„Ehrenmord“: Angeklagter wirkte, als erwarte er seine Festnahme

Salzgitter.  Der zweite Prozesstag zum mutmaßlichen „Ehrenmord“ von Salzgitter bringt neue Details ans Licht.

Der regungslose Körper eines 25-Jährigen lag in diesem Laubengang am Rande eines Parkplatzes. Er hatte offenbar gerade sein Auto abgestellt, als ihn vier Schüsse in Brust und Oberkörper trafen. Möglicherweise versuchte er noch über den niedrigen Zaun zu entkommen, als ihn die fünfte Kugel traf.

Der regungslose Körper eines 25-Jährigen lag in diesem Laubengang am Rande eines Parkplatzes. Er hatte offenbar gerade sein Auto abgestellt, als ihn vier Schüsse in Brust und Oberkörper trafen. Möglicherweise versuchte er noch über den niedrigen Zaun zu entkommen, als ihn die fünfte Kugel traf.

Foto: Rudolf Karliczeck / BZV

Kurz bevor die Polizistin im Krankenhaus eintrifft, hat die Zeugin erfahren, dass jemand ihre große Liebe erschossen hat. Diese Befragung „werde ich nie vergessen“, sagt die junge Kommissarin am Mittwoch im Braunschweiger Landgericht, als sie über die Ermittlungen zu dem mutmaßlichen „Ehrenmord“ berichtet, der sich am Abend des 26. Januars zugetragen hat. Die Frau habe aufrecht im Bett des Behandlungszimmers. gesessen. Ihr Oberkörper wippte vor und zurück, sie weinte und schrie, während sie ihre Geschichte erzählte. Die Polizistin erinnert sich: Es war „wie ein Klagelied“, das die junge Syrerin anstimmte. Ein Ausbruch reinen Schmerzes.

Ihr Freund Milad wurde 25 Jahre alt. Er starb, nachdem ihn fünf Kugeln auf einem dunklen Hinterhof an der Berliner Straße in Lebenstedt trafen. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig hält ihren älteren Bruder für den Schützen. Der Muslim soll die Beziehung seiner Schwester zu dem irakischen Christen missbilligt haben – wie seine ganze Familie, die aus dem Norden Syriens stammt. Seit Montag muss sich der 33-Jährige vor der Schwurgerichtskammer verantworten. Man wirft ihm einen heimtückischen Mord aus niedrigen Beweggründen vor. Er soll dem Opfer aufgelauert haben.

Drohungen aus der Familie gegen das Paar soll es schon zuvor gegeben haben. Um so mehr, seit sich die junge Syrerin mit dem Gedanken trug, zum Christentum zu konvertieren.

Die Kriminalkommissarin im Zeugenstand war Teil der Mordkommission und untersuchte auch das Telefon des Opfers. Was sich darauf fand, verdeutliche, dass er schon im Vorfeld der tödlichen Schüsse „Angst hatte und sich bedroht fühlte“. So wollte er von seiner Freundin wissen, wer ihre Brüder sind und wie sie aussehen. Sie sandte ihm Bilder. Teile eines Chats zweier Liebender, der ausgedruckt hunderte Seiten umfasst.

Ein vermutlich heimlich aufgenommenes Video, dass sie ihm ebenfalls schickte, zeigte eine „sehr hitzige Diskussion“ mit ihrer Mutter. Die Ermittlerin fasst es zusammen: „Ihre Mutter sprach mit ihr darüber, dass es schlimm sei, die Religion zu wechseln. Ein Verbrechen.“ Sie habe „den Ruf der Familie geschädigt“. Davon müsse sie nun dem großen Bruder berichten. „Du wirst sehen, was passiert.“ Der Eindruck der Polizistin: „Um die Ehre wiederherzustellen, muss jemand getötet werden“.

Am Abend nach den tödlichen Schüssen wurde der 33-Jährige festgenommen. Er wollte eine Verwandte von der Polizeiwache abholen, die dort als Zeugin befragt worden war. Jemand erkannte den Mann, gegen den bereits ein Haftbefehl vorlag. Die Festnahme nahm er dann sehr gelassen hin, heißt es in einem Polizeibericht, den der Vorsitzende Richter Ralf-Michael Polomski verlas. Er habe keine Regung gezeigt, war gefasst. Es hatte den Anschein, „als ob er mit seiner Festnahme gerechnet hätte“, merkt der Verfasser an. Ganz wie jemand, der mit sich im Reinen ist. Genau so tritt der Angeklagte auch im Gericht auf.

Noch in der Tatnacht durchsuchten Beamte seine Wohnung. Am Kleiderschrank schlug ein Sprengstoffspürhund an. Möglicherweise, weil dort zuvor eine Waffe gelegen hat. An seinen Händen fanden sich Schmauchspuren. Welche Schlüsse sich daraus ziehen lassen, wird ein Sachverständiger dem Gericht noch berichten. Denn die Tawaffe bleibt verschollen.

Aus Sicht der Staatsanwaltschaft sind das Glieder einer Indizienkette, die klar auf den 33-Jährigen als Täter hindeuten. Über einen weiteren Baustein berichtet die Kommissarin, die auch das Handy des Opfers gesichtet hat: Aufnahmen einer Überwachungskamera auf dem Parkplatz zeigten, wie der Angeklagte kurz vor der Tatzeit „dort entlang spaziert“. Wie eindeutig die Bilder dem Angeklagten zugeordnet werden können, soll ein weiterer Gutachter einschätzen.

Auch am zweiten Tag der Beweisaufnahme spielen die Lichtverhältnisse am Tatort eine Rolle: Denn es gab offenbar Zeugen, die den Angeklagten dort gesehen haben wollen, wie er wartete und rauchte. Wo der junge Iraker seinen Wagen nach der Arbeit in einem Friseursalon parkte, hätte der 33-Jährigen wissen können. Er wohnte schräg gegenüber.

Fraglich war, wie es das angeschossene Opfer von seinem Auto über einen kleinen Zaun geschafft hat, wo sein regloser Körper gefunden wurde. Der Gerichtsmediziner, der die Obduktion durchführte, hält es aber für möglich, dass der Mann mit vier Schusswunden versuchte, die Absperrung zu überwinden – und ihn dabei die fünfte Kugel traf, erklärte er dem Gericht.

Der Prozess wird im September fortgesetzt.

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