Kündigte der Angeklagte seinen „Ehrenmord“ in Salzgitter an?

Lebenstedt.  Am Montag begann der Prozess gegen einen 33-jährigen Syrer, der den Partner seiner Schwester erschossen haben soll. Der Angeklagte schweigt.

Am Landgericht Braunschweig begann der Mordprozess gegen einen 33-Jährigen aus Salzgitter. Der Syrer (2. von rechts) soll den Partner seiner Schwester erschossen haben, weil er deren Liebesbeziehung missbilligte. Drei Verteidiger vertreten den Angeklagten, rechts sitzt ein Dolmetscher.

Am Landgericht Braunschweig begann der Mordprozess gegen einen 33-Jährigen aus Salzgitter. Der Syrer (2. von rechts) soll den Partner seiner Schwester erschossen haben, weil er deren Liebesbeziehung missbilligte. Drei Verteidiger vertreten den Angeklagten, rechts sitzt ein Dolmetscher.

Foto: Erik Westermann / BZV

Dutzende Polizisten, intensive Einlasskontrollen, Zeugen, die unter Schutz stehen und ein Angeklagter in Handschellen: Der Mordprozess im Braunschweiger Landgericht gegen einen 33 Jahre alten Syrer begann am Montag unter verschärften Sicherheitsbedingungen.

Der kleine, kräftige Mann im grauen T-Shirt schaut interessiert in die Runde. Er lächelt im Gespräch mit seinem Dolmetscher, wirkt relativ gelassen. Angehörige von ihm sind nicht im Saal.

Dabei wiegen die Vorwürfe schwer: Der Muslim soll den Lebensgefährten seiner Schwester am Abend des 26. Januar auf einem düsteren Hinterhof in Salzgitter-Lebenstedt erschossen haben. Heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen, glaubt die Staatsanwaltschaft. Weil er die Liebesbeziehung mit dem irakischen Christen nicht tolerierte und die Ehre der Familie wiederherstellen wollte. Vorwürfe, zu denen sich der Angeklagte seit seiner Festnahme am Tag nach den Schüssen nicht äußert. Und auch zum Prozessauftakt am Montag brach er sein Schweigen nicht.

Laut Anklage lauerte der 33-Jährige seinem Opfer auf. Der Angreifer habe gewusst, dass der junge Iraker sein Auto nach der Arbeit auf dem Parkplatz an der Berliner Straße abstellt, erklärte Staatsanwalt Christian Wolters. Dort habe er sich zwischen zwei Fahrzeugen versteckt. Als der 25-Jährige gegen 20.30 Uhr ankam, seinen Wagen abschloss und währendessen mit seiner Mutter telefonierte, feuerte der Angreifer mit einem Revolver fünf Kugeln aus kurzer Distanz ab, heißt es in der Anklage. Anwohner hörten die Schüsse und verständigten die Polizei.

Als die kurz darauf eintraf, war der Schütze jedoch bereits geflohen. Die beiden Beamten, die zuerst am Tatort waren, kamen auf einen menschenleeren Innenhof, berichteten sie dem Gericht am Montag. Zeugen wiesen sie auf den leblosen Körper am Rande des Parkplatzes hin. „Da war eine kleine Blutlache“, berichtete eine junge Polizistin.

Ihr Kollege leuchtete dem Schwerverletzten in die Augen. Er glaubte, noch einen kurzen Pupillenreflex beim Opfer zu sehen, dann schien das Leben den Körper des Mannes zu verlassen. Auch der rasch eintreffende Notarzt konnte ihn nicht retten. Er starb eine Stunde später im Klinikum an schweren inneren Verletzungen. Vier Kugeln steckten in seinem Rumpf.

Der Anklage zufolge kündigte der Täter den Mord an: Mehrfach habe der Bruder der jungen Syrerin erklärt, die Liebesbeziehung zu einem Christen nicht zu dulden. Auch die Eltern waren offenbar dagegen. Die muslimische Familie soll aus dem ländlichen Norden Syriens stammen und vor rund zweieinhalb Jahren nach Salzgitter gekommen sein.

Gemeinsam suchten Eltern und Sohn im November 2018 den Friseursalon des Irakers in Seesen auf, sagen Zeugen. Dort soll der Vater dem späteren Opfer der Anklage zufolge mit dem Tod gedroht haben, falls er die Beziehung aufrechterhält.

Weil das Paar beisammenblieb, machte sich der 33-Jährige auf die Suche nach einer Waffe, glaubt die Staatsanwaltschaft. Einem Zeugen gegenüber soll er geäußert haben, er wolle auch seine Schwester töten, weil sie „vom Glauben abgefallen“ sei und mit dem Gedanken spielte, die Religion ihres Partners anzunehmen. Am Tattag verließ der mutmaßliche Schütze der Anklage zufolge die elterliche Wohnung dann mit der Ankündigung, die Familienehre wiederherzustellen.

Die Lebensgefährtin des Opfers und dessen Mutter stehen bis heute unter Polizeischutz, sagte der Staatsanwalt. Man befürchtet, dass auch ihnen Gewalt angetan werden könnte. Die Mutter des Toten und dessen Schwester treten in dem Prozess vor dem Landgericht als Nebenklägerinnen auf. Gegen die Eltern des Angeklagten laufen noch Ermittlungen wegen des Verdachts der Beihilfe.

Offizielle Statistiken zur Zahl von „Ehrenmorden“ in Deutschland existieren nicht. Eine 2011 erschienene Studie im Auftrag des Bundeskriminalamts ergab 78 derartige Fälle zwischen 1996 und 2005. Die Autoren kommen im Schnitt auf sieben bis zehn Morde jährlich. Andere Quellen dokumentieren bis zu 50 Taten pro Jahr. Weltweit sind es nach Angaben der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes mindestens
5000 derartige Morde im Namen der Ehre jährlich.

Bis Ende Oktober folgen acht weitere Verhandlungstage.

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