Forellen, die auf Fusseln stehen

Mein perfektes Wochenende  Was macht der Fliegenfischer an kalten Winterabenden? Er macht Köder – eine Wissenschaft für sich.

Forellen sind ganz offensichtlich ziemlich dämliche Fische, wenn sie sich von ein paar Fusseln an einem Haken dazu verleiten lassen, anzubeißen. Und die Leute, die Forellen angeln wollen, sind scheinbar auch nicht ganz frisch — denn sie setzen sich an einem kalten Winterabend hin, holen ihre Fusselsammlung hervor und friemeln dann in einer komplizierten Prozedur auch noch Fusseln an kleine Haken. Dabei ist doch das Flugangeln sonst so ein feiner, so ein Gentleman-Sport. Schick sieht es ja aus, wenn da einer im Wasser steht und mit gekonnten Bewegungen die Schnur ausbringt. Wie kompliziert und pfiffig es ist, was Angler und Fisch da treiben, offenbart sich erst beim genauen Hinsehen.

Fliegen heißen diese Fusselgebilde – weil sie zumeist Insekten und ihre Larven imitieren sollen. Involviert sind aber auch andere Tiere: „Seht ihr hier noch ein Stück Reh rumfliegen?“, fragt Johannes Klages. Der 31-Jährige sitzt an seinem Esstisch und bindet eine Steinfliege. Auch ein Stück eines Hasenkopfes liegt hier. „Davon verwendet man Haare der Ohren als Körper für die Fliege“, sagt Klages. Sein zehnjähriger Sohn Finn ergänzt: „Oder man legt ihn sich aufs Gesicht und erschreckt damit jemanden.“

Hört man Klages zu, könnte man von einer fremden Sprache ausgehen. Da wird das Garn in einen Bobbin eingespannt, eine Schlaufe gelegt, aus der mittels eines Dubbing Twisters das Garn mit ein paar Fasern darin eingedreht wird, am Ende ist es auch gar keine Steinfliege, sondern eine Stonefly. Generell hat jede Fliege einen Namen, von March Brown bis zu Pattegriesen. Der Ursprung der Fliegenfischerei liegt in Großbritannien und Skandinavien.

Nach den eingedrehten Fasern folgt die Feder eines ganz speziellen Hahns, zum Schluss kommt dann das Rehhaar zum Einsatz. „Rehhaar aus dem Winterfell ist gut geeignet, weil es hohl ist und deshalb viel besser schwimmt“, erklärt Klages. Aus dem Rehhaar modelliert er die Flügel der Steinfliege.

Nun besteht die Fliege zwar aus Garn und synthetischen Fasern, aber eben auch aus Hühnerfedern und Rehfell. Wie verträgt sich das mit dem Naturschutzgedanken des Angelns? „Es gibt auch Fliegenfischer, die beim Binden komplett auf natürliche Materialien verzichten“, sagt Johannes Klages. In aller Regel kämen etwa ein Drittel Synthetik und zwei Drittel Naturmaterialien zum Einsatz. Weiterer Ablass: Man bindet auf sogenannten Schonhaken. „Viele Anleitungen beginnen damit, dass man den Widerhaken andrückt.“ Dieser Widerhaken sitzt kurz hinter der Spitze des Hakens und soll verhindern, dass der Fisch sich, nachdem er einmal zugebissen hat, wieder befreien kann. Nachteil: Ist der Fisch zu klein, kann es durch den Widerhaken zu Verletzungen kommen, wenn man das Tier wieder freilassen will. Beim Flugangeln sind Haken mit Widerhaken also verpönt. Manche Fliegenfischer gehen noch weiter: Die Extremsten angeln ohne Haken, binden die Fliege einfach nur auf ein Stückchen Draht und freuen sich, wenn eine Forelle dennoch zubeißt – auch wenn man sie so nicht aus dem Wasser bekommt.

Denn es geht in erster Linie darum, den Fisch zu überlisten: Mit ihren Ködern imitieren Fliegenfischer Insekten, die auf dem Wasser treiben, oder Insektenlarven unter Wasser.

„Das ist das, worauf es hinauslaufen soll: Ich stehe am Fluss und sehe, wie an einer bestimmten Stelle eine Forelle an die Oberfläche kommt und sich ein Insekt schnappt“, erklärt Klages. „Dann versuche ich, genau dort meine Fliege so natürlich wie möglich zu platzieren. Wenn der Fisch dann beißt, und das auch noch auf meinen selbstgebundenen Köder, dann ist es ein erfolgreicher Angeltag. Ob der Fisch am Ende im Kescher landet, ist da fast schon zweitrangig.“ Da wird nachvollziehbar, dass manch Fliegenfischer auf den Haken ganz verzichtet und sich schon am theoretischen Erfolg erfreut.

Grundsätzlich lässt sich das „Fusselpeitschen“ in zwei Methoden unterteilen: Nass- und Trockenfliegenfischen. Trockenfliegen schwimmen auf der Wasseroberfläche, imitieren Insekten, die auf dem Wasser landen oder dort schlüpfen. Darum ist gerade bei Trockenfliegen die Auswahl des Materials wichtig: Die Fliegen müssen auch nach mehreren Würfen und viel Zeit auf dem Wasser schwimmfähig bleiben.

In der Steinfliege sind neben den Rehhaaren auch die Federn von besonderen Hühnern aus den USA eingebaut. Die Beine jener „Whiting-Hühner“ sind länger, damit die Federn nicht auf dem Boden entlangschleifen. Ein „Sattel“ eines solchen Huhnes kostet rund 80 Euro. Das Besondere: Während bei den meisten Federn die einzelnen Grannen „zusammenkleben“, tun sie das bei genau dieser Hühnerrasse nicht. Effekt: Die Fliege schwimmt besser.

80 Euro für ein paar Federn? „Ja, man kann für das Material viel Geld ausgeben“, sagt Klages. „Allerdings hält so ein Sattel so lange, dass man ihn nur einmal im Leben kaufen muss.“

Und billiger geht es auch: Gerade Nassfliegen benötigen nicht unbedingt derart teures Material, schlicht weil sie nicht schwimmen müssen. Sie imitieren Insektenlarven oder kleine Fische – und hier kann es auch durchaus mal ein Satz Teppichfusseln sein oder Bastelmaterial aus dem Ein-Euro-Shop.

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