Werner Müller: Keine Wohnbebauung am See!

Lebenstedt.  Heute startet unsere Serie Sommerinterviews mit den Bürgermeistern der Ortschaften.µ

Werner Müller, Bürgermeister der Ortschaft Nord

Werner Müller, Bürgermeister der Ortschaft Nord

Foto: Verena Mai

In unserer Interview-Sommerserie befragen wir die Bürgermeister der Ortschaften zur aktuellen Lage und ihrer Einschätzung für die Zukunft für ihren Beritt. In Teil 1 steht Werner Müller (SPD), Bürgermeister der Ortschaft Nord, Rede und Antwort.

Für den Salzgittersee gibt es viele Pläne, unter anderem Wohnbebauung. Welche sind umsetzbar, welche bergen Gefahren, welche sind noch nicht ausgereift?

Müller: Die Wohnbebauung ist nur ein Teilaspekt, nicht der wichtigste Punkt. Die läge auch weit entfernt vom See. Eine Wohnbebauung direkt am See sehe ich kritisch – wir wollen ja das Grün erhalten und den Urlaubsaspekt. Eine direkte Bebauung ist nicht gewollt. Überlegen kann man die Ansiedlung von weiteren Gaststätten, gerade hat Joons eröffnet, das ist eine gute Sache. Auch eine Jugendherberge wäre ein Aspekt.

Wie zufrieden sind Sie mit dem Weiterentwicklungs-Vorhaben?

Was die Bürgerbefragung betrifft: Da hätte ich mir eine größere Beteiligung gewünscht. Da sind wichtige Aspekte enthalten! Zum Ausbau am See wird es eine Prioritätenliste geben, ein Fuß- und Radweg ist da ein wichtiger Punkt.

Sind Sie zufrieden mit der Ausweisung von Gewerbegebieten und Baugebieten in der Ortschaft Nord? Gibt es hier noch Bedarfe?

Müller: Da gibt es Erhebungen zur Möglichkeit von Bebauung. Wir wollen möglichst wachsen, derzeit gibt es ja Fredenbergs zweiten Bauabschnitt. Was weiter möglich ist, wird man sehen.

Zum Gewerbegebiet: Wir haben Potential etwa in Engelnstedt. Das Alte Dorf stößt an seine Grenzen, wegen der Wohnbebauung. Ein Teilstück soll aber bebaut werden. Beim Alloheim gibt es noch eine Fläche, wo Wohnungen gebaut werden können.

Könnte man die Ortschaft touristisch noch besser vermarkten? Was wurde dabei noch wenig berücksichtigt?

Müller: Das hängt davon ab, was am See noch eingeleitet wird. Ob wir einen Caravan-/Wohnwagenbereich im Westbereich installieren, das wäre interessant. Das ist alles Thema im Entwicklungsplan und in der Prioritätenliste. Der Rat wird sich der Vorschläge annehmen. Wichtig ist die Promenade, damit man ein besseres „Outfit“ hat. Dafür gibt es Vorschläge, und man muss gucken, wann und wie da etwas gemacht werden kann. Es kommt aber auch darauf an, wie sich die Touristenzahlen entwickeln. Touristisch kann man etwas machen, muss aber immer im Auge behalten, dass nichts überfrachtet wird. Dazu gehört ein Konzept, man muss das mit den Parteien absprechen und die Vereine einbinden.

In Bezug auf Tourismus wird schon viel gute Werbung für die Stadt gemacht, auch, was die Radwege angeht. Da muss eine bestimmte Breite eingehalten werden, auch angesichts der E-Mobilität und der Abstände. Zum Thema Bergbau gibt es Infos auf Schloss Salder, auch, was die Industrie anbetrifft.

Was fehlt Ihnen in der Ortschaft?

Müller: Durch Corona ist viel eingeschränkt, besonders auch Aktivitäten, zum Beispiel das Seefest. Man muss daraus lernen, wenn die Einschränkungen wieder aufgehoben werden, wie man am schnellsten und besten vorgeht. Man muss daraus ein Konzept entwickeln. Auch die Alten- und Pflegeheime waren geschlossen, für Ältere war das negativ.

Was ich mir wünsche, ist in erster Linie ein Bewusstsein für die Sauberkeit der Ortschaft: Wie gehe ich mit Müll um? Wenn am Salzgittersee ein Eimer voll ist, suche ich einen anderen oder nehme den Müll mit nach Hause.

Wenn man sich mit Anwohnern unterhält, wird auch deutlich: Das positive Denken lässt zu wünschen übrig. Wenn man ein Haar in der Suppe findet, ist gleich alles schlecht. Das hat auch Auswirkungen auf die Außendarstellung. Dabei gibt es doch das Beschwerdemanagement der Stadt, oder man kann Ortsrats-/Ratsmitglieder ansprechen. Wir versuchen doch, Probleme über kurze Wege abzuklären.

Was ist mit Rad- und Fußwegen?

Müller: Rad- und Fußwege sind ein wichtiges Thema, immer mehr Menschen sind mit dem Rad unterwegs. Am See sollten sie so breit sein, dass Fußgänger und Radfahrer nebeneinander Platz haben. Auf jeden Fall sollte hier mehr ausgebaut werden in verschiedenen Bereichen, gerade in Bezug auf den Klimawandel. Das Konzept mit den Fahrradstreifen etwa am Schäferkamp/ Feldstraße läuft ganz gut, ich habe nichts von Unfällen gehört, auch wenn Eltern mit Kindern Bedenken haben. Wichtig sind auch die Übergänge an den Straßen, dort müssen auch ältere Menschen mit Rollator rüberkommen. Da gibt es Vorgaben.

Sind Sie zufrieden mit der Nahversorgung in der Ortschaft Nord?

Müller: Die ist okay, es gibt viele Geschäfte, und wir bekommen noch einige. Problem sind die Parkmöglichkeiten, speziell im Fredenberg, zum Beispiel, wenn Markt ist, da gibt es große Schwierigkeiten.

Sind Sie zufrieden mit der Kita-Versorgung?

Müller: Wir brauchen noch welche, geplant ist eine im Neubaubereich in Fredenberg. Bedarf ist in Salzgitter noch vorhanden.

Welche Entwicklungen in der näheren Vergangenheit in der Ortschaft Nord begrüßen Sie, welche eher nicht, und wo wurden Fehler gemacht? Wie beurteilen Sie den Umgang mit Migranten?

Müller: Wichtig ist die Förderung der Integration von Menschen aus anderen Ländern. Es gibt Treffpunkte, da wird diesen Menschen geholfen, und sie werden an die Hand genommen. Nicht nur von der Stadt, auch andere Träger bieten Unterstützungsmöglichkeiten. Der Versuch, die Menschen zu begrüßen und ihnen Informationen zu geben, welche Möglichkeiten und Anlaufstellen es gibt, ist gut gelaufen. Wichtig ist doch ein Anlaufpunkt für Behördengänge. Schwierig war es mit dem Deutschlernen. Die Menschen kannten vorher wohl nicht solche Strukturen. Das ist gut angelaufen und zum Teil gut angenommen worden. Das muss man ausbauen und halten. Integration ist wichtig. Das braucht aber mehrere Jahre. Das sehen wir bei den türkischen Mitbewohnern, das läuft ganz anders.

Es gibt immer zwei Seiten. Die, die herkommen, müssen wissen, wo die Anlaufstellen sind und sie auch nutzen. Das machen nicht alle. Vielleicht bekommen wir ein Einwanderungsgesetz, woran man sich orientieren kann. Einige werden ja bleiben wollen?

Es muss einen Schulterschluss geben und man muss sich stärker austauschen, wo es Problembereiche auch mit Konzentrationen gibt – die Menschen sollen nicht unter sich bleiben. Dadurch gibt es die Gefahr der Ghettobildung. Es ist ein Problem, inwieweit die Wohnungsgesellschaften darauf achten können. Eine gute Durchmischung ist wünschenswert.

Bei der Integration wurden Fehler gemacht. Auch die Glaubensrichtung spielt eine Rolle. Angebote von Sportvereinen wären auch eine Diskussionsgrundlage. Die Vereine würden sich wahrscheinlich sehr über neue Mitglieder freuen.

Hat die „Neugestaltung“ der Innenstadt Lebenstedts mit der Geschäftsmeile und der Flaniermeile bislang Ihre Erwartungen erfüllt?

Müller: Bislang ja, die Modernisierung geht ja noch weiter. Eine Maßnahme: Die kleinen leerstehenden Geschäfte werden wieder belegt. Die City-Werbegemeinschaft hat die wichtige Aufgabe, Werbung zu machen, ob am Citytor oder insgesamt. Das ist manchmal Thema in der Arbeitsgemeinschaft aus Verwaltung, City-Werbegemeinschaft, Rat und Ortsrat, da kann man viel besprechen und verabreden.

Der Schulterschluss Albert-Schweitzer-Straße und Altes Dorf ist noch nicht so positiv, wie er sein sollte. Die Flaniermeile sieht gut aus, wir haben versucht, Grün reinzubringen. Verschiedene Baumarten halten da aber nicht lange.

Welche Auswirkungen wird es haben, dass die Ortsumgehung Salder nicht gebaut wird?

Müller: Der Abschlussbericht zeigt letztlich auf, dass Faktoren aufgetreten sind, die nicht sehr positiv klingen, etwa die Kosten. Zur Zeit sieht es so aus, dass die Umgehung erstmal nicht kommen wird. Man kann nur an die Autofahrer appellieren, zu versuchen, den Bereich zu umfahren. Man kann die Nord-Süd-Straße nutzen. Das ist leider nicht der kürzeste Weg. Man könnte auch über Gebhardshagen fahren oder „Vor dem Dorfe“. Die einzige Lösung wäre eine Verkehrslenkung. Die Verwaltung muss versuchen, etwas zu entwickeln, um den Verkehr, der nicht nach Salder reinfahren soll, umzulenken. Eine Tempobegrenzung wäre schwierig, das hatten wir ja in der Mindener Straße probiert.

Zur Umgehung gab es eine Menge Vorschläge. Auch ein Konzept in Bezug auf Museum und Mindener Straße. Ein Kreisverkehr ist in den Hintergrund geraten, das könnte man mal wieder ins Auge fassen., damit es da weitergeht. Man kann den Bereich verkehrstechnisch vielleicht so gestalten, dass es eine Beruhigung gibt.

Salder ist ein sehr schönes Dorf, das sollte man nicht abschotten. Das Dorf ist auch kulturell interessant. Den LKW-Verkehr brauchen aber die verschiedenen Unternehmen dort, und wir brauchen als Stadt Wirtschaftsgebiete. Für „proSal“ ist das sicher nicht befriedigend.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Ortschaft?

Müller: Eine positive Weiterentwicklung mit Einbindung der Bewohner, man muss ihre Wünsche aufnehmen. Vor allem muss man die Mobilität weiter ausbauen. Es gab ja eine Diskussion um die Verlängerung der Bahnhofsstrecke zu Bosch, der alte Bahndamm steht noch. Vielleicht kann man die stillgelegte Strecke wieder aktivieren? Außerdem: Kulturelle Aktivitäten ausbauen, Wirtschafts- und Innovationsförderung (Arbeitsplätze) stärken, Förderung des Ehrenamts.

Wird die Ortschaft Nord vom Wasserstoffcampus profitieren? Wenn ja, in welcher Form?

Müller: Wenn der Wasserstoffcampus entsteht, kann ich mir vorstellen, dass es mehr Arbeitsplätze gibt, und da muss man die Mobilität erhöhen oder wieder aktivieren. Das Gelände ist ja vor Jahren erschlossen worden von Stadt und Land für den Bau von bis zu 18 Hallen. Die Fläche ist prädestiniert, dass man da weitermacht. Die Kleingärtner wurden umgesiedelt, da sollten Parkplätze entstehen. Die Rasenfläche bis zum Damm liegt noch brach.

Wasserstoff ist eine Zukunftsinvestition. Es braucht Mitarbeiter, die können sich hier niederlassen.

Wie sieht die Ortschaft in 30 Jahren aus – bevölkerungstechnisch, verkehrstechnisch, wirtschaftlich, touristisch?

Müller: Wir werden und bleiben bunter. Die Bevölkerungszahl steigt. Wir müssen zusehen, dass wir aufgrund von Innovationen die Anzahl halten. Es gibt immer Menschen, die herkommen, wir werden uns darauf einstellen müssen. Wir haben daraus gelernt, was in der Vergangenheit nicht gut gelaufen ist – etwa was die Information der Neubürger angeht.

Die Wirtschafts- und Innovationsförderung Salzgitter (Wis) bietet Beratung, Gründerseminare über verschiedene Termine an. Informationstechnologie und Internet sind wichtige Punkte, die Industrie bleibt wichtig, es kommt aber darauf an, welche Industrie es sein wird. Es gibt eine Entwicklung und neue Arbeitsplätze – wahrscheinlich welche, die wir heute noch gar nicht kennen. Es wird eine andere Mobilität geben, weniger Fahrzeuge auf den Straßen. Es wird keine U-Bahn geben, das ist zu teuer, aber vielleicht kleine Gondeln, über die die Ortschaften erreichbar sind. Wir haben viel Fläche und beziehen gerne einzelne Dörfer mit ein. In so eine Gondel passen zehn Personen. Die befinden sich in zehn, 15 Metern Höhe und stören keinen. Die E-Mobilität wird sich weiterentwickeln. Der Salzgittersee wird ausgebaut.

Kandidieren Sie noch einmal als Ortsbürgermeister?

Müller: Das müssen die Bürgerinnen und Bürger sowie die SPD-Fraktion und die Mitglieder entscheiden.

Wie bekommt man die AfD, die ja vielleicht auch in der Ortschaft Nord an Bedeutung gewinnen wird, in den Griff?

Müller: In Salzgitter haben die ein schwieriges Leben. Die Republikaner haben auch mal versucht, im Rat aktiv zu werden. Wir arbeiten für die Bürger vor Ort, das ist mehr, als nur Ideologie zu verbreiten. Wenn ein Vertreter in den Ortsrat/Rat reinkommt, wird er kein leichtes Leben haben. Wir würden fordern, für die Bürger etwas zu tun. Die Bürger bekommen mit, was wir machen!

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