6000 Regal-Meter Fakten und Geschichte im Archiv Salzgitter

Salzgitter-Bad.  „Grundsätzlich jeder kann kommen, der Interesse an der Geschichte hat“, sagt Claudia Böhler als Leiterin. Es darf gestöbert werden.

Claudia Böhler präsentiert, wie die Salzgitter Zeitung im Stadtarchiv archiviert ist. Es ist möglich, Artikel oder ganze Seiten auszudrucken. Das ist ein beliebtes Geschenk bei runden Geburtstagen und Ehejubiläen.

Claudia Böhler präsentiert, wie die Salzgitter Zeitung im Stadtarchiv archiviert ist. Es ist möglich, Artikel oder ganze Seiten auszudrucken. Das ist ein beliebtes Geschenk bei runden Geburtstagen und Ehejubiläen.

Foto: Andrea Leifeld

Am Samstag, 8. Oktober 1966, wurde die Wirtschaftskriminalität in der Bundesrepublik auf viele hundert Millionen Euro geschätzt. Der DGB protestierte mit einem Schreiben an Bundeskanzler Erhard gegen die Erhöhung der Mineralölsteuer, und der Städtetag appellierte, die Finanzmisere der Städte und Gemeinden endlich zu mindern. Aus dem sowjetisch besetzen Teil Berlins gelang drei jungen Männern die Flucht in den Westen. Die Münchener Lach- und Schießgesellschaft bewarb ihr Gastspiel in Wolfsburg, die Gastwirtschaft „Zum deutschen Schäferhund“ in Lebenstedt (Neißestraße) lud zur Wiedereröffnung ein, Hautfacharzt Dr. med. Unger vermeldete seine Praxiseröffnung an der Berliner Straße und
Dr. Foerster kehrte aus dem Urlaub zurück.

Hand aufs Herz: Hätten Sie das alles noch gewusst? Claudia Böhler und Ursula Wolff sicherlich nicht, aber die zwei Archivarinnen hätten gewusst, wo sie diese Informationen nachlesen können: im Stadtarchiv von Salzgitter.

Etwas abgelegen und von vielen Mitbürgern nicht alltäglich wahrgenommen, liegt das Stadtarchiv auf dem ehemaligen Schachtgelände der „Hannoverschen Treue“ an der Nord-Süd-Straße 155. „Sie finden uns, wenn sie der Beschilderung zum Bauhof folgen“, erklärt Ursula Wolff wie selbstverständlich immer den Weg am Telefon. Dann sind die historischen Schätze, in dem so nüchtern-weißen Gebäude, für Neugierige, Geschichtsfreunde und Ahnenforscher gut zu finden.

Seit 1976 ist das Stadtarchiv dort untergebracht. Das Archiv gehört zum Fachdienst Kultur der Stadt Salzgitter. Ein Zwischenarchiv befindet sich im Rathaus in Lebenstedt.

Ursula Wolff ist seit 1989 im Boot und Claudia Böhler seit 2011. Beide stammen gebürtig nicht aus Salzgitter, identifizieren sich aber sehr mit „ihrer“ Stadt und ihrer Aufgabe, die über Jahre und Jahrzehnte zusammengetragenen Informationen zu bewahren.

„Grundsätzlich jeder kann kommen, der Interesse an der Geschichte hat“, fügt Claudia Böhler als Leiterin an. Dabei sind die Beweggründe der Bürger doch sehr unterschiedlich: „Wir hatten neulich einen Mann, der hier vier Tage lang saß und für seine Doktorarbeit zum Thema ,Sport in Oberschlesien’ recherchierte.“ Mit vielen Informationen aus dem Stadtarchiv konnte er seine Arbeit füllen.

Durch viele schlesische Flüchtlinge, die nach den Zweiten Weltkrieg in Salzgitter eine neue Heimat fanden, blieben viele einzigartige Erinnerungen erhalten. Die Ausgaben vom Oberschlesischen Kurier (ab 1952) bis zur Kattowitzer Zeitung (bis 1990) sind im Stadtarchiv komplett zu finden. Ebenso wie alle Ausgaben der Salzgitter Zeitung.

Zeitungen sind ein wahrer Schatz um die Geschichte einer Region mit Namen, Fotos und Ereignissen lebendig zu dokumentieren, so Böhler.

Aber natürlich finden sich auch andere Schriftstücke und Quellen im Stadtarchiv. Es ist ein unsägliches Wissen, das nicht nur die Erwachsenen begeistert. „Immer wieder kommen Schüler, um für Referate und Hausarbeiten die Geschichte ihres Dorfes zu erforschen“, erzählt sie.

Mit der Stadtgründung von Salzgitter im Jahr 1942 aus vielen Einzeldörfern ist das Stadtarchiv noch sehr jung. Die Entstehung ist auf das Engagement von Franz Zobel zurückzuführen, der 1954 vom damaligen Kulturamt beauftragt wurde, im Schloss Salder ein Archiv und eine „wissenschaftliche Heimatbücherei“ aufzubauen.

Einige der vorhandenen Schriftstücke stammen noch aus dem vorhergehenden Jahrhundert in Salzgitter-Bad als Namen gebender Ort. Zumeist sind es dann die Kirchenbücher und Gemeindeprotokolle, die das Leben der Leute und die Ereignisse für die Ewigkeit festhielten.

„Nahezu immer waren es amtliche Schreiber, die solche Eintragungen in guter, altdeutscher Handschrift machten“, fügt Ursula Wolff an. Beide Frauen sind durch ihr Studium in Geschichte und die archivwissenschaftliche Ausbildung mit dem Lesen der alten Schnörkelschrift bestens vertraut.

„Oft kommen auch Leute und fragen diesbezüglich um Rat“, so Böhler. Die Mitarbeiterinnen können dann zwar keine ellenlangen Texte vorlesen, geben aber gerne Hilfestellung, wo immer sie können.

Insgesamt verwaltet das Stadtarchiv Salzgitter eine Bibliothek mit 35.000 geschichtsrelevanten Dokumenten und 6000 „Regalmeter“ Archivgut. Auch Firmengeschichten und Vereinschroniken sind in Einzelfällen zu finden.

Generell legen die Frauen jedem Erben ans Herz, bevor er historische Dokumente und altes Kartenmaterial im Altpapiercontainer entsorgt, das Stadtarchiv zu kontaktieren. Über die Archivierungswürdigkeit außergewöhnlicher Dokumente werde im Einzelfall entschieden, so Böhler.

An rund 200 Tagen im Jahr recherchierten Besucher im Stadtarchiv zu einem der vielen Themengebiete, bestätigten die Frauen eine durchaus erstaunliche Frequentierung des Hauses.

Alt und verstaubt sei hier nichts – in Gegenteil: Ein hohes Maß an Fachwissen zum richtigen Umgang mit historischen Büchern, Fotos und Dokumenten sei erforderlich. „Eine DC oder DVD ist kein geeigneter Datenträger, um Dokumente dauerhaft zu archivieren“, gibt Böhler fast nebenbei als Tipp.

Auch gehören aufwendige Restaurierungsprozesse zerstörter Bücher zu ihren Tätigkeiten. Mäusefraß und feuchte Aufbewahrung setzten schon vielen Schriftstücken auf schlimme Art zu, berichtetet sie abschließend.

Öffnungszeiten im Stadtarchiv Salzgitter: Montag, Dienstag, Mittwoch und Freitag von 9 bis 12 Uhr, Donnerstag von 14 bis 18 Uhr. Und: nach vorheriger Terminvereinbarung unter .

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