Für Kippen von Amerikanern gab es Geld

Vechelde  Unser Leser Helmut Niehoff aus Vechelde erinnert sich an seine Zeit ab April 1945.

Der Zweite Weltkrieg und die Zeit danach – Helmut Niehoff verbindet daran lebhafte Kindheitserinnerungen. Der 82-Jährige, der seit 1985 in Vechelde wohnt, ist in Salzgitter-Flachstöckheim aufgewachsen – sein Bericht spiegelt exemplarisch den Zeitgeist wider:

„Am 11. April 1945 war der Krieg für uns zu Ende. Ich war damals 9 Jahre alt. Am 11. April fuhr also eine Panzerkolonne durch unser Dorf. Unsere ,Kellergemeinschaft’ war oben im Gastraum, wir haben alles beobachtet. Ein Soldat kam mit vorgehaltener Maschinenpistole ins Gasthaus, er fragte nach Waffen. Die Wirtin musste mit ihm durch alle Räume des Hauses gehen. Das Gasthaus wurde auch das Hauptquartier der Soldaten. Ab jetzt herrschte ein gesetzloser und rechtsfreier Zustand. Die gefangenen Bergleute, vornehmlich aus Russland und Polen, kamen frei. Sie suchten sofort nach ihren Peinigern und wollten ihnen ans Fell.

Unser Nachbar ist sicher mit ihnen sehr menschlich umgegangen. Er hatte nichts zu befürchten. Alle Gefangenen in unserer Umgebung waren ja plötzlich frei. Einmal kamen mehrere Leute mit einem Elektrokarren, gingen einfach in den Schweinestall des Bauern, und nahmen zwei, drei Schweine mit. Bei einem anderen Bauern wurden einmal mehrere Rinder gestohlen. Aber auch wir Privatleute mussten unsere Ställe sehr sorgfältig sichern.

Unser Bauer, bei dem meine Mutter gearbeitet hatte, hatte auch einen Zwangsarbeiter, der blieb aber noch längere Zeit bei ihm. Dieser Mann war meine erste Geldquelle. Das kam so: Die Amis ließen von ihren Zigaretten immer sehr große Kippen übrig. Diese Kippen haben wir Kinder gesammelt, ausgepult und den Tabak den Zwangsarbeitern gegeben. Für eine Handvoll Tabak haben wir fünf Reichsmark bekommen. Von da an hatte ich immer Geld. Sicherlich war das Geld ja nicht viel wert. Die Jungs wollten auch mal das Rauchen probieren. Wir haben uns dann, aus getrockneten Kastanienblättern, Zigaretten gedreht. Auf dem Parkplatz der Gastwirtschaft stand der Verpflegungswagen der Amerikaner. Bei einem Beutezug haben die älteren Jungen auch mal Zigaretten und Zigarren ergattert.

Bei den Beutezügen mussten wir Jüngeren immer Schmiere stehen. Wenn die Wachposten mal nicht da waren, haben wir laut gerufen: ,Schwein-furt.’ Und wenn sie da waren, haben wir laut ,Mann-heim’ gerufen.

Einmal haben die Jungs mit dem Messer in einen Zuckersack gestochen. Da sind die Amis hinter uns her gerannt. Ich hab mich mit einem größeren Jungen im Plumpsklo versteckt.

Es war damals eine große Not, nicht nur an Lebensmitteln. Wir bekamen nur Schulhefte, wenn wir Papier mitbrachten. Das Papier war aber sehr knapp; die Zeitung brauchte man, unter anderem um Feuer anzuzünden.“

Heute engagiert sich Niehoff für Waisenheime/Kinderheime in Südamerika: Der Vechelder bitten um Spenden in Form von Briefmarken, die er verkauft, um den Erlös an die Heime weiterzugeben, Tel: (05302) 6291.

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