„Noch hält meine Frau still“

An diesem Sonntag ist wieder Schoduvel in Braunschweig. Seit dem Jahr 2013 ist der ehemalige HBK-Vizepräsident Gerhard Baller Zugmarschall .

Braunschweigs Zugmarschall Gerhard Baller (68).

Braunschweigs Zugmarschall Gerhard Baller (68).

Foto: Florian Kleinschmidt / Florian Kleinschmidt / Braunschweiger Zeitung

Weltberühmt wurde Gerhard Baller zumindest für kurze Zeit im Frühjahr 2015. Wegen einer Anschlags-Drohung war der Braunschweiger Karnevalsumzug kurzfristig abgesagt worden. Und eine Kamera des NDR zeigte abends sein ansonsten eher fröhlich-sommersprossiges Gesicht in Großaufnahme – dem Mann rannen Tränen über die Wangen.

Am Sonntag steht der 41. Schoduvel an. Mit dem Zugmarschall und ehemaligen Vizepräsidenten der HBK, der schon als Junge in seinem Heimatort Vöhrum karnevalistisch unterwegs war und später die Faschingsfeste der Kunsthochschule organisiert hat, sprach vorab unser Redakteur Martin Jasper.

Können Sie nach der Absage damals noch so unbeschwert Karneval feiern wie vorher?

Ach, na klar! Eigentlich war es an dem Abend schon wieder gut. Das mit den Tränen war mir peinlich. Ich habe sehr geschimpft mit dem Redakteur, dass er die Stelle nicht rausgeschnitten hat. Ich fand es schön, dass ein Vertreter der muslimischen Gemeinschaft gleich am Abend zu uns in die Stadthalle kam und eine Ansprache gehalten hat. Die Muslime standen ja in dem Moment unter Generalverdacht. Im Jahr darauf hatten wir dann als Zeichen von Toleranz und friedlich-fröhlichem Miteinander beide christlichen Bischöfe sowie Vertreter der Muslime und Juden im Zug dabei. Insofern sind wir letztlich sogar gestärkt aus der Sache hervorgegangen. Der Schoduvel ist weltweit bekannt geworden. So gesehen war die ganze Sache eine gute PR unter schlechtem Stern. Und die Bonbons haben wir an arme Kinder bis in die Ukraine und ins türkisch-syrische Grenzgebiet verteilt.

Ihre Vorfreude leidet seitdem nicht?

Überhaupt nicht. Es war allerdings schon ein beklemmendes Gefühl zu erfahren, wie brutal die Konflikte der Welt da plötzlich zuhause ankommen.

Wird man je erfahren, von wem die Drohung kam und wie ernst sie gemeint war?

Wohl nicht. Damit müssen wir leben. Aber ich bin immer noch der Meinung, die Absage war schmerzlich, aber richtig. Was wäre denn gewesen wenn...? Wir wären alle unseres Lebens nicht mehr froh geworden. Der Chef des Kölner Karnevals hat mich angerufen und gesagt, er hätte es genauso gemacht. Denken Sie an die Anschläge von Nizza oder vom Breitscheidplatz in Berlin. Da hat ja nicht irgendjemand mit der Maschinenpistole rumgefuchtelt. Da haben Lastwagen Schwungmasse aufgenommen und sind durchgerauscht.

Aber ausschließen kann man nicht, dass so etwas wieder passiert.

Ganz sicher kann man leider nie sein. Aber das gilt ja für alle Massenveranstaltungen. Seit der Drohung 2015 sind die polizeilichen Sicherheitsmaßnahmen deutlich verschärft worden. Es werden systematisch an allen Zufahrtsstraßen Container mit Bauschutt oder Schrott aufgestellt. Busse und Bahnen steen quer. Alles, um Schwerlastverkehr aufzuhalten. Das belastet zum Teil die Anwohner erheblich. Wir bedanken uns für deren Verständnis.

Was hat sich sonst noch verändert?

Wir haben die Kameraüberwachung erweitert. Die Polizei übernimmt nur noch rein polizeiliche Aufgaben. Wir mussten Sicherheitsunternehmen für den Ordnungsdienst an der Strecke beauftragen.

Nun aber in die Gegenwart. Gibt es in diesem Jahr erneut einen Rekord?

Ja, wir haben jetzt 104 eigene Wagen am Start. Hinzu kommen Gäste aus umliegenden Gemeinden und einige ausländische Gruppen. Darauf bin ich besonders stolz, das ist ein Alleinstellungsmerkmal auch gegenüber den großen Zügen in Köln, Düsseldorf und Mainz. Wenn wir die Wagen, Musikzüge und Fußtruppen zusammenrechnen, sind wir bei etwa 200 Teilnehmergruppen. Das ergibt eine Länge von rund sechs Kilometern und eine Durchlaufzeit einschließlich des vorlaufenden Werbezuges von dreieinhalb Stunden. Ich möchte, dass alle Teilnehmer durchs Fernsehprogramm laufen. Damit sind wir allerdings auch an der Obergrenze unserer Kapazität angelangt.

Haben Sie mal überlegt, den Parcours zu verändern?

Das ist ein heißes Thema. Es wird in jedem Fall im Jahr 2021 so sein. Denn 2020 feiern wir die letzte Party in der Stadthalle. Danach gehen wir in die VW-Halle. Aber davon abgesehen sehe ich ja, dass die Züge in den Karnevals-Hochburgen mitten durch die Innenstädte ziehen. Wir ziehen eher um die Innenstadt herum. Da bleiben etliche wunderbare Plätze ungenutzt. Doch das muss alles genau diskutiert und gut organisiert werden. Ist die Polizei einverstanden, die Ordnungsbehörde? Kommt die Feuerwehr schnell genug überall hin? Die Sanitätsdienste? Kommen die Trecker mit den Wagen um jede Ecke? Das Stadtmarketing unterstützt uns gut. Die Innenstadt-Gastronomie ist auch interessiert. Aber ich muss jedes Jahr ein Sicherheitskonzept schreiben. Das ist ein dickes Buch. Da kann man nichts einfach übers Knie brechen – müssen wir ja auch nicht.

Haben Sie weitere Neuerungen in Planung?

Wir könnten uns an attraktiven Plätzen, etwa am Kohlmarkt, den Aufbau von Tribünen vorstellen. Das gibt es bei den Umzügen im Rheinland auch. Aber das ist eine Geldfrage. Wir müssen Interessenten finden, die solch ein Geschäftsmodell attraktiv finden.

Wie steht’s mit der Politik auf den Wagen in diesem Jahr?

Wir haben etwas zu Trump, dessen lange Nase aus einer Mülltonne guckt. Wir haben was zur Groko, auch einen regionalen Wagen mit vielen Steuerrädern nach dem Motto: Wer lenkt die Region? Die Deutsche Bahn erscheint als Geisterbahn. Unseren Luther-Wagen vom vergangenen Jahr haben wir umgebaut. Wir haben drei Wagen zur Eintracht. Auch die Gruppen aus Destedt und Cremlingen bringen oft mutige und ausdrucksstarke Themen. Aber es könnten schon noch mehr politische Wagen sein. In diesem Jahr hatten wir besondere Schwierigkeiten, weil wir unseren halben Wagenpark ausgelagert haben. Hinzu kommt: In Köln werden die Wagen aus Kaninchendraht und Pappmaché. gefertigt. Da kann man auf politische Entwicklungen schneller reagieren. Aber die halten nur ein paar Tage.

Warum machen Sie das nicht?

Unsere Bildhauer arbeiten mit Styropor statt Stein. Unsere Wagen müssen mit Umbauten drei Jahre halten. Sonst lohnt sich das wirtschaftlich nicht. Aber wir planen mit kleineren Figuren-Formaten. Immer noch aus Styropor. Da ist der Aufwand nicht ganz so groß.

Hat sich das Publikum verändert?

Wir haben immer mehr bunt kostümierte Zuschauer am Weg. Der Karneval ist auf bestem Weg zu einem bunten Volksfest wie auch im Rheinland.

Gibt es Probleme mit Alkohol?

Wir halten die Regel, dass von den Wagen kein Alkohol herabgereicht werden darf, streng ein. Im Falle von Alkohol bei Jugendlichen ist die Polizei sehr rigoros. Natürlich wird auch getrunken. Probleme gibt es nach 18 Uhr. Da häufen sich die Polizeieinsätze.

Dagegen kann man wohl nichts machen?

Das ist ja auch bei anderen Großveranstaltungen ein Problem. Ich kann mit vorstellen, Bühnen aufzubauen etwa vor dem Städtischen Museum, vor denen man bei Gastronomie, Musik und Belustigungen den Tag ausklingen lassen kann. Aber auch dafür muss es ein Sicherheitskonzept geben. Und Sie brauchen Partner, die Interesse haben, so etwas zu betreiben.

Wie viel Zeit investieren Sie in Ihren ehrenamtlichen Job?

Viel. Es ist ein Fulltime-Job. Ich bin genauso viel unterwegs wie vorher auch. Gut, ich habe eine anständige Pension. Und ich glaube, ohne solche Ehrenämter geht ein Gemeinwesen vor die Hunde.

Haben Sie schlaflose Nächte?

Nein. Einmal habe ich geträumt, ich hätte den Zug zusammengestellt, aber vergessen, die Treckerfahrer einzuladen. Furchtbar!

Sie sind jetzt 68 Jahre alt. Wie lange wollen Sie das noch machen?

Na, so zwei, drei Jahre noch.

Was sagt Ihre Familie dazu?

Ich bin sehr dankbar, dass meine Frau bisher still hält. Schreiben Sie vorsichtshalber lieber: Ich mache es noch zwei Jahre. Gerade sind meine Enkel zu Besuch. Um die kann ich mich nicht kümmern. Ich habe Termine ohne Ende. Das wissen die aber auch. Dafür fahren wir im Sommer gemeinsam in Urlaub. Im Sommer kompensiere ich.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder