überwachungs-Sensoren beschädigt. Diese Sensoren messen die radioaktive Strahlung und senden die Daten an lokale Behörden und die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO).

Russen und Ukrainer beschuldigen sich gegenseitig, das Kernkraftwerk beschossen zu haben. Beweise, die den Urheber der Attacken zweifelsfrei festmachen, liegen zwar nicht vor. Doch Mitarbeiter der russischen Atomenergiebehörde Rosatom sollen vor den Angriffen den Reaktor Saporischschja verlassen haben – ein Indiz, dass sie von den kommenden Attacken wussten.

Eine Explosion hätte auch für Russland Risiken: Der Wind weht oft Richtung Osten

Eine Explosion im oder am Atomkraftwerk hätte auch für Russland gewaltige Risiken – der Wind weht in der Regel Richtung Osten. Potenziell am gefährdetsten sind das Nuklearmülllager und die Reaktorblöcke, die über einen dicken Betonmantel verfügen.

„Dieser Betonmantel bietet dann einen gewissen Schutz, wenn die Reaktorblöcke ordnungsgemäß heruntergefahren werden“, warnt der Sicherheitsexperte Gustav Gressel. „Das ist jedoch nicht selbstverständlich, wenn man bedenkt, wie die Russen das ukrainische Sicherheitspersonal behandelt haben.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.

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