Prozess: Frau berichtet von Martyrium in Salzgitter

Salzgitter.  Schläge und Vergewaltigungen: Ein Prozess am Landgericht Braunschweig wird zum Blick in die mutmaßlichen Abgründe einer Beziehung.

ARCHIV - 11.10.2007, Finnland, Helsinki: ILLUSTRATION - Der Schatten einer Frau wird auf eine Wand projeziert, während im Vordergrund eine Person eine Faust ballt. Frauen sollen angesichts Zehntausender Übergriffe jährlich besser vor Gewalt geschützt werden. Foto: Mikko Stig/Lehtikuva/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

ARCHIV - 11.10.2007, Finnland, Helsinki: ILLUSTRATION - Der Schatten einer Frau wird auf eine Wand projeziert, während im Vordergrund eine Person eine Faust ballt. Frauen sollen angesichts Zehntausender Übergriffe jährlich besser vor Gewalt geschützt werden. Foto: Mikko Stig/Lehtikuva/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Foto: Mikko Stig / dpa

Als die Kugel sie trifft, denkt sie erst, sie hätte eine Vase an den Kopf bekommen. „Ich ging zu Boden, stand wieder auf, blutete.“ Dann sieht sie ihn, mit der Waffe in der Hand. „Du bist ja unvernichtbar“, sagt er und lacht dabei. Der Auslöser: Sie hatte ihm keinen Wodka mehr gekauft, nachdem er bereits tagelang durchgetrunken hatte. So schildert es eine 29 Jahre alte Frau in einem kleinen Saal des Landgerichtes Braunschweig. Das Projektil aus der Gasdruckwaffe trägt sie bis heute in ihrem Kopf.

Zeugin: Er warf mit Pflastersteinen nach mir – und traf

Zehn Jahre lang war sie an einen Mann gekettet, der sie misshandelt und vergewaltigt haben soll. Der sie mit Pflastersteinen beworfen habe, und wegen dem sie ihrer Erzählung zufolge das erste gemeinsame Kind an das Jugendamt verlor und das nächste zwei Tage nach der Geburt zur Adoption freigab. Weil er gedroht habe: „Eher töte ich den Jungen, als das ich ihn durchfüttere.“

Der mittlerweile 46 Jahre alte früherer Partner, der Vater ihrer zwei Kinder, muss sich seit kurzem vor einer großen Strafkammer verantworten. Die Vorwürfe, die die Braunschweiger Staatsanwaltschaft erhebt, scheinen dabei nur die Spitze eines Eisbergs abzubilden: Zweifache Vergewaltigung, gefährliche Körperverletzung, Körperverletzung. Als die beiden im Gebüsch an einem Bach in Lebenstedt hausten, soll er sie mit der Faust und einer Glasflasche malträtiert haben. So sehr, dass sie mehrere Tage im Krankenhaus verbrachte.

„Wenn er trank, hat er völlig die Kontrolle verloren“

Am ersten Verhandlungstag nahm die Frau die Prozessbeteiligten mit in die Welt, die hinter diesen sechs knappen Tatvorwürfen zu liegen scheint. Zwei Stunden lang redet sie über ein Beziehung, die toxisch zu nennen nicht ausreichen würde. Von der ersten Minuten spricht sie unter Tränen, immer wieder muss die Verhandlung unterbrochen werden. Gezielt, geduldig fragt Richter Stefan Bauer-Schade nach. Und so entspinnt sich eine beklemmende Geschichte, wie sie in ihrer Wucht und ihrer Grausamkeit auch in den an Gewalt und Unglück gewöhnten Räumen des Landgerichts selten zu hören ist. Die Zuhörer und Prozessbeteiligten tauchten in Abgründe menschlicher Beziehungen. In eine Liebesbeziehung, dominiert von Abhängigkeit, Verrohung, Gewalt und Unmengen Wodka. „Wenn er drei Tage trank, hat er völlig die Kontrolle verloren.“ Selbst der Angeklagte, der alle Vorwürfe bestreitet, wiegte den Kopf in der Hand, als ahne er Schlimmes auf sich zukommen.

Die toxische Beziehung begann, als sie 16 war

Als sie 16 Jahre alt war, habe der Mann sie angesprochen. Anfangs sei alles gut gewesen. „Er besuchte mich täglich bei meiner Mutter. Wir waren oft unterwegs. Ich hatte das Gefühl, er kümmert sich um mich. Jetzt weiß ich, dass alles gespielt war.“ Dass er verheiratet war und zwei Kinder hatte, ahnte sie anfangs nicht. „Seine Ehefrau hat mich noch gewarnt. Sie sagte: Er hat ein Problem. Er wird dich schlagen.“

Richtig begonnen habe es mit der Gewalt, als ihr erstes gemeinsames Kind kam. „Er wollte, dass ich abtreibe.“ Trotzdem zog sie zu ihm, damals noch in Polen, in ein weit entferntes Dorf in einem anderen Teil des Landes. „Ich kannte niemanden. Durfte keinen Besuch bekommen, durfte nicht raus.“ Die Spirale aus Alkohol und Gewalt drehte sich weiter. „Ich trank, um den Schmerz zu ertragen.“

Zehn Jahre lang blieb sie bei ihm

Trotz allem folgte sie ihm, als er wegen einer unbezahlten Geldstrafe nach Deutschland geflohen sei. Vier Jahre lang vagabundierte das Paar offenbar umher, schlief in Zelten, im Gebüsch, in einer Pension für Monteure. Meist in und um Salzgitter, wo er sein Geld mit Schwarzarbeit verdiente. „Imme so lang, wie jemand sein Trinkverhalten ertragen hat.“ Erst nach einem Gefängnisaufenthalt habe sie es geschafft, von ihm loszukommen. Warum sie nicht früher ging, fragt der Richter? „Ich kann es mir nicht erklären.“

Der Angeklagte gibt an, sich an die gesamte Zeit und die Frau nur bruchstückhaft zu erinnern. Die Gewalt im Suff sei von beiden Seiten ausgegangen, behauptet der stämmige Mann in weißem Jogginganzug. Vergewaltigt habe er sie nie. Er lässt keine Gelegenheit aus, seine frühere Partner in ein schlechtes Licht zu rücken.

Aussagepsychologin soll Schilderung bewerten

Weil es nur wenige handfeste Beweise und Indizien gibt, kommt einem aussagepsychologischen Gutachten zu den Schilderungen der Frau besondere Bedeutung zu. Das vorläufige Ergebnis im Zuge der Ermittlungen war offenbar so belastbar, dass die Kammer das Hauptverfahren eröffnet hat. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Mann aufgrund der rauen Mengen an Spirituosen nur eingeschränkt schuldfähig gewesen sein könnte.

Die Vernehmung der Frau wird sich noch fortsetzen: Bis zu ihrer Schilderung zu den konkreten Tatvorwürfen kam das Gericht noch gar nicht. Neun weitere Prozesstage sollen Licht in die eiskalten Wasser dieser Beziehung bringen. Ein Urteil wird für Mitte November erwartet.

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