So schufteten in der NS-Zeit Niederländer in Salzgitter

Lebenstedt.  Historiker Jannik Sachweh berichtet über das Strafgefängnis Wolfenbüttel und sein Außenlager in Heerte.

Historiker Jannik Sachweh berichtete im Saal der Alten Feuerwache in Lebenstedt über seine fast zweijährigen Forschungen über strafgefangene Niederländer bei den Reichswerken „Hermann Göring“.

Historiker Jannik Sachweh berichtete im Saal der Alten Feuerwache in Lebenstedt über seine fast zweijährigen Forschungen über strafgefangene Niederländer bei den Reichswerken „Hermann Göring“.

Foto: Jörg Kleinert

Es ist ein dunkles Kapitel der Stadtgeschichte Salzgitters. Eines, das zwar bekannt, bislang aber nicht in jener Tiefe erforscht wurde, wie es Jannik Sachweh in den vergangenen zwei Jahren tat.

Der 30-jährige Historiker, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Gedenkstätte in der Justizvollzugsanstalt Wolfenbüttel, berichtete im Saal der Alten Feuerwache in Lebenstedt über jene am Ende mehr als 1000 Strafgefangene der niederländischen Justiz, die ab Herbst 1942 in einem Außenlager des Strafgefängnisses Wolfenbüttel im sogenannten Lager 35 bei Heerte zur Arbeit bei den Reichswerken „Hermann Göring“ eingesetzt worden waren. Mindestens 80 von ihnen starben nach Misshandlungen durch Aufsichtspersonal oder völlig entkräftet durch Mangelernährung.

Eingeladen hatten den 30-Jährigen der Arbeitskreis Stadtgeschichte und die Gedenk- und Dokumentationsstätte KZ Drütte. Sachwehs Recherche, die sich unter anderem auf niederländische Quellen, zum Beispiel Aussagen überlebender Gefangener stützt, fand statt im Rahmen des Projekts „Outside Wolfenbüttel“, in das Fördergelder der Braunschweigischen Stiftung, der Stiftung Zukunftsfond Asse sowie der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz geflossen waren. Im Sommer, so kündigte der Historiker an, werde er seine Forschungsarbeit veröffentlichen.

Sachwehs Aufgabe bestand auch darin zu erkunden, wie weit sich während der NS-Zeit das Netzwerk des Strafgefängnisses in Wolfenbüttel über die Grenzen des Braunschweiger Landes hinaus erstreckte. Ein Beispiel: „Ans Anatomische Institut der Universität Göttingen wurden die Leichen Strafgefangener für die Forschung geschleppt“, berichtete Sachweh.

Gefangenen-Arbeiter aus Wolfenbüttel kamen nach seinen Erkenntnissen unter anderem bei Büssing im Fahrzeugbau zum Einsatz, für Voigtländer, um optische Geräte für die Wehrmacht zu bauen, aber auch in umliegenden Kalkwerken und in der Landwirtschaft. Und eben im nordwestlich von Heerte liegenden Außenlager 35. In Kooperation mit der Leitung des Wolfenbütteler Strafgefängnisses wurde entschieden, dort 800 niederländische Strafgefangene – allesamt Wirtschaftsstraftäter – aus dem Gefangenenlager „Erica“ in Ommen (Niederlande) unterzubringen.

Eingesetzt wurden sie bei der Erzvorbereitung, berichtete Sachweh, vor allem bei Gleisbauarbeiten. Misshandlungen durch Wachmänner waren an der Tagesordnung, auch Scheinhinrichtungen und Androhungen von Erschießungen. Zu essen gab es täglich nur ein halbes Pfund Brot und einen halben Liter Suppe. Die Sterblichkeitsrate stieg sprunghaft an, bis November 1942 waren es 42 Tote. Erst am 23. Dezember 1943 endete das Martyrium. Das Lager wurde aufgelöst, die Strafgefangenen vom Bahnhof Heerte aus zurück in die Niederlande gefahren.

Im Anschluss an seinen Vortrag stellte sich Sachweh den Fragen seines durchweg kundigen Publikums.

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