Braunschweigs Leichtathletik-Titelkämpfe verschoben ins Ungewisse

Braunschweig.  Falls sich überhaupt noch ein Termin 2020 findet, droht der deutschen Meisterschaft im Eintracht-Stadion ein doppelter Bedeutungsverlust.

Weitsprung-Weltmeisterin Malaika Mihambo jubelt 2014 auf der blauen Bahn des Eintracht-Stadions. Die Rückkehr der Stars Anfang Juni nach Braunschweig ist vorerst geplatzt.

Weitsprung-Weltmeisterin Malaika Mihambo jubelt 2014 auf der blauen Bahn des Eintracht-Stadions. Die Rückkehr der Stars Anfang Juni nach Braunschweig ist vorerst geplatzt.

Foto: Florian Kleinschmidt / Florian Kleinschmidt / BestPixels.de

Die Entscheidung des Deutschen Leichtathletik-Verbandes kam nicht überraschend. Die deutschen Meisterschaften im Braunschweiger Eintracht-Stadion werden nicht wie geplant Anfang Juni stattfinden, was Stadion-Chef Stephan Lemke für den Fall einer Olympia-Verschiebung gegenüber unserer Zeitung bereits vorausgesehen hatte.

Der akute Zeitdruck mit Blick auf die in Braunschweig geplante Vergabe der Tokio-Tickets ist nun weg. „Momentan gibt es deutschlandweit keine Chancengleichheit für alle Sportler was die Trainingsbedingungen und damit die Vorbereitung auf die DM betrifft“, begründete DLV-Präsident Jürgen Kessing die veränderten Pläne. Der Verband möchte die Titelkämpfe wegen der Corona-Ausbreitung in die „zweite Sommerhälfte 2020“ verlegen. Braunschweigs Sportdezernent Christian Geiger stimmte grundsätzlich zu.

Alle drängen in den Spätsommer

Die Terminsuche gestaltet sich allerdings schwierig. Die Braunschweiger warten auf Vorschläge des DLV. „Fest steht bisher nur, dass der ursprüngliche Termin keinen Sinn macht und vom Tisch ist“, sagt Lemke. Wenn überhaupt ab Juli, August, September wieder Sport getrieben werden kann, wird das Eintracht-Stadion auch mit Fußball- und Football-Spielen belegt sein. Und leichtathletische Wettbewerbe drängen sich dann ebenfalls in diese Zeit.

Und welchen Wert haben die deutschen Meisterschaften dann noch? Die Braunschweiger wollten ja ausdrücklich die Olympia-Qualifikation ausrichten.

Außerdem wären die hiesigen Titelkämpfe in der olympischen Kernsportart aus der Ferne das TV-Herzstück der „Finals Rhein-Ruhr“ gewesen – ein Multi-Event, das deutsche Meisterschaften in 16 weiteren Sportarten mit etwa 3700 Athleten in Düsseldorf, Duisburg, Oberhausen, Aachen und Neuss gebündelt hätte. In diesem hohe Fernseh-Quoten versprechenden Format wäre am 6. und 7. Juni von ARD und ZDF zur besten Abend-Sendezeit aus Braunschweig übertragen worden.

Multi-Event „Finals“ auch verlegt

Doch die beteiligten Sportfachverbände, die Staatskanzlei Nordrhein-Westfalen sowie die beiden übertragenden TV-Sender haben sich nun einvernehmlich auf eine corona-bedingte Verschiebung des Gesamtevents auf 2021 verständigt. Eventuell richten neben den Leichtathleten nun auch noch andere Verbände einzelne deutsche Meisterschaften später im Jahr 2020 aus.

Die DM im Eintracht-Stadion – wenn sie denn wirklich stattfinden könnte – würde also einen erheblichen Bedeutungsverlust erfahren. „Das kann ich nicht ausschließen“, sagt auch Lemke. Treten die Stars dann dort noch an? Zum Juni-Termin wären sie dazu verpflichtet gewesen, um ihr Tokio-Ticket bekommen zu können.

EM könnte noch stattfinden

Eine neue Variante könnte sein, die Titelkämpfe als Qualifikation für die Europameisterschaft auszutragen, die bislang noch für Ende August in Paris geplant ist. Doch der Kontinentalverband European Athletics hat angesichts der Corona-Krise bereits eine Untersuchung alternativer Szenarien für die Ausrichtung und eine mögliche Verschiebung angekündigt.

Klar ist, dass der internationale Leichtathletik-Verband versuchen will, für den späteren Sommer noch eine verdichtete Mini-Saison auf die Beine zu stellen. Kernpunkt der Bemühungen sei es, den Athleten so schnell wie möglich wieder Wettkämpfe zu ermöglichen, sobald dies sicher sei, sagte World-Athletics-Präsident Sebastian Coe. Zumindest Eintages-Meetings inklusive der Diamond-League solle es geben. „Wir sind uns bewusst, dass unsere Athleten dieses Jahr irgendwann antreten müssen, damit sie ihre Leistungen messen und ihr Training für die Olympischen Spiele entsprechend anpassen können“, betonte der frühere Weltklasse-Läufer.

So sieht es auch der DLV. „Die Athleten wollen eine Late-Season“, begründet Sprecher Peter Schmitt den Plan, die DM noch dieses Jahr auszutragen. „Ob sie die kriegen können, weiß momentan niemand. Aber wenn es die Möglichkeit gibt, wollen wir sie bieten.“

Speerwerfer Röhler: „Es geht um Einnahmen“

Wie Speerwerfer Thomas Röhler, auch Sprecher der internationalen Leichtathleten, bei Eurosport darstellte, geht es für die Sportler auch ganz wesentlich ums finanzielle Überleben. „Wenn man unsere Einkünfte wie eine Pizza aufteilt, dann sind Einnahmen aus Wettkämpfen und Prämien für sportlichen Erfolg ein sehr großer Teil der Pizza“, sagte der Rio-Olympiasieger. „Und die sind einfach noch komplett fraglich.“ Er hoffe deshalb, „dass wir noch einen kleinen Leichtathletik-Zirkus auf die Beine gestellt bekommen.“

Dies könnte wiederum für die gewisse Attraktivität der deutschen Meisterschaften auch im Spätsommer sprechen. Für eine DM-Medaille dürfte in den meisten Sponsorenverträgen der Athleten eine Prämie ausgelobt sein.

Momentan gibt es mehr Fragen als Antworten. Vielleicht wäre es besser, die Braunschweiger Titelkämpfe auch um ein ganzes Jahr zu verschieben und dann wieder im Rahmen der „Finals“ und als Olympia-Qualifikation zu veranstalten. „Da wäre ich auch sehr dafür“, betont Lemke.

Die rund 15.000 Tickets, die bereits verkauft wurden, behalten für einen späteren DM-Termin in 2020 ihre Gültigkeit. Die genaue Vorgehensweise für alle, die ihre Tickets zurückerstattet haben wollen, will der DLV Anfang dieser Woche bekannt geben.

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