„Ehrenmord“ in Salzgitter – Staatsanwalt fordert Maximalstrafe

Salzgitter.  Ein Mann hat nach Überzeugung des Anklägers den Freund seiner Schwester erschossen, weil er durch die Beziehung die Familienehre besudelt sah.

Als er mit seiner Mutter telefonierte, trafen fünf Kugeln den Iraker Milad A. auf einem Hinterhof in Salzgitter-Lebenstedt.

Als er mit seiner Mutter telefonierte, trafen fünf Kugeln den Iraker Milad A. auf einem Hinterhof in Salzgitter-Lebenstedt.

Foto: Erik Westermann / BZV

Sechs Monate lang hat die Schwurgerichtskammer des Braunschweiger Landgerichts versucht zu ergründen, was am 26. Januar 2019 auf einem Hinterhof an der Berliner Straße in Salzgitter geschah. Warum der junge Iraker Milad A. (25) – von fünf Schüssen getroffen –, sterben musste. Wer er war. Wer ihn tötete. Und warum.

Für den Ersten Staatsanwalt Christian Wolters ist das Ergebnis der Beweisaufnahme eindeutig: Alle Indizien deuteten auf den Angeklagten Alaa A. (33). Die Todesdrohungen vor der Tat, die Schmauchspuren an seiner auffälligen Jacke, die auf einem Video vom Tatort zu sehen sei – und nicht zuletzt sein Versuch, an eine Schusswaffe zu gelangen. Der Syrer aus einer traditionellen kurdisch-islamischen Familie habe den wehrlosen Freund seiner Schwester erschossen, weil die Beziehung mit einem Christen aus dem Irak „in seinen Augen die Familie entehrt hat“.

Für Wolters war es weniger ein „Ehrenmord“, als vielmehr „ein feiger und hinterhältiger Mordanschlag“, sagte er im Schlussplädoyer. Als ältester Bruder und Familienoberhaupt habe A. es als seine Aufgabe gesehen, sich um die aus Sicht seiner Familie „untragbare Beziehung“ zu kümmern. Um das Gesicht vor dem Clan zu wahren und vor der „kurdischen Gemeinschaft“. Aus Intoleranz und um einer „vermeintlichen Familien-Ehre“ willen erschoss er „einen jungen Menschen, mit dem er zuvor kaum ein Wort gewechselt hatte und den er selbst für unwürdig hielt, seine Schwester zu lieben und mit ihr gemeinsam zu leben“.

Wolters forderte eine lebenslange Freiheitsstrafe, dazu will er die besondere Schwere der Schuld festgestellt wissen. Eine vorzeitige Entlassung aus der Haft nach 15 Jahren wäre somit ausgeschlossen. „Wenn lebenslang eine angemessene Strafe ist, dann für den Angeklagten.“

Wolters sieht gleich zwei Mordmerkmale verwirklicht: Heimtücke sowie niedrige Beweggründe. „Nur so kann man es werten, wenn ein Mensch einem anderen das Leben nimmt, weil er meint, dass es besser sei, ihn zu töten, als damit leben zu müssen, dass zwei junge Menschen der Liebe wegen ihren eigenen Lebensplan verwirklichen -- unabhängig von Wertvorstellungen, Religion und Ethnien“, erklärte der Staatsanwalt.

Obwohl ihre Familie die junge Frau und Milad A. über Monate drangsalierte, hätten die beiden nicht von ihrer Beziehung abgelassen. Letztlich floh die junge Frau aus der elterlichen Wohnung, ging in ein Frauenhaus, dann zu ihrem Partner. Kurz darauf wurde er erschossen. Wolters zitierte eine polizeiliche Aussage des Angeklagten, die er Wochen vor dem Mord gemacht habe, weil er mit seinen Eltern vor dem Friseursalon von Milad A. aufgekreuzt war. „Bei einem Türken wäre es mir egal. Bei einem Iraker bin ich dagegen. Die sind schmutzig.“ Die Nummer seiner Schwester speicherte Alaa A. unter die „Dreckige“ ab. Reue oder Bedauern habe der Angeklagte zu keinem Zeitpunkt geäußert, so Wolters. Vielmehr habe er dem Prozess interessiert und selbstgefällig gelauscht. Möglicherweise habe er seine Tat „nach seinen Wertvorstellungen als richtig und wichtig angesehen“. Doch das „lässt sie nicht in einem milderen Licht erscheinen“.

Zuvor stellte ein psychiatrischer Sachverständiger fest, dass der Angeklagte in seiner Schuldfähigkeit nicht eingeschränkt gewesen ist. Dabei blieb der forensische Psychiater Stephan Pecher – egal, wie sehr Verteidiger Steffen Stern insistierte. „Vielleicht hatte er unschöne Erlebnisse“, aber keine Traumata mit Krankheitswert. Und auch sonst keine Beeinträchtigungen, die sich aus medizinischer Sicht auf das Geschehen auswirken würden.

Bis zuletzt hatte Alaa A. zum Tattag geschwiegen. In letzter Sekunden offenbarte er dem Sachverständigen: Er habe an diesem Samstag eine Flasche Wodka getrunken. Ein Manöver, das Wolters als „schäbigen Versuch“ wertete, der Strafe zu entgehen. Und auch der Sachverständige sah hinter dem Tatablauf „ein zielstrebiges, geplantes Vorgehen“ und keinen Anhaltspunkt für eine höhergradige Alkoholisierung,

Die Verteidigung hatte die Frage aufgeworfen, ob der Mord hätte verhindert werden können und Vorwürfe gegen die Polizei Salzgitter erhoben. Schließlich hätten die Ermittler aus einer Abhöraktion heraus gewusst, dass Alaa A. zwei Monate vor der Tat versuchte, an eine Waffe zu gelangen. Verbunden mit der Drohung, seine Schwester zu töten. An Milad A. gab man diese Information nicht weiter. Dafür habe es auch keine Notwendigkeit gegeben. Seine Partnerin war zu diesem Zeitpunkt in Sicherheit. Und gegen sie richtete sich die Drohung. Wolters sprach von einem Versuch der Verteidigung, von ihrem Mandanten abzulenken und Stimmung zu machen gegen die Polizei. Keinem Ermittler „ist ansatzweise ein Vorwurf zu machen“. Ob Milad A. aus Salzgitter geflohen wäre und jetzt leben könnte, wenn man ihm den versuchten Waffenerwerb mitgeteilt hätte, sei Spekulation. „Er wusste doch bereits um die Drohungen.“

Am Donnerstag folgt der Schlussvortrag der Verteidigung. Das Urteil wird für die kommende Woche erwartet.

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