Anwalt will Freispruch in „Ehrenmord“-Prozess von Salzgitter

Salzgitter.  Es sei nicht erwiesen, dass der Angeklagte Alaa A. den 25-jährigen Iraker Milad A. hinterrücks erschoss, so sein Verteidiger.

Im „Ehrenmord“-Prozess vor dem Landgericht Braunschweig fordert die Verteidigung Freispruch für den angeklagten Syrer aus Salzgitter.

Im „Ehrenmord“-Prozess vor dem Landgericht Braunschweig fordert die Verteidigung Freispruch für den angeklagten Syrer aus Salzgitter.

Foto: Henning Thobaben

Im „Ehrenmord“-Prozess vor dem Braunschweiger Landgericht plädierte die Verteidigung auf Freispruch. Es sei nicht mit hinreichender Sicherheit erwiesen, dass es der Angeklagte Alaa A. war, der den 25-jährigen Iraker Milad A. vor einem Jahr auf einem Parkplatz in Salzgitter-Lebenstedt hinterrücks erschoss, sagte ein Anwalt des Syrers am Donnerstag. Der junge Mann war dabei, sein Auto abzuschließen, und telefonierte mit seiner Mutter, als eine Gestalt aus der Dunkelheit trat und ihn mit fünf Schüssen niederstreckte.

Der Vertreter der Staatsanwaltschaft Braunschweig hatte lebenslange Haft gefordert und will die besondere Schwere der Schuld festgestellt wissen. Das hieße: Im Falle einer Verurteilung wegen Mordes käme eine vorzeitige Haftentlassung nach 15 Jahren nicht infrage.

Der Erste Staatsanwalt Christian Wolters geht davon aus, dass die traditionell geprägte kurdisch-muslimische Familie des angeklagten Syrers die Beziehung ihrer Tochter zu dem christlichen Iraker ablehnte und der älteste Sohn ihn tötete, um die „Ehre“ der Familie wiederherzustellen. Er sah die Mordmerkmale der Heimtücke sowie der niedrigen Beweggründe erfüllt und sprach von einem kaltblütigem Vorgehen und hoher krimineller Energie.

Wahlverteidiger Steffen Stern verwendete einen Großteil seines Schlussvortrags darauf, die „besondere Schwere der Schuld“ infrage zu stellen. „Rein hypothetisch“ angenommen, man sehe seinen Mandanten als den Todesschützen an. Stern hält die Voraussetzungen für die strafverschärfende Feststellung nicht gegeben. Er zog in Zweifel, dass es sich überhaupt um eine Tötung aus „Ehrengründen“ handelt und damit eine Tat, die in der Rechtsprechung oft als besonders verwerflich angesehen wird. Auch die Heimtücke der Schüsse sei nicht gegeben. Das Opfer habe grundsätzlich gewusst, dass es Drohungen gab. Und zwar Monate vor der Tat. Zudem zitierte Stern einen Richter, der dafür warb, die Gepflogenheiten anderer Kulturkreise im Einzelfall bei der Strafzumessung zu berücksichtigen. Die Ehre derart wiederherzustellen, werde dort „nicht nur gebilligt, sondern erwartet“.

Aber gehe es in diesem Fall womöglich nicht vielmehr um ethnische Konflikte oder persönliche Aversion als um „Ehre“? Stern argumentierte: Die Familie und das späteren Opfer sei sich „spinnefeind“ gewesen. Der Verteidiger sieht gar eine Mitschuld bei dem Getöteten, der seiner Partnerin verboten habe, Kontakt zur Familie aufzunehmen, und damit die Eskalation befördert habe. Da war sie bereits vor deren Attacken aus dem elterlichen Haushalt geflohen.

Erst zum Ende kam Stern zur Beweislage. „Auf den ersten Blick scheint der Fall klar zu liegen“, sagte der bekannte Göttinger Strafverteidiger – um dann die „Scheinindizien“ der Staatsanwaltschaft in Zweifel zu ziehen. Denn ein klarer Beweis für die Täterschaft des mittlerweile 34-jährigen Alaa A. fehlt. Weder wurde die Tatwaffe gefunden, noch identifizierten ihn Zeugen eindeutig. Staatsanwalt Wolters stützt sich vielmehr auf eine Kette von einem halben Dutzend Indizien, die in seinen Augen keinen Zweifel zulassen, dass Alaa A. dem Iraker am 26. Januar 2019 auflauerte. Zeugen schilderten einen eher kleinen Mann mit Dreitagebart und „südländischem Aussehen“ am Tatort, der sie nach der Uhrzeit gefragt habe. „Doch so sehen viele aus“, meint Stern. Grobkörnige Bilder einer Überwachungskamera zeigen einen Mann mit einer Jacke mit Fellkragen und roten Schuhen, der vom Tatort wegläuft. Kleidung, die stark der ähnelt, die Alaa A. bei seiner Festnahme trug. Doch das heiße nichts. Und die Schmauchspuren an den Händen und in der Jacke seines Mandanten – die könnten von anderen weitergegeben worden sein. Stets verwies Stern auf ähnliche Fälle, in den Ermittler irrten.

Auf die Tatsache, dass sein Mandant zwei Monate vor der Tat versucht haben soll, sich eine Waffe zu beschaffen, und auch zuvor bereits Todesdrohungen ausstieß, ging der Strafrechtler nur indirekt ein. Grundsätzlich sei es ja trotzdem möglich, dass ein unbekannter Dritter schoss? Vielleicht decke Alaa jemanden? Außerdem habe die Polizei von dem versuchten Waffenkauf gewusst. Aufgrund dieses „Staatsversagens“ würde die hypothetische Schuld seines Mandanten geringer wiegen – ein Grund für eine Strafmilderung, so Stern.

Der Prozess findet unter erheblichen Sicherheitsvorkehrungen statt. Die Schwester und die Mutter des Getöteten sowie dessen Lebensgefährtin befinden sich in Schutzprogrammen. „Sie haben bis heute Todesangst“, sagte einer der Anwälte, der die Angehörigen als Nebenklägerinnen vertritt. Das Urteil soll am kommenden Donnerstag fallen.