Salzgitteraner Piskulla erinnert sich: Alfred kehrt heim

Friedrich Piskullas Bruder kehrte aus US-Gefangenschaft zurück. Ein Glückserlebnis in schwerer Zeit.

Symbolfoto: Das Sowjetische Ehrenmal in Treptow. Auf einer Tafel steht „Die Heimat wird ihre Helden nicht vergessen“. Am 08. Mai jährte sich zum 75. Mal das Ende des Zweiten Weltkrieges und die Befreiung vom Nationalsozialismus.

Symbolfoto: Das Sowjetische Ehrenmal in Treptow. Auf einer Tafel steht „Die Heimat wird ihre Helden nicht vergessen“. Am 08. Mai jährte sich zum 75. Mal das Ende des Zweiten Weltkrieges und die Befreiung vom Nationalsozialismus.

Foto: Christophe Gateau / dpa

Als mein Bruder Alfred zurückkam, war es nicht von einer Ferienreise. Der Anlass seiner Heimkehr war sowohl tragisch als auch glücklich.

Es war schon spät, als es an der Tür klopfte

Mein Bruder Alfred kehrte, nach dem er 1939 als Soldat zur Wehrmachteingezogen wurde, aus der amerikanischen Gefangenschaft zurück. Er geriet am 15. April 1945 in US-Gefangenschaft und war bis September 1945 US Gefangener. Bei mir als 14-Jährigem blieb der Abend seiner Heimkehr in lebendiger Erinnerung. Es war schon spät am Abend, als er an die Tür klopfte. Ich lief zur Tür und öffnete.

Der blasse Mann sah mich eine Weile stumm an

Ich schaute auf einen blassen, für mich älteren Mann, der mich eine Weile stumm ansah! Auf einmal sagte er zu mir: „Was ist los Fritz, kennst du mich nicht wieder?!“ In dem Moment, als ich seine Stimme hörte, wusste ich, das ist mein älterer Bruder Alfred.

Meine Mutter schrie

In dem Moment stand meine Mutter hinter mir, sie hatte wohl die Stimme vernommen. Ich ging zur Seite, und mein Bruder wurde von Mutter regelrecht ins Haus gerissen. Mein Bruder war stumm, aber meine Mutter schrie. So einen Ton kannte ich nicht an ihr – „Mein Junge!“ Mir bricht gleich das Herz.

Erstmal ein gutes Essen

Sie umarmten sich und ich hörte nur, wie Mutter und Sohn (es war Mutters Erstgeborener) schluchzten, sie konnten sich nur schwer aus ihrer Umarmung lösen. Meine Mutter wollte wohl wieder zu sich kommen und sagte: „Ich geh mal in die Küche und mache dir ein gutes Essen.“

Mein Bruder war sehr schlank

„Ja Mama, seit Monaten bin ich nur noch hungrig“, sagte Alfred. „Ich träumte immer von deinem Essen.“ Ich schaute auf meinen Bruder und sah, nach dem er seinen verschlissenen Militär-Rock abgelegt hatte, dass er sehr schlank war und sein Gesicht blass und grau. „Schau mich nicht so an“, sagte er, „in ein paar Tagen sehe ich wieder wie früher aus und dick war ich ja noch nie.“ „Stimmt“, sagte ich, „du hast ja immer viel Sport gemacht.“

Alfred kam nach Bad Kreuznach

Am Abend saß die ganze Familie am großen Tisch, und Alfred war der Mittelpunkt. Alle wollten seine Geschichte hören. Wenn ich hier alles erzählen wollte, käme ein Heft zusammen. Tatsache ist, dass er ist Mitte April 45 in US-Gefangenschaft geraten war. Er war nicht bei der kämpfenden Truppe gewesen, sondern als Gefreiter Fahrer von Offizieren. Kurzum, die Amis brachten ihn nach Bad Kreuznach am Rhein. Dort war eingroßes Gefangenencamp.

Tausende deutscher Soldaten waren dort

Tausende deutscher Soldaten waren dort, sie lagen auf der nackten Erde die ganze Gefangenschaft hindurch. Das Essen war zum Verhungern, und dass Alfred überlebt hat, verdankt er seiner Veranlagung. Er war immer ein mäßiger Esser und sehr diszipliniert. Ich halte mich nicht für befugt, Näheres darüber zu schreiben. Später habe ich Tatsachenberichte im Fernsehen gesehen, und alle von meinem Bruder berichteten Erlebnisse in der Gefangenschaft entsprachen den Tatsachen.

Der Stacheldraht war durchlässig

Die gefangenen Soldaten merkten bald, dass die Amis nach einiger Zeit die Gefangenen nur noch halbherzig bewachten. Dass jeden Abend hunderte Gefangene verschwanden, war ihnen offenbar recht. Sie hatten sowieso Probleme mit der Lebensmittelversorgung. Eines Abends ging mein Bruder mit einigen Kameraden durch den durchlässigen Stacheldraht in die Freiheit. Kein Ami hinderte sie daran. Einen Tag später befand er sich wieder im Kreis seiner Familie.

In den ersten Friedenswochen kehrten viele Gefangene plötzlich und unerwartet wieder zurück. Es waren trotz der schweren Zeiten Momente unendlichen Glücks für die Beteiligten.

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