Der Mann mit dem schlechten Karma

Salzgitter  Kabarettist Kerim Pamuk brilliert vor fast ausverkauftem Haus in der Kniestedter Kirche. Es geht unter anderem um die Abhängigkeit vom Smartphone.

Kerim Pamuk witzelte zum Thema Smartphones.Foto: Holger Neddermeier

Kerim Pamuk witzelte zum Thema Smartphones.Foto: Holger Neddermeier

Die Kniestedter Kirche ist am Samstagabend mal wieder rappelvoll. Nur ganz wenige Plätze bleiben unbesetzt. Kleinkunstbühne-Chef Wolfgang Pozzato zeigt sich hoch erfreut über den Zuspruch. Und das, obwohl Kerim Pamuk nicht „der Onkel aus dem Fernsehen“ sei, den jeder kenne.

Mit seinem aktuellen Programm „Selfies für Blindschleichen“ hat der türkischstämmige Kabarettist offenbar breites Interesse geweckt. Einer der vielen positiven Aspekte des Auftritts: Ein schepperndes Smartphone oder penetrante Selfie-Anfragen stören den heiteren Abend nicht.

Nur der 47-jährige Kabarettist selbst hat natürlich das „das Ding“ immer wieder bei der Hand. Um zu demonstrieren, wie abhängig man davon doch sei. Er träume immer wieder von einem technikfreien Tag, verriet der Hamburger. Man sei heutzutage eigentlich immer online, während die Seele nicht selten offline irgendwo rumtobe. „Früher war alles besser“, murmelt er vor sich hin und schränkt ein – auf jeden Fall anders.

Vor sieben Jahren sei er schon einmal in Salzgitter gewesen, erinnert er sich. Schon damals sei ihm die „niedersächsische Ekstase“ – die sich je her in vornehmer Zurückhaltung äußere, aufgefallen. Das komme ihm entgegen. Auch er sei als Hamburger und Norddeutscher eher ein mürrischer Karpfen aus der Elbe. Schon in der Schule habe der Lehrer gesagt, er sei beruflich prädestiniert für die drei Bs: Bestatter, Body-Guard, Behörde. Erst viel Später habe er sich einen Ratgeber gekauft. Mit dem Titel: „In sieben Tagen von der Verlierer-Fresse zum Sieger-Lachen.“ Genutzt habe es nichts. Noch immer sei er als Mann mit dem schlechten Karma bekannt.

„Früher war alles besser!?“: Er vermisse Lothar Matthäus, das Prachtexemplar einseitiger Begabung. Ein Top-Fußballer, der immer nur Unsinn erzählt habe. Heute müsse man Fashion-Pussy und Fado-Mädchen Ronaldo ertragen. Er würde diesem liebend gerne eine Butterfahrt in ein nordkoreanisches Militärcamp spendieren. Und: Die Mode der 1980er- Jahre sei schon sehr speziell gewesen. „Wir hatten damals Angst vor Modern Talking und dem Atomkrieg. Genau in der Reihenfolge.“ Damals sei der Russe der Böse und der Ami der Gute gewesen. Heute seien beide böse.

„Heute lernen wir von unseren Kindern“, moniert Pamuk – früher sei das noch umgekehrt gewesen. Kinder sollen heute Partner auf Augenhöhe sein, stets beäugt von Helikopter-Eltern, die sich chronisch hochbegabte Bälger heranzüchten wollen. Kindergeburtstage werden zur Cebit für Eltern, einer vergleichenden Leistungsschau. Statt eines Kinnhakens bedienten sich die Sprösslinge sogar schon Konfliktbewältigungsstrategien. Yoga statt Hiebe. „Fragt mal Erdogan, wie er das angeht.“ Das Publikum goutiert diesen Vergleich mit dem türkischen Präsidenten mit viel Gelächter und Beifall. Zum Schluss des gefeierten Abends liest Pamuk noch Auszüge aus seinem aktuellen Buch. „Der Islam, das Islam, was Islam?“ Gedacht als Lexikon für Durchblicker. Aberwitzig ist beispielsweise die Definition vom Döner.

Am Ende der gut 90 Minuten ist der Applaus des Publikums entsprechend „norddeutsch-frenetisch“. Dem sonst meist mürrischen Blick Kerim Pamuks entgleitet ein breites Lächeln.

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