Mutmaßlicher „Ehrenmörder“ schuldfähig? Zeugin: „Er kam klar“

Salzgitter  Eine Ex-Freundin berichtet über den Angeklagten, der des Mordes in Salzgitter-Lebenstedt angeklagt ist. Das Gericht will ein Gutachten beauftragen.

Fünf Kugeln trafen Milad A. am Abend des 26. Januar 2019 auf einem Hinterhof an der Berliner Straße in Lebenstedt. Als mutmaßlicher Schütze angeklagt: Alaa A. (33), der Bruder der Freundin des Opfers.

Fünf Kugeln trafen Milad A. am Abend des 26. Januar 2019 auf einem Hinterhof an der Berliner Straße in Lebenstedt. Als mutmaßlicher Schütze angeklagt: Alaa A. (33), der Bruder der Freundin des Opfers.

Foto: Erik Westermann / BZV

Am 13. Verhandlungstag im Prozess um den mutmaßlichen „Ehrenmord“ von Lebenstedt zeichnet sich ab: Die Kammer agiert sehr vorsichtig. Es wird voraussichtlich noch ein psychiatrisches Gutachten zur Frage der Schuldfähigkeit des Angeklagten Alaa A. (33) geben. Endgültig befunden hat die Kammer über den Antrag der Verteidigung zwar noch nicht, aber der Vorsitzende des Schwurgerichts Ralf-Michael Polomski deutete schon an: Es gebe einige Punkte, in denen die Sachkunde des Gerichts nicht ausreiche.

Das Verteidiger-Trio hatte kurz vor dem geplanten Ende der Beweisaufnahme infrage gestellt, ob sein Mandant voll schuldfähig war. Jedenfalls für den Fall, dass die Kammer zum dem Schluss kommen würde, dass er der Mann war, der den jungen Iraker Milad A. (25) am Abend des 26. Januar 2019 erschoss. Ein deutliches Signal dafür, dass die Beweisaufnahme bis zu diesem Punkt auch in den Augen der Verteidiger nicht eben zugunsten des Angeklagten verlaufen war.

Am Freitag wurde nur eine ehemalige Freundin von Alaa A. gehört, die Auskünfte zum Trinkverhalten von Alaa A., seinem Gemüt, vermeintlichen Verhaltensauffälligkeiten oder Veränderungen seiner Persönlichkeit geben sollte. Die 37-Jährige Deutsche führte im Vorjahr eine kurze, scheinbar oberflächliche Beziehung mit dem Syrer. Viel Gewichtiges hatte sie nicht zu berichten: Ja, sie habe den Eindruck gehabt, dass Alaa A. dem Wodka sehr zugeneigt ist. Am Wochenende, wo man sie ihn sah, war es gern mal eine Flasche. Sie hält ihn für einen „Trinker“ mit einem Problem. „Er kam aber gut klar.“ Auch habe er hin und wieder über Kopfschmerzen geklagt. Dass die auf einen Motorradunfall in Syrien zurückgehen, davon weiß sie nichts. Wie die Erlebnisse in seiner Heimat ohnehin kaum Thema gewesen seien. Nur dass er dort schon ein Alkoholproblem gehabt habe, wusste sie. Die Verteidigung hatte A. als möglichen schweren Alkoholiker skizziert, der traumatische Erfahrungen im Bürgerkriegsland Syrien gemacht haben könnte.

Als depressiv, aufbrausend oder sonst wie verhaltensauffällig erlebte die Zeugin ihn nicht. Stets „freundlich, lustig und hilfsbereit“ sei er gewesen. Jedenfalls bis zum Sommer 2018, als sie sich von ihm trennte. Weil das mit den unterschiedlichen Kulturen doch nicht so gepasst habe und vielleicht auch, weil er gern trank. Da habe er sie in einer Nachricht als „Schlampe“ bezeichnet und gedroht, er werde sie schlagen. Sie gehöre ihm. Deshalb bezeichnete sie ihn als „Psycho“, der mal „zum Arzt“ gehen solle. Gewalttätig sei er ihr gegenüber aber nie gewesen, erklärte die Frau, die sich nach ihrer Aussage zur Familie des Angeklagten setzte.

„Ausgerastet“ sei Alaa A. sonst nur einmal, hatte die Zeugin erklärt: Als ihr Bruder fragte, ob ihr dessen Schwester einmal kennenlernen könnte. Auch zum Feiern durfte die nicht mit – „dass ist in unserer Kultur nicht üblich“, soll der Angeklagte gesagt haben.

Dass sich die Schwester in einer anderen Sachen über den Willen ihrer Familie hinwegsetzte, war laut Anklage denn auch der Grund für den Mord an Milad A.: Mit ihm führte die Schwester des Verdächtigen eine lang geheimgehaltene Beziehung.

Einen kurzen Blick warfen die Prozessbeteiligten auch auf die Krankenakte des Angeklagten aus der Untersuchungshaft. Von Kopfschmerzen und Schlafstörungen ist da die Rede. Entzugserscheinungen gab es bei der Aufnahme offenbar nicht. Die Unterlagen des Hausarztes von Alaa A. stehen noch aus.

Nebenklagevertreter und Staatsanwaltschaft hatten den Verteidigerantrag als haltlos bezeichnet. Die Kammer scheint das anders zu sehen und prüfte, ob der Gutachter verfügbar ist, den Hauptverteidiger Steffen Stern vorgeschlagen hatte. Ein Bekannter von Stern aus dessen Heimat Göttingen. Doch aus privaten Gründen kann der nicht. Das Gericht hat einen anderen Sachverständigen im Blick, der bis Februar 2020 berichten könnte, was seine Untersuchung ergeben hat. Anfang Januar wird der Prozess fortgesetzt.

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