„Ehrenmord“-Prozess: Chatprotokolle geben private Einblicke

Salzgitter.  Die Mutter der ehemaligen Lebensgefährtin des Opfers wirft in einem heimlich aufgenommenen Video ihrer Tochter vor: „Du bist eine Schlampe!“.

Der „Ehrenmord“-Prozess vor dem Landgericht Braunschweig ist in die nächste Runde gegangen. Chatprotokolle und ein heimlich aufgenommenes Video haben Einblicke in private Gespräche vermittelt. (Symbolbild)

Der „Ehrenmord“-Prozess vor dem Landgericht Braunschweig ist in die nächste Runde gegangen. Chatprotokolle und ein heimlich aufgenommenes Video haben Einblicke in private Gespräche vermittelt. (Symbolbild)

Foto: Kai-Uwe Ruf / Archiv BZV

Kein Zeuge wurde gehört, kein Sachverständiger kam zu Wort. Wer am Dienstag den „Ehrenmord-Prozess“ vor dem Landgericht Braunschweig verfolgte, registrierte: Die Beweisaufnahme nähert sich langsam dem Ende. Allerdings waren die nun verlesenen und gezeigten Dokumente nicht minder spannend. Sie gaben intime Einblicke in eine menschliche Tragödie.

Besonders interessant war ein heimlich aufgenommenes Video von der Lebensgefährtin von Milad A., der am Abend des 26. Januar 2019 auf einem Parkplatz an der Berliner Straße erschossen wurde. Es zeigt ein Streitgespräch zwischen der Lebensgefährtin und ihrer Mutter. Und es lässt keinen Zweifel daran, dass die Beziehung zu dem aus dem Irak stammenden Katholiken Milad A. von der kurdischen Familie aus Syrien nicht geduldet wurde. Sie habe sich schuldig gemacht, beschimpft die Mutter ihre Tochter. Dass sie einen Schlüssel für die Wohnung von Milad A. habe, sei eine Schande. „Jeder Mann kann mit dir machen, was er will, weil du eine leichte Beute bist“, wirft die Mutter der Tochter hysterisch vor. Das in kurdischer Sprache geführte Gespräch wurde übersetzt, der Vorsitzende Richter gibt den Inhalt später auf Deutsch wieder.

Die Mutter wählt derbe Worte, bezeichnet ihre Tochter sogar als „Schlampe“. Gegen Ende des Videos geht es um das Thema Ehrenmord. Jeder Mensch müsse in der Religionsgemeinschaft verbleiben, in die er hineingeboren wurde, sagt die Mutter in dem Video – wohl deshalb, weil ihre Tochter zum Christentum konvertieren wollte. Die Familie würde dadurch vor aller Welt bloßgestellt. Und: „Erst wenn wir dich und ihn töten, werden wir wieder erhobenen Hauptes unter Menschen gehen können.“

Ebenfalls sehr privater Natur waren die Auszüge aus Chatprotokollen, die das Gericht verlas. Es waren Dialoge zwischen Milad A. und seiner Lebensgefährtin. Zum einen zeigen sie die Angst und die bösen Vorahnungen des späteren Opfers. „Wenn ich jetzt sterbe, dann für dich“, schrieb Milad A. der jungen Frau nicht lange vor dem Mord. Aber dann habe er zumindest einen Menschen aus der Sklaverei des Teufels befreit, so der Katholik. Er schrieb seiner Partnerin, dass er Angst um seine eigene Familie habe. Er wusste, dass die Mitglieder der kurdischen Familie ihn ausfindig machen wollten – später berichtete er in dem Chat, dass die Eltern wirklich an seinem Arbeitsplatz aufgetaucht seien, ihn bedroht und geschlagen hätten. „Bastarde“ seien das, schrieb er.

Zum anderen verlangte Milad A. von der jungen Frau mit zunehmender Zeit, dass sich diese von ihrer Familie komplett löse. Er werde die ganze Familie – mit Ausnahme von ihr – ins Gefängnis bringen, kündigte er an. Und übte Druck aus, als seine Partnerin aus dem Elternhaus geflohen war: „Wenn du nur noch einmal Kontakt zu deiner Familie hast, wirst du mich verlieren!“

An dem Verhandlungstag wurden zudem die Aufnahmen der Überwachungskamera eines Getränkemarktes am Tatort abgespielt. Sie zeigen das, was als Zeugen geladene Polizisten bereits zuvor beschrieben hatten: einen unruhig über den Parkplatz wandernden Mann. Offenbar wartend. Auf sein Opfer.

Alaa A., der angeklagte Bruder der Lebensgefährtin des Opfers, schweigt bis heute. Am 9. Dezember werden die Plädoyers erwartet.

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