Rosinensuppe und rauchende Mütter

Salzgitter  Salzgitter besteht 75 Jahre. Aus diesem Anlass erinnern sich unsere Leser. Werner Scholz berichtet von seiner Kindheit in Watenstedt (zweiter Teil).

Einschulung 1948 mit Lehrer Mikolaiczyk. Werner Scholz ist der Zweite unten rechts.Fotos: privat

Einschulung 1948 mit Lehrer Mikolaiczyk. Werner Scholz ist der Zweite unten rechts.Fotos: privat

Kaum war unsere Familie wieder zusammen, wurde ich schwer krank und lag vier Monate, von November 1950 bis März 1951, im Baracken-Krankenhaus in Drütte neben der Hauptverwaltung der Salzgitterwerke. Unser „Fernsehen“ war damals, wenn die glühende Schlacke des Hochofens in der Nähe ausgekippt wurde und der Himmel sich eine ganze Weile glühend rot färbte.

Nahrung gab es nach dem verlorenen Krieg nur auf Lebensmittelscheine, Essen wurde zugeteilt, lebensrettende Medikamente nur unter schweren Bedingungen. Allein in einem Zimmer, nur durch ein Sichtfenster mit den Krankenschwestern verbunden – es war ganz schlimm. Meine Eltern, die mich besuchten, durften nur durch dieses Fenster mit mir Verbindung aufnehmen. Und als ich meine Mutter weinen sah, hatte ich Heimweh. Aber die Ärzte schafften das kleine Wunder, darunter eine ganz junge Ärztin, Frau Dr. Rodehut, die ich später in Wolfenbüttel in ihrer Praxis als erwachsener Mann wieder traf: Sie hörte nur „Werner“, und wir beide sahen uns schweigend an. Dann flossen die Tränen. Sie hatte „ihren“ Werner wieder. Sie hatte das Wunder vollbracht, und ich wurde wieder gesund.

Es war ja noch Onkel Roman Borys da. Der hatte sich als „oberschlesischer“ Fleischer selbstständig gemacht, die Engländer als Verwalter der britisch besetzten Zone hatten es erlaubt. Ich, der kleine Werner, war auch „sein“ Kind. Onkel Roman und Tante Else waren kinderlos, und so bekam ich die besten Sachen, Knoblauchwurst und meine geliebte Schlesische Weißwurst zu Weihnachten. Onkel Roman rief schon morgens meinen Namen, und im Schlafanzug ging ich herüber in die Fleischerei. Im heißen Kessel schwammen die Knoblauchwurstringe. Er nahm mit dem Fleischermesser einen Ring heraus, schnitt ein Stück ab und gab es mir zu kosten (ein typisch schlesischer Ausdruck). Nachdem ich hineingebissen und ihm zu verstehen gegeben hatte, dass sie so gut schmeckte, rief er in den Verkaufsraum: „Else, kannst sie verkaufen, dem Werner schmeckt sie.“

Und so rankten sich viele Geschichten um meinen Onkel Roman und seinem Schäferhund. Er hatte nun „zwei Kinder“, die manchmal einträchtig aus der großen Hundehütte heraus schauten. Doch er gab mir sofort zu verstehen, dass ich nicht an das Fressen des Schäferhundes heran durfte. „Werner, das ist sein Essen, da versteht er keinen Spaß. Da gehst du nicht heran.“ Die Stimme von Onkel Roman, die sonst ganz liebevoll zu mir war, klang sehr streng. Ich hatte verstanden.

Spazieren im Steterburger Wald

Die vorösterliche Zeit, der Frühling, war immer die „Spaziergang-Zeit“. Mein Vater sagte dann immer: „Werner, lass uns einen Spaziergang in den Steterburger Wald machen.“ Dort blühten die Himmelschlüsselchen schon oder waren im Wachstum. Vater nahm aus dem Rucksack einen Klappspaten, woher auch immer, und grub ein paar Blumen aus. Zuhause kamen sie dann in den Baracken-Vorgarten. Im Herbst war die Sammelzeit, zum Bucheckernsammeln gingen meine Schwester, meine Mutter und ich nach Adersheim bei Wolfenbüttel in den Buchenwald.

Ich kannte die Baumarten nicht, aber sie hatten unterschiedliche Früchte. Mutter erklärte mir, dass die kleinen Früchte, wenn sie reif wären, Öl enthielten. Ich wusste weder, was Öl ist, noch was man mit dem Öl machte. Bis eines Tages meine Mutter mit einer kleinen Flasche Öl nach Hause kam. Ganz vorsichtig wurde es zum Braten benutzt.

Ährenlesen war Kinderarbeit

Kartoffelstoppeln (sammeln) und Ährenlesen war auch eine Kindertätigkeit. Beim Ährenlesen hatten wir Kinder bald die Technik heraus, mit den nackten Füßen die kurzen Ährenhalme nach vorn nieder zu treten. Am Anfang machten wir das nicht und hatten uns ganz schnell die Knöchel aufgerissen. Wir lernten halt immer etwas Neues.

Trotzdem war ich wieder nach meinem Krankenhausaufenthalt isoliert. Durch dieses lange Liegen im Bett hatten sich meine Muskeln zurückgebildet, und ich musste an der Hand meines Vaters wieder laufen lernen. Vielleicht war das der Augenblick, wo ich meinem Vater ganz nah war, er führte mich an der Hand, ich hatte einen Papa. Da mein Vater noch als Arbeiter in der AOK (Allgemeine Ortskrankenkasse) geblieben war, bekam ich ein halbes Jahr lang Butter auf den wichtigen Krankenschein, und ich wurde in den großen Ferien zur Erholung in dafür vorgesehene Kinderheime auf den Inseln in der Nordsee geschickt. Da mein Krankenhausaufenthalt über Weihnachten war, bekam ich ab und zu eine Apfelsine zu meinem Mittagessen. Bis dahin kannte ich diese Frucht nicht. Und Weihnachten im Krankenhaus und dann noch mein Geburtstag. Keine Kinder durften mir gratulieren, nur die Schwestern sangen mir ein Geburtstagslied. Tränen waren oft meine Begleiter.

In dem großen Barackenlager wohnten vorwiegend die katholischen Flüchtlinge aus dem Osten, und da in dem evangelisch geprägten Dorf keine katholische Kirche war, wurde die Feierabendhalle des Lagers XI in eine katholische Kirche umfunktioniert. Ein Holzkreuz an der Eingangsseite zeigte das an. Dass die Einwohner von Watenstedt-Salzgitter in eine andere Kirche gingen, störte mich nicht.

Erst als wir in die Barackenschule eingeschult wurden und jetzt Religionsunterricht bekamen, hörten wir vom Unterschied zwischen den katholischen und evangelischen Christen. Spielende Kinder hatten unter dem Fußboden der Feierabendhalle, die auf gemauerten Steinsockeln stand, geraucht, und eines Tages ist diese Kirche abgebrannt. Dann wurde eine neue, gemauerte Kirche gebaut mit einem Glockenturm, den die Feierabendhalle nicht hatte.

Ostern 1950 ging ich in Watenstedt in dieser Kirche zur Kommunion. Meine Eltern fuhren zu diesem Anlass mit mir nach Braunschweig zum Einkaufen. Ich weiß nicht, woher die Mutti das Geld hatte, mir bei Flebbe, einem Herrenausstatter, einen blauen Bleyle-Anzug zu kaufen, kurze Hose und Jacke. Dazu weiße Kniestrümpfe. Eine modische Kostbarkeit.

Als der Sonntag gekommen war, wollte ich schon, fein angezogen, die Kerze in der Hand, aus der Barackentür hinaus auf den Vorweg. Dabei blieb ich an einem kleinen Nagel hängen – und ein Riss war in der Hose. In der Aufregung hörte ich meinen Vater sagen: „Bertel. In Zukunft geht der Junge an meiner Hand aus der Tür.“ Aber die Mutti bügelte alles wieder aus. Wie so oft, der Junge und seine Mutti.

Die neue Schule entstand

Auf den Fundamenten dieses Verwaltungsgebäudes, zwischen denen wir Kinder gespielt hatten, wurde die neue Schule gebaut, und wir gingen fortan von der Barackenschule nun in diese Schule. Im Winter brachte jedes Kind zwei Holzscheite mit, damit wurde dann das Klassenzimmer geheizt.

Mein Vater hatte Kontakt zum Werkschutz der Stahlwerke, und so bekam unsere Klasse auch schon einmal Koks zum Heizen. Die Engländer als Besatzungsmacht hatten beschlossen, uns Schulkindern eine Rosinensuppe zukommen zu lassen. Fortan nahm ich das grüne Kochgeschirr meines Vaters mit, das er aus dem Krieg mitgebracht hatte. Schulspeisung nannten wir das.

In der Schulbaracke war unser Klassenlehrer Herr Mikolaiczyk. Eines Tages ging Herr Mikolaiczyk am Anfang des Schuljahres durch die Klasse und fragte jeden, was die Eltern beruflich machten und andere Fragen. Als ich an der Reihe war, antwortete ich wahrheitsgemäß: „Mein Vater ist Lehrer, und meine Mutti raucht wie ein Schlot.“

Schmunzelnd nahm er das zur Kenntnis, und am Nachmittag klopfte er an das Fenster unserer Barackenwohnung. Meine Mutter öffnete das Fenster, und Herr Mikolaiczyk stellte sich als Klassenlehrer des Sohnes vor, und er wolle die Mutter kennenlernen, die wie ein Schlot raucht. Meine Mutter lachte über diesen Satz, rief meinen Vater, und ein Gespräch begann.

Wir zogen aus der Baracke aus

Mein Vater und Herr Mikolaiczyk wurden Freunde. Leider verstarb unser Klassenlehrer 1952, und da seine Familie in einer Lehrerdienstwohnung wohnte, musste sie nun ausziehen. Das wiederum hatte zur Folge, dass Frau Mikolaiczyk und ihre Tochter Gudrun nach Lebenstedt zogen. Diese Wohnung bekamen nun meine Eltern und wir zogen aus der Barackenwohnung in die Mitte des Dorfes, in die Kirchstraße.

Mein Vater war inzwischen an die neu gebaute Schule (Fundamente waren das ehemalige Verwaltungsgebäude der Reichswerke „Hermann Göring“) in Watenstedt versetzt worden. Und nun wohnten der Rektor Brumm, Konrektor Schröder und Lehrer Franz Scholz unter einem Dach.

Erste Erfahrung mit Plattdeutsch

Nun lernte ich ein Dorf kennen. Mir fiel auf, dass die Bewohner für mich eine andere Sprache sprachen, völlig ungewohnt. Eines Tages schickte mich meine Mutter zu Herrn Wienecke im Dorf, der einzige Kaufmannsladen. Ich sollte Oberrüben holen. Dort angekommen, sagte ich Herrn Wienecke, was meine Mutter wollte. Er sah mich an und sagte: „Watt willste hebben? Kenne ich nich. Sech de Mudder, Kohlrabi heb ick!“

Zuhause angekommen sagte ich weinend meiner Mutter, dass Herr Wienecke nur Kohlrabi hat. Daraufhin holte ich jetzt zur Zufriedenheit von Herrn Wienecke Kohlrabi für die Mutter. Das war meine erste Erfahrung mit der Sprache Plattdeutsch, und sie wurde benutzt, um uns Flüchtlinge auszugrenzen, denn wenn sie untereinander sprachen und ich dabei stand, verstand ich kein Wort. Aber schön war das Spielen auf dem Bunkervorplatz. Dort waren noch Garagen aus der Wehrmachtszeit, die nun von der örtlichen Polizei für ihre Dienstfahrzeuge benutzt wurden. Wir stibitzten Kreide aus der Schule und malten uns ein Tor auf. Wenn nun der „Sheriff“, wie wir den Polizisten nannten – wir lasen ja die Westernhefte „Tom Prox“ und „Billy Jenkins“ – manchmal das Auto brauchte und wir noch beim Spielen waren, wartete er, bis wir noch das Tor geschossen hatten. Der „Sheriff“ und seine Jungs.

Treffen in der Milchbar

Nach einer Aufnahmeprüfung fuhr ich dann mit dem Arbeiterzug zur Realschule nach Lebenstedt, einzelne Waggons mit Holzbänken, der die Leute in das Werk gebracht hatte. Mein Vater verdiente inzwischen mehr Geld, da er 1950 wieder als Lehrer in den niedersächsischen Schuldienst kam. So kam ich in den Genuss, als Jugendlicher etwas mit der aufkommenden Mode mitgehen zu können, wenn wir uns alle in der Milchbar trafen.

Einmal im Monat fuhren meine Eltern mit mir nach Braunschweig zum Einkaufen, denn dort waren neue Geschäfte entstanden oder alte, zerbombte wurden wieder aufgebaut.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder