Jugendkommissariat Salzgitter wird „überrollt“ von Delikten

Salzgitter.  Aktuell kommt es zu zahlreichen Verfahren wegen Gewalttaten. Die stellen ohnehin ein Problem dar – besonders in Schulen.

Das Jugendkommissariat verzeichnet seit mehr als zwei Jahren eine wachsende Zahl von Gewalttaten. Immer häufiger werden Kinder zu Tätern. (Symbolbild)

Das Jugendkommissariat verzeichnet seit mehr als zwei Jahren eine wachsende Zahl von Gewalttaten. Immer häufiger werden Kinder zu Tätern. (Symbolbild)

Foto: Oliver Berg / picture alliance / Oliver Berg/dpa

Überall in Deutschland war die Zahl der Straftaten in Zeiten der scharfen Corona-Restriktionen stark rückläufig. Seit den Lockerungen explodiert die Zahl der Delikte im Bereich der Jugendkriminalität jedoch, berichtet Stephanie Schlote, die neue Leiterin des Jugendkommissariats der Inspektion Salzgitter-Peine-Wolfenbüttel. Schwerstarbeit für Schlote und ihre sechs Mitarbeiter. „Wir werden regelrecht überrollt.“

Auffällig sind besonders Heranwachsende im Alter zwischen 18 und 20 Jahren. Sie fallen mit körperlichen Auseinandersetzungen auf, gern in kleineren Gruppen. Dazu kommen, aufgrund vermehrter Kontrollen nach dem Infektionsschutzgesetz, Drogendelikte. „Es scheint sich da während des Lockdowns etwas aufgestaut zu haben“, anders kann Schlote sich die Entwicklung nicht erklären. Während der Phase der harten Restriktionen war es hingegen fast ruhig, es ereigneten sich nur wenige Straftaten. Nun, da die Tore geöffnet sind, bricht sich offenbar eine Flut Bahn.

Eine weitere Herausforderung für das Fachkommissariat 6, das in der jüngeren Vergangenheit starke Veränderungen erlebt hat. Die Vechelderin Schlote übernahm im vergangenen November die Leitung von ihrem Vorgänger Andreas Twardowski, mittlerweile Chef der Kripo in Wolfenbüttel.

Dann ging es Schlag auf Schlag – so dass die Kriminalhauptkommissarin erst jetzt Luft hat, sich einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen. Denn es gab weitere Veränderungen: So sind die Polizisten seit dem Jahreswechsel nicht nur für Kinder und Jugendliche zuständig, sondern, analog zur Staatsanwaltschaft, auch für Taten von 18 bis 20-Jährigen. Der Altersgruppe, die vor Gericht auch noch nach Jugendstrafrecht angewendet werden kann – was mittlerweile den Regelfall darstellt.

Schwerere Delikte

Damit stieg die Zahl der zu bearbeitenden Delikte massiv an. Zudem verüben die älteren Täter auch schwerere Delikte, sagt Schlote. Um das aufzufangen, stockte der Zentrale Kriminaldienst der Inspektion das Personal in diesem Bereich von vier auf sechs Sachbearbeiter auf.

Schlote im „FK6“ und ihre Kollegen sehen sich weiteren Herausforderungen gegenüber: Denn ein Trend der Vorjahre hat sich auch 2019 fortgesetzt: Es gibt immer mehr Gewalttaten unter Kindern und Jugendlichen in Salzgitter. So stieg die Zahl der minderjährigen Tatverdächtigen bei sogenannten Rohheitsdelikten wie Körperverletzung im Vergleich zu 2018 um
15 Prozent. Besonders erschreckend: Immer mehr Kinder werden zu Tätern. Ihr Anteil stieg 2019 um 23 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Mehr Gewalt an Schulen

Besonders oft kam es im vergangenen Jahr zu Gewalt im Schulkontext (+34 Prozent). Hier wollen die Polizisten stärker ansetzen: Ein neues Konzept der Zusammenarbeit mit den Schulen ist in Arbeit.

Dass Kinder immer häufiger straffällig werden, ist ein generelles Phänomen, sagt die Hauptkommissarin. Nicht nur in Salzgitter, sondern landesweit. „Das macht uns Bauchschmerzen. Eine abschließende Erklärung dafür gibt es noch nicht.“ Besonders schwierig sei, dass es wenige Möglichkeiten gibt, auf die noch strafunmündigen Kinder einzuwirken.

Und eine weitere Beobachtung hat Schlote zu vermelden: Wie in den Vorjahren ist der Anteil der minderjährigen nichtdeutschen Tatverdächtigen mit 56 Prozent überproportional hoch. Bei den Gewalttaten ist ihr Anteil jedoch leicht gesunken: auf 37 Prozent der Verdächtigen.

Sechs Jugendliche und Heranwachsende gelten derzeit als Intensivtäter. Zwei mehr als im Vorjahr.

Doch die Kriminalstatistik für das abgelaufene Jahr birgt auch positivere Zahlen: Insgesamt sank die Anzahl der Fälle nämlich – um
13 Prozent. Zum ersten Mal seit 2016. Positiv bewerten Schlote und ihre Mitarbeiter das im Vorjahr eingeführte Haus des Jugendrechts, bei dem Ermittler, Staatsanwaltschaft und Amtsgericht enger zusammenarbeiten. Einmal pro Monat tauscht man sich über auffällige junge Straftäter aus. „So lässt sich viel gezielter reagieren“, sagt die 48-Jährige.

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