Bordell-Betreiber sollen 500 000 Euro Steuern hinterzogen haben

Salzgitter  Das Ehepaar (55, 51) betrieb diverse „Salons“ in der ganzen Region. Nun stehen die beiden vor dem Landgericht.

Das angeklagte Ehepaar betrieb mehrere Wohnungsbordelle in der Region.

Foto: Arne Dedert/dpa

Das angeklagte Ehepaar betrieb mehrere Wohnungsbordelle in der Region. Foto: Arne Dedert/dpa

Vor ihrem Fall war das Ehepaar (51, 55) einmal gut im Geschäft mit dem käuflichen Sex. Im „Salon Herzog“ in Fümmelse, „Cora“ in Goslar, „Baron“ in Wolfsburg oder dem „Stern“ in Salzgitter vermieten sie Zimmer an Prostituierte, die dort ihre Dienste feilboten. Bis zu eine Million Euro scheint der Jahresumsatz in guten Zeiten betragen zu haben. Eine Vergangenheit, die den 55-jährigen Mann und seine Frau nun einholt, wo sie längst am Boden liegen: Denn sie sollen die Einnahmen aus den Freudenhäusern nicht ordentlich versteuert haben. So lautet die Anklage vor dem Landgericht Braunschweig. Es geht um knapp 500 000 Euro. Und die Frage, mit wem Freier die sexuelle Dienstleistung eigentlich vereinbaren: mit dem Bordell oder den Damen?

Die Staatsanwaltschaft und das Finanzamt Wolfenbüttel gehen davon aus, dass das Rotlicht-Paar für die Jahre 2006 bis 2009 die Hälfte der Umsätze in ihrer Steuererklärung unterschlagen hat. Für die Jahre 2010 bis 2012 hätten die beiden gar keine Erklärung eingereicht, hieß es bei der Anklageverlesung vor der Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts. Sieben Taten sind es konkret, die dem bulligen Mann und seiner getrennt lebenden Frau vorgeworfen werden.

Es geht in dem Verfahren um die Feinheiten der Umsatzsteuer – die auch den Angeklagten letztlich unerklärlich scheinen. Das machte der 55-Jährige deutlich, der wie seine Frau umfassend Auskunft gab – und sich zumindest im Grundsatz geständig zeigte. Im Gegenzug für die Zusicherung einer Strafe, die unter zwei Jahren liegt und damit zur Bewährung ausgesetzt werden kann. Er war es, der das Geschäft seit den 1990er Jahren mit ersten Wohnungen in Salzgitter auf- und dann immer weiter ausbaute.

Seine Frau lernte er erst später kennen – und überschrieb das Geschäft nominell am sie. Denn 2001 statteten die Steuerfahnder ihnen zum ersten Mal einen Hausbesuch ab. Der heute 55-Jährige wurde dann 2004 verurteilt, weil er gar keine Steuern zahlte. „Das war damals so üblich“, erklärt der Salzgitteraner dem Gericht.

Ab diesem Zeitpunkt habe er als Geschäftsführer jedoch „alles richtig“ machen wollen – und nahm sich sowohl Steuerberater als auch Rechtsanwalt. Auf deren Urteil habe er vertraut. Auch als sie ihm vorschlugen, die Frauen als selbstständig zu melden. Damit wären sie für die Steuer selbst zuständig, so die Annahme.

Die Einnahmen – der Stundensatz lag bei 130 Euro – nahm eine „Wirtschafterin“ entgegen. Diese „Puffmutter“ wie der 55-Jährige sagte, gab die Hälfte des Betrags an das Betreiber-Paar weiter. Die andere Hälfte bekamen die Frauen. Die Inhaber sorgten im Gegenzug für Werbung, engagierten einen Fahrer, stellten Getränke und Präservative und vermieteten bei Bedarf auch Wohnraum.

Mit dieser Regelung sei die Sache für ihn erledigt gewesen, gab der wuchtige Angeklagte zu Protokoll, der auf ein üppiges Vorstrafenregister zurückblickt. In den Steuererklärungen habe man genau jene Hälfte der Einnahmen angegeben, die in der eigenen Tasche gelandet sei.

Doch das reicht wohl nicht: Die Fahnder sowie das Finanzamt hätten ihm seit 2001 mehrfach erklärt, dass die gesamte Summe versteuert werden müsse. Zugrunde liegt die Annahme, dass der Freier die Dienstleistung im Falle eines Bordells mit dem Unternehmen und nicht der einzelnen Prostituierten verabredet. Nach außen tritt in diesem Fall der „Salon“ als Anbieter auf. Ähnlich wie bei einem Bäcker, wo die Verkäuferin die Brötchen zwar überreicht, Geschäftspartner aber das Unternehmen ist.

Eine Regelung, für die der Angeklagte kein Verständnis aufbringt. Er habe auf seine Berater vertraut. Und auch keine Alternative gesehen. „Was hätte ich tun sollen“, fragte er die Kammer. Mehr als die Hälfte der Einnahmen zu behalten, hätte bedeutet, sich der ausbeuterischen Zuhälterei schuldig zu machen. Und auf 50 Prozent der Einnahmen noch 19 Prozent Mehrwertsteuer zu bezahlen, hätte darin resultiert, „dass ich noch Geld mitbringen muss“.

Die beiden hoffen, mit einem „blauen Auge“, also einer Bewährungsstrafe, davonzukommen. Vermögen sei bei ihnen ohnehin nicht abzuschöpfen. Mit dem Geschäft ging es bergab, 2014 kam die Insolvenz. Beide leben von Hartz IV. Die Frau ist schwer drogenabhängig. Der Mann pflegt die gemeinsame behinderte Tochter. Der Glanz, der dem Rotlichtmilieu hin und wieder angedichtet wird, scheint längst verflogen. So er überhaupt existierte.

Der Prozess wird in der kommenden Woche fortgesetzt.

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