Der Tod war ihr ständiger Begleiter – Mord-Ermittler berichten

Gifhorn.  Die Kriminalisten Ulf Küch und Jürgen Schmidt berichten, wie Ermittler am Tatort arbeiten und Mörder jagen.

15 Jahre nach dem Babymord vom Waller See und neun Jahre nach Aufklärung des Falls zeigt Jürgen Schmidt (rechts) Ulf Küch die Stelle am Ufer des Sees, an der die Täterin die Leiche des Säuglings in einer Tüte vergraben hatte. 

15 Jahre nach dem Babymord vom Waller See und neun Jahre nach Aufklärung des Falls zeigt Jürgen Schmidt (rechts) Ulf Küch die Stelle am Ufer des Sees, an der die Täterin die Leiche des Säuglings in einer Tüte vergraben hatte. 

Foto: Hendrik Rasehorn

Jürgen Schmidt war Kripo-Chef in Gifhorn, Ulf Küch in Braunschweig. Sie haben viele Mörder überführt – mit Neugier, Erfahrung und neuster Ermittlungstechniken. In einem Fall, der bundesweit Schlagzeilen schrieb, kreuzten sich ihre beruflichen Wege. Anhand des Waller Babymords erklären die Kriminalisten, die gemeinsam auf 90 Jahre Berufserfahrung zurückblicken, die Arbeit einer Mordkommission.

Der Fall: Der Waller See liegt im Süden des Kreises Gifhorn, nahe Grenze zum Braunschweiger Stadtgebiet. An einem Sonntagmittag im Juni 2005 fanden Kinder von Spaziergängern im Uferbereich eine halb eingebuddelte Plastiktüte. Darin lag in einer Decke eingewickelte eine Babyleiche. Die Täterin hatte dem neugeborenen Mädchen die Kehle durchgeschnitten. Erst 2011 verdichteten sich Hinweise auf die Täterin, nachdem DNA-Spuren an Zigarettenkippen in einem gestohlenen VW-Bus entdeckt wurden. Als die Ermittler die Mutter zur Speichelprobe vorluden, stellte sie sich der Polizei: „Ich bin die Mörderin vom Waller See.“ Sie legte ein unfassbares Geständnis ab: Sie hatte ein zweites Baby, das angeblich nach der Geburt in der Badewanne ertrunken war, im Müllcontainer entsorgt. Das Schwurgericht am Landgericht Braunschweig verurteilte sie wegen zweifachen Totschlags zu sechseinhalb Jahren Haft.

Wonach riecht eine Leiche?

Küch: Süßlich ...

Schmidt: … und widerlich, wenn die Leiche schon verwest.

Und eine Blutlache?

Schmidt: Das ist ein eigenartiger, ja einzigartiger Geruch...

Küch: … ein bisschen nach Eisen.

Wie wird am meisten gemordet?

Schmidt: Erwürgen dürfte wohl die häufigste Ursache sein...

Küch: … oder stumpf erschlagen. Sehr stark körperliche Gewalt erleben wir häufig bei Beziehungstaten. Ein Messer als Tatwaffe steht oft im Zusammenhang mit bestimmten Bevölkerungsgruppen. In den USA ist die häufigste Tötungsart das Erschießen, weil der Zugang zu Schusswaffen so einfach ist. Der Giftmord ist die Domäne weiblicher Täter – vielleicht bekommen wir diese Taten gar nicht so oft mit.

Wie gehen Sie damit um, wenn wie im Fall des Waller Babymordes so ein im höchsten Maße unschuldiges Opfer vor ihnen liegt?

Schmidt: Als Mordermittler muss ich jede Leiche zunächst wie eine Sache betrachten. Im Vordergrund steht die Suche nach Spuren und Täter. Natürlich kommen später die Emotionen hoch und man fragt sich, was das für ein Wahnsinnstat ist, warum die Täterin das Kind zum Beispiel nicht in einer Babyklappe ablegt hat.

Küch: Die Täterin hatte nach ihrer Verhaftung gestanden, dass ein weiteres Baby in Braunschweig in einem Abfallcontainer lag. Den holten wir in unsere Fahrzeughalle, dann musste ich die Kollegen in den Müll schicken und die wussten, dass sie gleich auf die Leiche stoßen werden. Hartgesottene Ermittler kamen an ihre Grenzen. Empathie mit Opfern ist eine Grundvoraussetzung in unserem Beruf – nicht nur bei Morden. Richtig nahe gehen mir die Enkeltrick-Betrugsmaschen, wenn es hochbetagtes Mütterchen ihr angespartes Vermögen verliert.

Wie wird nach der Alarmierung die Mordkommission aufgestellt?

Schmidt: Der Moko gehören rund 20 Ermittler an, vorwiegend aus dem für Tötungsdelikte zuständigen 1. Fachkommissariat sowie die Kriminaltechniker aus dem 5. Fachkommissariat. Es werden oft Kollegen aus anderen FK’s hinzugezogen, die für solche Fälle das nötige Fachwissen besitzen. Für Besetzungen und

Vertretungen liegen Pläne bereit, wichtige Aufgaben sind bereits festgelegt. Aber nicht immer sind alle Kollegen auch greifbar.

Küch: Mein kuriosester Fall war ein Tötungsdelikt in Wolfenbüttel in der Millenniumsnacht von 1999 auf 2000. Versuchen Sie da mal eine Moko auf die Beine zu stellen ... Zu meiner Zeit hatten wir in Braunschweig Pläne für zwei Mokos ausgearbeitet. Es kann ja durchaus passieren, dass es zeitgleich zwei Tötungsdelikte gibt. Größere Dienststellen wie unsere haben auch oft die kleineren unterstützt.

Was geschieht in den ersten Stunden am Leichen-Fundort?

Küch: Das kriminalistische Erforschen eines Tatorts wurde unter dem Berliner Kriminaldirektor Ernst Gennat (1880 bis 1939) perfektioniert. Er entwickelte einen 7-Punkte-Plan, an dem wir uns bis heute halten: Im ersten Schritt verschafft sich ein leitender Ermittler einen Überblick. Danach suchen Beamte nach Beweismitteln, ohne selbst Spuren zu hinterlassen. Der Tatort wird erst fotografiert, danach werden Spuren gesichert und kriminalistisch untersucht. Der Leichnams wird durch einen Rechtsmediziner untersucht und schließlich ein Tatortbericht verfasst. Die Tatortarbeit ist seit Gennat praktisch unverändert, nur die Technik hat sich immer weiter verbessert.

Nennen Sie dafür ein Beispiel?

Küch: die Tatort-Fotografie. Zum Einsatz kommt heutzutage eine Sphärenkamera. Die fertigt dreidimensionale Aufnahmen an, die so präzise sind, dass später am PC die Abstände millimetergenau festgestellt werden können.

Schmidt: 2005 besaß unsere Dienststelle in Gifhorn noch keine solche Kamera. Jeder Fund am Tatort wurde fotografiert und seine Lage mit dem Abstand zum Leichenfundort sowie genauer Positionsangabe dokumentiert.

Wie funktioniert die Spurensuche?

Küch: Das nennt sich heuristische Kriminalistik, also planmäßige Suche. Ein größerer Bereich rund um den Fundort wird abgesperrt und in Segmente eingeteilt. Jedes wird nach Spuren abgesucht. Nach und nach wird der Radius erweitert. So eine Absuche zieht sich mitunter über mehrere Tage hin. Alles, was gefunden wird, wird dokumentiert, um es später zuordnen zu können. Es ist die hohe Kunst des Kriminalisten, Zusammenhänge zwischen einer Leichen und all den Funden herzustellen.

Schmidt: Im Fall des Waller Babymordes gestaltete sich die Spurensuche schwierig. Das Gelände am See stand jedermann offen. Es gab Feuerstellen, wir fanden unter anderem Bierflaschen, Zigarettenkippen, Kondome. Millimeter für Millimeter haben wir abgesucht, auch nach frisch aufgeworfenen Stellen, denn es hätte ja sein können, dass die Tatwaffe dort vergraben lag. Wir fanden einen Löffel, von dem sich später herausstellte, dass ihn die Täterin zum Graben benutzt hatte. Weitere Ermittlungsansätze waren das Handtuch und die Tüten, in denen das Baby eingewickelt war. Daran konnten wir DNA der Täterin sicherstellen.

Küch: Die Ermittler, die Spuren sicherstellen und auswerten, müssen hochkarätig ausgebildet sein. Denn sie treffen am Tatort die Entscheidung, ob eine Spur interessant ist oder nicht.

Wer sind die wichtigsten Mitglieder einer Moko?

Küch: Der Hauptsachbearbeiter leitet die Ermittlungen. Bei dem Aktenführer werden alle Spurenakten zusammengeführt.

Schmidt: Spuren meint nicht kriminaltechnische Spuren wie DNA, Schuh- oder Fingerabdrücke, sondern Sach- und Personenspuren. Nehmen wir als Beispiel: Wir starten einen Zeugenaufruf und bekommen fünf Hinweise auf einen blauen Golf und Fragmente eines Autokennzeichens. Ein Spurenteam wird dann darauf angesetzt, alle in Frage kommenden Fahrzeuge mit Haltern zu ermitteln und deren Alibis zu überprüfen. Im Fall des Babymordes untersuchte ein Team, in welchen Supermärkten es solche Tüten gibt, wie die, in denen die Leiche lag. Ein anderes Team prüfte Hinweise zu kürzlich schwangeren Frauen. Bei all diesen Spuren kommen schnell mehrere Hundert Akten zusammen...

Küch: … und manchmal kommt es zum Beifang, also dass wir bei den Ermittlungen noch auf ganz andere Straftaten stoßen.

Schmidt: Bei den meisten Tötungsdelikten haben wir es mit Opfern zu tun, deren Identität bekannt ist. Ein Team hat die Aufgabe, über Angehörige, Freunde, Bekannte und Kollegen möglichst viel über das Opfer und seine Persönlichkeit in Erfahrung zu bringen. Aus bestimmten Verhaltensweisen des Opfers lassen sich schon Rückschlüsse auf den Täter ziehen. Ein weiteres Team ermittelt zur Tatzeit und arbeitet dabei eng mit den Rechtsmedizinern zusammen. Das ist wiederum ganz wichtig für Alibi-Überprüfungen – das machen wir als erstes, wenn wir einen Verdächtigen haben.

Ist der Aktenführer in einer Moko die undankbarste Aufgabe, so wie der Schriftführer im Verein?

Schmidt: Es mag nicht der beliebteste Job sein, weil der Aktenführer den ganzen Tag im Büro am Schreibtisch sitzt. Ich hatte eine Aktenführerin im Team, die abends als letzte das Licht ausknipste und morgens die erste im Büro war. Sie wollte die Akten stets auf Vordermann haben. Das war schon toll.

Küch: Die Aktenführer sind sich der Wichtigkeit ihrer Funktion bewusst. Zu bestimmten Spuren müssen ja bestimmte strafprozessuale Maßnahmen wie Durchsuchungsbeschluss oder Halterabfrage anlaufen, um weiter ermitteln zu können.

Bleiben noch Aufgaben für die Kripo-Chefs übrig?

Küch: Die würde ich so beschreiben, dass wir dem Team den Rücken frei halten, vor allem, wenn es sich um spektakuläre Fälle handelt. Die Staatsanwaltschaft muss fortlaufend informiert werden, der Polizeipräsident auch, die Presse steht vor der Tür und manchmal mischen auch Politiker mit … Was ich mit denen manchmal für Diskussionen führen musste, sie sollten uns einfach unsere Arbeit machen lassen.

Schmidt: Der Hauptsachbearbeiter und der Aktenführer beraten auch gemeinsam mit den Kripo-Chefs, wie Spuren zu bewerten und wie Ermittlungen fortzuführen sind.

Wann werden die Rechtsmediziner hinzugezogen?

Küch: Die Rechtsmediziner aus Hannover wollen bei Mordfällen immer früh hinzugezogen werden. Und wir haben sie auch gerne dabei. Denn bei der Sicherstellung der Leiche durch die Polizei oder bei der Übergabe an den Bestatter können Spuren verloren gehen. Rechtsmediziner können schnell klären, ob etwa der Fundort auch der Tatort ist. Wenn eine Leiche schon mehrere Tage tot ist, aber kein Blutaustritt am Fundort stattfand, ist davon ausgehen, dass die Leiche zum Fundort hingeschafft wurde. Das ist in einem frühen Ermittlungsstadium eine sehr wichtige Erkenntnis.

Schmidt: Auch beim Waller Babymord war schnell klar, dass der Fundort nicht Tatort war. Dem Kind war die Kehle durchgeschnitten worden, aber am Fundort fanden sich kaum Blutspuren und die Leiche war auch nicht mehr frisch. Es stellten sich für uns die Fragen, wann das Kind geboren wurde, wann der Todeszeitpunkt war und wie lange die Leiche vergraben lag. Die Rechtsmediziner unterstützen uns bei der Beantwortung dieses Fragen. Die Kriminaltechniker warten natürlich nicht so lange, bis die Rechtsmediziner eintreffen, sondern beginnen schon vorher mit ihrer Arbeit, ohne dabei den Tatort wesentlich zu verändern.

Küch: Es gibt ja Tatorte, die sind geradezu idyllisch – so wie damals am Waller See. Wir können auch Pech haben und Tatort liegt direkt an einer Straße mit vielen Passanten, oder es schneit, regnet oder stürmt.

Bei den Ermittlungen zum Waller Babymord wurde erstmals die Isotopenanalyse bei einem Tötungsdelikt eingesetzt, um Rückschlüsse auf den Aufenthaltsort der Mutter während der Schwangerschaft treffen zu können. Woher holen sich Ermittler solche Ideen?

Schmidt: Das ist Ausdruck der Intelligenz eines Kriminalisten, sich nicht nur auf das zu beschränken, was auf der Polizeischule gelehrt wird, sondern sich neue wissenschaftliche Erkenntnisse kriminalistisch nutzbar zu machen. Die angesprochene Isotopenanalyse kommt aus der Geologie beziehungsweise der Lebensmitteluntersuchung. Isotope sind Teilchen in den Atomen von Elementen, Menschen nehmen sie unter anderem durch die Nahrung auf. Die Verhältnisse der Isotopen zueinander sind auf der ganzen Welt unterschiedlich und das lässt sich zum Beispiel in Fingernägeln oder Haaren messen. Das Institut für Rechtsmedizin an der LMU in München nutzte die Isotopenanalyse erstmals bei der Identifizierung von unbekannten Toten. Darüber wurde in einer kriminalistischen Fachzeitschrift berichtet. So kam ich auf die Idee, die Wissenschaftler im Waller Babymord um Hilfe zu bitten.

Küch: Die Wissenschaft bedient sich nicht uns, wir müssen uns ihrer bedienen. Denken Sie an den Fall Pastor Geyer, den wir für den Mord an seiner Frau überführen konnten. Ganz wesentlich dafür waren die kriminalbiologischen Gutachten. Ein Geologe stellte fest, dass die Erde, die an der Leiche entdeckt wurde, nicht vom Fundort stammen konnte. Am Gummistiefel von Geyer wurde eine tote Ameise entdeckt, deren Herkunft der Ameisenexperte Bernhard Seifert auf den Leichenfundort bestimmte. Und der Maden-Experten Mark Benecke bestimmt die Tatzeit und brachte so Geyers Alibi zum Platzen.

Schmidt: Ich habe ein weiteres Beispiel: Ich leitete eine Soko, die zu Einbrüchen in Häuser und Diebstahl von Antiquitäten ermittelte. Bei einem Verdächtigen konnten wir einen Frankfurter Wellenschrank sicherstellen, ein besonderes Stück, das mehrere 10.000 Mark wert war. Weil der Schrank aufgearbeitet worden war, erkannte der Eigentümer diesen nicht. Er besaß aber noch eine Fotoglasplatte von 1900, worauf die Maserung zu erkennen war. Mit Unterstützung eines Biologen vom LKA haben wir festgestellt, dass die Maserung des Holzes einmalig ist, ähnlich wie ein Fingerabdruck. So konnten wir den Täter überführen. Heutzutage wird die Forschung an neuen Kriminaltechniken in den jeweiligen Ländern über Europol kanalisiert. Die Ungarn beispielsweise sind federführend in der Geruchsforschung. Es gibt vielversprechende Ansätze, den Geruch des Täters an Tatorten zu konservieren. Solche Entwicklungen muss man als Kriminalist bei seinen Ermittlungen im Hinterkopf haben. Natürlich gehört Mut dazu, sich auf zum Teil unerforschte Gebiete einzulassen. Und Gutachten kosten natürlich Geld.

Küch: Man sollte sich jedenfalls als Kriminalist niemals scheuen, Hilfe von außen zu suchen. Das wurde uns von den alten, erfahrenen Kriminalisten vorgelebt. Eine fundierte Ausbildung ist das eine. Ein Kriminalist wird erst dann richtig gut, wenn er Erfahrung besitzt. Unser Job war einmal ein reiner Erfahrungsberuf...

Schmidt: … heutzutage werden leider eher Checklisten abgearbeitet, als sich tiefschürfende Gedanken über einen Fall gemacht. Dabei war kein Mordfall, den ich bearbeitet habe, so wie der andere, und genauso die Täter.

Küch: Bei Tötungsdelikte stehen Täter und Opfer meist in einer Beziehung zueinander. Aber bei Taten, wo Täter scheinbar wahllos zuschlagen, können die Ermittlungen ausgesprochen schwierig werden. Der Horror für uns waren in den 1970/80er Jahren die Anhalterinnenmorde, weil es keine persönliche Beziehung zwischen Täter und Opfer gab. Aus dem gleichen Grund sind Prostituiertenmorde schwer aufzuklären.

Welcher Zeitraum ist für die Ermittlungen bei einem Mordfall entscheidend?

Schmidt: Die ersten drei Tage. Wenn wir bis dahin keine heiße Spur haben, können wir uns auf aufwändige und schwierige Ermittlungen gefasst machen.

Küch: Das sind ganz lange Tage mit wenig Schlaf. Allerdings dürfen die Kollegen in dieser Zeit nicht überfordert werden. Man muss ihnen auch Pausen gönnen.

Muss jeder in der Moko alles wissen?

Schmidt: Besprechungen sind ganz wesentlich – eine morgens zu Dienstbeginn um 8 Uhr, um alle auf den Stand zu bringen. Der Kollege, der an dem Tag rausfährt, muss den Ermittlungsstand kennen, damit er in einer Befragung alles, was er erfährt, und wenn es nur eine Nuance ist, bewerten kann. Eine zweite Besprechung findet abends statt. Da werden der Tag und die Ergebnisse noch einmal Revue passiert und Aufgaben für den nächsten Tag festgelegt. In den Besprechungen wird auch über neue Ermittlungsansätze diskutiert. Jeder kann was vorschlagen und es gibt keine Denkverbote.

Wie sehr ist den Beobachtungen von Augenzeugen zu trauen?

Schmidt: Am Waller See stellten wir an mehreren Tagen Beamte ab, die jeden, der dort spazieren ging, befragt haben. Falsche Beobachtungen kann man nie ausschließen. Deshalb ist es wichtig, sich einen Zeugen unter psychologischen Gesichtspunkten genau zu betrachten, ob er emotional oder sachlich berichtet. Eine Personenbeschreibung nimmt kein Kriminalist als 100 Prozent wahrhaftig an. Wenn aber mehrere Zeugen übereinstimmende Aussagen treffen, haben wir einen Anhaltspunkt.

Küch: Zu Zeugenaussagen kann ich ein Buch schreiben, da habe ich die kuriosesten Dinge erlebt. Je jünger Zeugen sind, umso besser sind ihre Aussagen. Erwachsene vergleichen jede Beobachtung mit Dingen, die sie selber erlebt haben und vermischen dies mit ihrer Erinnerung. Zeugenaussagen sind das eine – Sachbeweise sind wichtiger.

Wenn sich Ermittlungen auf einen Verdächtigen fokussieren, wie geht die Moko vor?

Schmidt: Wir versuchen so viel wie möglich über den Verdächtigen herauszubekommen, über sein Umfeld, seine Art, seinen Charakter. Wenn die Beweismittel noch nicht ausreichen und wir ihn über die Vernehmung zu einem Geständnis bringen wollen, müssen wir so viel wie irgend möglich über ihn wissen, um seine Verhaltensweise vorherzusehen. Er muss das Gefühl suggeriert bekommen: Die Polizei weiß sowieso schon alles.

Küch: Wenn wir es mit einem Beschuldigten zu tun haben, der gewalttätig gegenüber Frauen oder Kindern wurde, schauen wir bis in seine Jugend zurück, was in seiner Erziehung falsch gelaufen sein könnte. Viele Mörder haben schon als Kinder Tiere gequält. In die Vernehmungen setzen wir unsere besten Leute.

Mit welcher Strategie?

Küch: Niemals Vorwürfe machen! Sonst kann es passieren, dass der Tatverdächtige blockiert. Mitunter hilft ein väterliches, wohlwollendes, aber bestimmtes Auftreten. Mein Kollege Dirk Bosse konnte stundenlang mit Verdächtigen reden und er fand immer einen Zugang. Das ist die Kunst der Vernehmung. Die beherrscht nicht jeder.

Schmidt: Als Zeuge wird jemand vernommen, gegen den man noch keine Verdachtsmomente hat. Liefert eine solche Vernehmung Verdachtsmomente, dann muss er als Beschuldigter belehrt werden. Und dann muss er auch nicht mehr aussagen, wenn er nicht will.

Küch: Sie dürfen keinesfalls in die Zeugenvernehmung reingehen mit der Überzeugung, dass vor ihnen der Beschuldigte ist. Dann dürfen sie die gar nicht starten. Das würde ihnen später vor Gericht ein guter Anwalt ihnen um die Ohren hauen.

Wo findet die Vernehmung statt?

Schmidt: Ich habe die immer in meinem Büro durchgeführt. Einmal im Fall des Torso-Mörders haben wir ein Vernehmungszimmer drapiert mit Fahndungsbildern an den Wänden, um so bei dem Verdächtigen eine Reaktion hervorzurufen. Neuerdings wird bei Todesermittlungen die Vernehmung videografiert.

Küch: Das ist für die Vernehmer ist feine Sache, wenn sie darlegen können, dass sie einen Verdächtigen nicht unter Druck gesetzt oder im Aussagen in den Mund gelegt haben, falls der das später behauptet.

Ist es das Bestreben des Mordermittlers, einen Fall bis ins letzte Detail aufzuklären?

Schmidt: In der ersten Stunde Kriminalistik werden die sieben goldenen W beigebracht: Wer hat wann wo was getan, womit, warum und möglicherweise mit wem?

Küch: Das kann man noch ergänzen mit der achten W-Frage – wem ist es nütze? Man hat uns so beigebracht, den Tatortfundbericht mit einem Satz anzufangen, der alle W-Fragen beantwortet werden.

Schmidt: Das „Warum“ bleibt manchmal auf der Strecke, wenngleich die Antwort für die spätere Strafzumessung, ob es Mord oder doch nur Totschlag war, entscheidend ist. Die Arbeit einer Moko endet nicht, wenn wir den Täter gefasst haben. Das Geständnis allein würde dem Gericht nie ausreichen. Es muss von uns abgesichert werden, zum Beispiel mit Spuren oder Details, die nur der Täter wissen kann

Küch: In den anglikanischen Ländern gibt es den Mord erster, zweiter, dritter und vierter Klasse. Das haben wir in Deutschland nicht und das ist, wie ich finde, das Fatale. Nehmen wir an, eine Frau wird jahrelang von ihrem Mann brutal gequält, greift in ihrer Not zu einer Axt, die womöglich noch geschliffen wurde und tötet damit den Mann, hat sie alle Tatbestandsmerkmale für einen heimtückischen, hinterhältigen Mord mit grausamen Mitteln erfüllt und wird zu lebenslänglich verurteilt. Auch deshalb müssen wir ermitteln, um dem Gericht alles an die Hand zu geben, damit es ein weises Urteil fällen kann.

Schmidt: Die Täterin im Waller Babymord hatte ihrer Tochter die Kehle durchgeschnitten. Sie wurde für diese Tat aber nicht wegen Mordes, sondern wegen Totschlags verurteilt. Das Schwurgericht bewertete es nicht als heimtückische Tat, weil das Baby nicht in der Lage war, die Gefahr zu erkennen, sondern ein Baby per se hilflos ist. Auch das Mordmerkmal Grausamkeit wurde abgelehnt, weil das Baby durch den Halsschnitt relativ schnell zu Tode kam. Als ich vom Urteil erfuhr, habe ich geschluckt. Aber die Kammer hat es gut begründet.

Küch: Auch für mich war das Urteil überraschend. Allerdings, wenn man sich Täterin und Taten genauer anschaute, kam man zum Ergebnis, dass lebenslänglich Haft nicht angemessen war. Die Frau hatte nach dem Waller Babymord jahrelang isoliert und in der Illegalität gelebt. Unser Rechtssystem will keine Rache üben. Dieses Urteil war gerecht.

Wie sehr nagen ungeklärte Morde an Ihnen?

Küch: Wir tun alles, was in unserer Macht steht, um den Täter zu überführen. Den größten Fehler, den ich als Ermittler machen kann, ist, einem Angehörigen zu versprechen, dass ich den Täter finden werde. Denn was mache ich, wenn ich den Fall nicht aufklären kann? Ich kenne Kollegen, die daran zerbrochen sind. Es gibt leider Verbrechen, die ungeklärt bleiben. Und es gilt die Unschuldsvermutung! Ich habe kein Verständnis dafür, wie aktuell mit dem Verdächtigen im Fall Maddie öffentlich umgegangen wird. Entweder wir können einem Tatverdächtigen etwas beweisen, oder wir ermitteln und halten uns öffentlich zurück.

Schmidt: Jeder Kriminalist weiß, dass er nicht jeden Fall aufklären wird. Bei Mord wird aber alles darangesetzt, die Tat aufzuklären, auch um eine mögliche Wiederholung zu verhindern.

Kann jeder von uns ein Mörder werden?

Schmidt: Ich glaube nicht, jedenfalls kann ich das für mich ausschließen.

Küch: Viele Taten werden durch eine ganze Reihe von Faktoren begünstigt. Zum Beispiel, wenn beim Täter im Zuge der jugendlichen Sozialisierung eine Affinität zu Gewalt entstanden ist. Bei Spontantaten – meist sind das die Beziehungstaten – spielen oft die Umstände vor dem Gewaltexzess eine wichtige Rolle: Alkohol, Drogen, die Gesamtsituation. Es gibt auch den kalten und empathielosen Mörder. Ich hatte drei oder vier solcher Fälle. An einen kann mich noch ganz besonders gut erinnern. Das war ein Mann, der im Alter von 16 seinen ersten Auftragsmord an einem Versicherungsvertreter in Dettum begangen hatte. Er hatte das Opfer in einem See ertränkt. Nachdem er die Strafe abgesessen hatte, beging er in Braunschweig seinen zweiten Mord. Er kam später in die Sicherungsverwahrung. Trotzdem bin ich der Auffassung, dass es den geborenen Mörder nicht gibt.

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