Salzgitter: Arbeit, Alkohol, keine Moschee

Salzgitter.  Im „Ehrenmord-Prozess“ gegen einen Syrer vor dem Braunschweiger Landgericht hat nun die Persönlichkeit des Angeklagten im Fokus gestanden.

Der angeklagte Syrer aus Salzgitter hat im „Ehrenmord-Prozess“ vor dem Landgericht Braunschweig kurz vor Beginn der Verhandlung Platz genommen.

Der angeklagte Syrer aus Salzgitter hat im „Ehrenmord-Prozess“ vor dem Landgericht Braunschweig kurz vor Beginn der Verhandlung Platz genommen.

Foto: Henning Thobaben

Das Polizeiaufgebot war erneut groß am Mittwochvormittag. Vor dem Landgericht Braunschweig standen die Beamten, am Eingang zum Saal und auch im Saal selbst. Der nächste Verhandlungstag um den Mord an einem Iraker im Januar dieses Jahres in Lebenstedt stand auf der Tagesordnung. Angeklagt ist ein 33-jähriger Syrer, der den Mann nach Meinung der Staatsanwaltschaft heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen erschossen haben soll, um die Ehre der Familie zu retten.

In einem düsteren Hinterhof in der Berliner Straße war der 25-jährige Milad A. an besagtem Abend zu Tode gekommen, sein Körper war von fünf Kugeln getroffen worden. Das vermeintliche Motiv: Der Angeklagte habe die Beziehung seiner Schwester zu dem irakischen Christen nicht tolerieren können. Er soll seinem Opfer aufgelauert und ihn erschossen haben – während dieser gerade mit seiner Mutter telefonierte. Die Frau hörte über das Handy die lauten Schüsse. Wenig später war ihr Sohn tot, jeder Rettungsversuch blieb erfolglos.

Der Angeklagte hat bislang geschwiegen, die Schwester jedoch schon vor Gericht ausgesagt. Die 23-Jährige hatte vor gut drei Wochen berichtet, dass sie mit ihrem Freund fast drei Jahre lang zusammen gewesen sei – lange Zeit heimlich. Sie habe ihn heiraten und zum Christentum konvertieren wollen. Als dies rauskam, soll sich die ablehnende Haltung der ganzen Familie offenbart haben. Von Schlägen ist die Rede. Die Frau verließ schließlich wenige Wochen vor der Tat ihr Elternhaus. Die Eltern und der jüngere Bruder des Angeklagten werden mittlerweile der Körperverletzung und Bedrohung beschuldigt. Gegen die Eltern wird zusätzlich wegen des Verdachts der Beihilfe oder Anstiftung zum Mord ermittelt.

Am Mittwoch nun ging es dem Gericht darum, mehr über die Persönlichkeit des Angeklagten zu erfahren. Als Zeugen geladen waren drei seiner Freunde. Der erste, ein 35-Jähriger aus Salzgitter, kennt den Beschuldigten bereits aus Syrien. Er beschrieb seinen Freund als jemanden, der viel gearbeitet habe. Immer mal wieder sei er bei dem Angeklagten zu Hause gewesen, beide seien auch durch Kneipen und Discos gezogen. Das Verhältnis des Angeklagten zu der Schwester sei immer gut gewesen, so der Mann.

Gleiches berichtete auch ein 30-Jähriger, der den Angeklagten seit vier Jahren kennt. Er habe nie von Problemen zwischen ihm und seiner Schwester gehört, sagte er. Der Angeklagte sei ein guter Mensch, alle würden ihn mögen. Bis wenige Tage vor dem Mord habe er mit dem Angeklagten oft bis in die Nacht hinein Internetspiele gezockt. Und: „Er ist kein radikaler Mensch. Bei Problemen hätte er erstmal mit seiner Schwester geredet.“ Wenn der Angeklagte jetzt noch in Syrien leben würde, so der 30-Jährige, würde er sicher auf der Seite der Kurden gegen den IS kämpfen. Die Kurden, so der Zeuge, seien nicht radikal. Sein Freund sei nicht streng gläubig, er bete nicht und er trinke regelmäßig Alkohol.

Zeuge: Ehrenmorde sind in Syrien Vergangenheit

Das Gericht hinterfragte auch noch einmal Aussagen des 30-Jährigen im Zuge einer polizeilichen Vernehmung. Damals soll er gesagt haben, dass bei Ehrenmorden der Vater oder der Bruder die Frau töte, dem Verführer jedoch nichts passiere. Der Mann stellte klar, dass er dabei von der Vergangenheit gesprochen habe. Vor 30 oder 40 Jahren sei das in Syrien normal gewesen. Heute gebe es das bestenfalls noch in der Türkei oder im Iran. Nach seiner Befragung bat er das Gericht, den Angeklagten noch einmal mit Kuss grüßen zu dürfen – das Gericht lehnte dies ab.

Ein weiterer Zeuge erklärte, er sei von dem Angeklagten am Tatabend angerufen worden. Es sei um eine Verabredung gegangen. Der Angeklagte sehe das mit dem Glauben eher locker. Er gehe nicht in die Moschee, trinke Alkohol und treffe sich an den Wochenenden mit verschiedenen Frauen. Wie auch die beiden anderen Zeugen erklärte er auf Nachfrage, dass der Angeklagte sein Äußeres nie verändert habe und Raucher sei. Hintergrund der Fragen: Der Täter soll auf dem Parkplatz geraucht haben, als er auf sein Opfer wartete. Die Beschreibungen des Äußeren blieben bislang vage.

Ebenfalls vor Gericht zu Wort kam eine Freundin der Schwester des Angeklagten. Sie erklärte, dass die Familie des Angeklagten nach dem Verschwinden der Schwester aus dem Elternhaus mit der Bitte auf sie zugekommen sei, dass sie für deren Rückkehr sorge. Darum habe sie aber nicht der Angeklagte, sondern dessen Mutter gebeten. Das Verhältnis des Angeklagten zu seiner Schwester sei gut gewesen. Beide seien wie Zwillinge gewesen. Die Verhandlung wird am Donnerstag fortgesetzt.

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