Handball-Nationalspieler Firnhaber lernte einst in Braunschweig

Braunschweig.  Der 26-Jährige erzählt, wie er bei der WM in Ägypten die Abwehr der Deutschen zusammenhalten will und welche Erinnerungen er an die Löwenstadt hat.

Sein Elternhaus steht in Braunschweig: Sebastian Firnhaber (links, im Spiel gegen Österreich), lernte einst beim MTV Braunschweig das Handballspielen und ist nun, eine Woche nach seinem internationalen Debüt, bei der WM in Ägypten gleich ein Schlüsselspieler in der Abwehr des deutschen Teams.

Sein Elternhaus steht in Braunschweig: Sebastian Firnhaber (links, im Spiel gegen Österreich), lernte einst beim MTV Braunschweig das Handballspielen und ist nun, eine Woche nach seinem internationalen Debüt, bei der WM in Ägypten gleich ein Schlüsselspieler in der Abwehr des deutschen Teams.

Foto: Marius Becker / dpa

Am Dienstag ist Sebastian Firnhaber mit den deutschen Handballern in Düsseldorf in den Charterflieger Richtung Kairo gestiegen. Ihre Mission: Das Beste rausholen bei der Weltmeisterschaft in Ägypten - trotz des Fehlens einer ganzen Reihe von Stammkräften, die sich keine Corona-WM zumuten wollen.

Ihre Absagen haben Firnhaber, den früheren Kieler und jetzigen Abwehrspezialisten und Kreisläufer des Erstligisten HC Erlangen, ins Nationalteam befördert. Der 26-Jährige debütierte in der EM-Qualifikation in Österreich vergangenen Mittwoch und bildet zusammen mit dem Flensburger Johannes Golla den neuen Innenblock. Und dieses Herzstück der Abwehr muss stark auftrumpfen, wenn dem Team von Bundestrainer Alfred Gislason bei der WM der Sprung ins Viertel- oder Halbfinale gelingen soll.

Sebastian Firnhaber begleitet auf dem Weg dorthin auch kräftiges Daumendrücken aus Braunschweig. Denn hier hat der Blondschopf einen Teil seiner Kindheit verbracht. Im Interview berichtet er über die Anfänge seiner Handballkarriere an der Oker, erinnert sich an alte Weggefährten, spricht über seinen Spitznamen, vor allem aber über die große Herausforderung mit der Nationalmannschaft in Ägypten.

Herr Firnhaber, am Vorabend Ihrer Abreise nach Kairo kribbelt es bestimmt schon bei Ihnen – und bei Ihrer Familie und Freunden in Braunschweig?

Klar, meine Eltern wohnen ja noch dort, und da sind auch Nachbarn, die mich noch kennen und mit ihnen stolz sind. Ich habe damals dort vielleicht nicht den größten Schritt meiner sportlichen Karriere gemacht, aber mein Elternhaus steht in Braunschweig.

Sie sind in Buxtehude geboren. Wie sind Sie als Kind nach Braunschweig gekommen?

Mein Vater hatte einen Job bei Siemens bekommen, und so ist die Familie umgezogen. Damals bin ich in die fünfte Klasse gekommen und aufs Wilhelm-Gymnasium gegangen. Mit dem Handball habe ich beim TV Mascherode angefangen und bin dann zum MTV Braunschweig gewechselt, wo ich, glaube ich, vier Jahre in der Jugend gespielt habe.

Welche Erinnerungen haben Sie, vielleicht an Mitspieler oder Trainer?

Ich weiß noch, dass Rolf Grassel mein erster Trainer war. Und ich kenne noch einige der Spieler, die heute beim MTV in der dritten Liga spielen oder gespielt haben. Allerdings waren das eher Freunde meines Bruders Lucas, der drei Jahre jünger ist. Zum Beispiel hat er mit Philipp Krause zusammengespielt, Niklas Wolters, Felix Geier. Und ich glaube, ich habe die Volker-Mudrow-Handballschule besucht und dort meine ersten Schritte gemacht. Auch wenn ich das später erstmal wieder weiter nach hinten gestellt habe - damals war es mein Traum, Handball-Profi zu werden.

Haben Sie aus Ihren Braunschweiger Anfängen etwas mitnehmen können für Ihre Profikarriere? Und haben noch andere Spieler den Durchbruch geschafft?

Ich war nie das Supertalent. Meist wurden andere für talentierter gehalten. Aber ich war immer sehr fleißig und habe viel nebenbei gemacht. Damals schon und später eben auch. Da waren Jungs, zu denen ich aufgeschaut habe, zum Beispiel Klaas Nikolayzik, der bei der SG Sickte/Schandelah überragend war und für den Bundeskader nominiert wurde, und an denen ich später vorbeigezogen bin.

Verfolgen Sie das Abschneiden des MTV heute aus der Ferne noch ein bisschen?

Ich gucke mir ganz gerne die Ergebnisse an. Ich habe selbst lange dritte Liga gespielt, beim TSV Altenholz, nachdem ich 2012 zum THW Kiel gewechselt war, da kenne ich noch viele Leute. In Braunschweig gab es ja letztes Jahr auch die Aktion mit dem Spiel in der VW-Halle vor tausenden Zuschauern, die fand ich cool. Es ist schön zu sehen, dass der Verein, für den man früher gespielt hat, eine so gute Rolle spielt.

Ihr Spitzname ist „Flamme“. Stammt der auch aus alten Zeiten, und warum heißen Sie so?

Der ist im Internat entstanden. Nachdem ich es in Braunschweig in die Bezirksauswahl geschafft hatte, habe ich zu meinen Eltern gesagt, ich möchte auf ein Handball-Internat wechseln. Und so bin ich zur zehnten Klasse nach Elze gewechselt und zu Eintracht Hildesheim. Und weil ich die Tendenz habe, im Gesicht schnell rot zu werden, wenn es anstrengend ist, haben sie mich dort Flamme genannt – das ist absolut okay für mich.

Und jetzt fliegen Sie zur WM. Kneifen Sie sich noch manchmal?

Dass es so schnell ging, ist irre. Ich kann es auch noch nicht so wirklich fassen. Aber erstmal hat man jetzt den Fokus, jeden Tag alles zu geben und ist ganz in diesen Abläufen beschäftigt. Ich denke, wenn ich Mitte Februar dasitze, und habe vielleicht eine gute WM gespielt, werde ich besser realisieren können, was passiert ist. Ich spüre allerdings schon, dass gerade etwas Besonderes geschieht, zum Beispiel durch den großen Medienansturm.

Wie überraschend kam die Nominierung? Haben Sie, als die Absagen von Hendrik Pekeler, Patrick Wiencek und Finn Lemke bekannt wurden, schon gedacht, dass Sie jetzt an der Reihe sind?

Klar hatte ich mal mit dem Bundestrainer telefoniert. Aber als ich es dann schwarz auf weiß hatte, war das schon eine Überraschung für mich, das war schon klasse. Aber bis zwei Tage vor dem Lehrgang hatte ich noch ganz andere Gedanken, da waren wir ja voll im Spielbetrieb mit Erlangen. Erst beim Sachenpacken habe ich realisiert: ich fahre zur Nationalmannschaft.

Was bedeutet Ihnen die Nominierung?

Das ist eine ganz große Ehre, ich bin unglaublich stolz. Vor zwei Monaten noch hätte ich es mir nicht träumen lassen, dass ich mich Nationalspieler nennen darf. Aber ich lege mir jetzt auch Druck auf, um mich zu beweisen in dieser Rolle.

Sie kennen den Bundestrainer schon aus Ihrer Zeit in Kiel, wo Alfred Gislason ihr Trainer war. Hat Ihnen das vielleicht bei der Berufung geholfen beziehungsweise hilft es jetzt bei der Zusammenarbeit?

Es ist sicherlich ein Vorteil, dass ich aus drei gemeinsamen Jahren beim THW weiß, wie Alfred Gislason arbeitet. Aber er ist nicht der Typ, der einem einen Bonus gibt. Da muss man schon Leistung bringen. Aber das habe ich in der Bundesliga, ganz besonders in dieser Saison, ja auch getan.

Sie sollen als Debütant zusammen mit Johannes Golla gleich das neue Abwehrbollwerk bilden. Was prädestiniert Sie dafür?

(lacht) Das erste ist, dass wir in der Bundesliga nicht so viele deutsche Spieler haben, die dort auf dem Niveau spielen - es gab ja die drei Absagen aus dem Innenblock. Und das zweite sind meine Leistungen, die ich in Erlangen gebracht habe. Auch letzte Saison habe ich da schon eine Führungsrolle gehabt.

Sind sie gerne Abwehrspezialist? Möchte man nicht lieber als Torschütze gefeiert werden?

Nein, in der Abwehr hat es mir immer schon mehr Spaß gemacht. Aber ich bin auch fähig, einen sehr guten Angriff zu spielen. Momentan bin ich dafür zuständig, die Abwehr zusammenzuhalten, und Johannes Golla ist unser erster Kreisläufer. Aber Moritz Preuss und ich werden da sicherlich auch zum Zug kommen.

Müssen Sie wirklich als Neuling im Nationalteam die Wäsche sortieren, wie zu lesen war? Ist man nicht als Verteidigungs-Kante eine Autoritätsperson?

(lacht) Ich muss die Trikots für die Wäsche nicht sortieren, ich mache das gerne, um der Mannschaft zu helfen. Wir sind hier alle gleichberechtigt, da trägt jeder bei den alltäglichen Dingen, die erledigt werden müssen, seinen Teil bei. Jeder Spieler hat seine Aufgaben, wir versuchen zusammenzustehen. Und ich muss mich als Neuer im Team auch nicht hinten anstellen, es macht es richtig Spaß mit den Jungs. Nach einer Woche verstehe ich schon viel besser, wie ich einige zu nehmen habe. Wenn man zentral deckt, muss man in der Tat Autorität ausstrahlen und andere leiten können.

Wie zufrieden sind Sie nach den beiden EM-Qualifikations-Spielen gegen Österreich mit sich? Was haben Sie aus ihren ersten Länderspielen gelernt?

Wir können insgesamt zufrieden sein mit der Leistung. Vor allem, weil vom ersten zum zweiten Spiel deutlich eine Entwicklung zu erkennen war. Was man persönlich lernt, sind Dinge, die ins Detail gehen. Also wie man mit jedem einzelnen Mitspieler am besten harmoniert. Da müssen wir natürlich noch besser werden. Ich schätze, die Spiele gegen Österreich hatten ungefähr Bundesliga-Niveau, aber wenn es bei der WM hoffentlich weiter geht, erwartet uns ein internationales Top-Level, und da gilt es auch, vernünftig zu spielen.

Der Bundestrainer hat nach dem ersten Spiel gesagt, es fehle noch Aggressivität im neuen Innenblock, Sie müssten sich noch ziemlich steigern. Klappt das bis zu den schwierigeren Spielen bei der WM?

Ich denke, ja. Wir haben noch Trainingseinheiten und die Spiele in der Vorrunde. Uruguay und die Kapverden sind vermeintlich leichtere Gegner, auch wenn wir die natürlich auch ernst nehmen müssen. Aber ich denke, diese Spiele können wir noch nutzen, um richtig zusammenzuwachsen. Die Ungarn sind dann der erste Gradmesser. Ich hoffe, wir treten als eine Turniermannschaft auf, die von Spiel zu Spiel besser wird.

Der Erfolg des deutschen Teams bei der WM dürfte wesentlich von der Stabilität des Innenblocks abhängen. Spüren Sie deshalb besonders viel Druck?

Man setzt sich schon einem gewissen Druck aus. Ich weiß ja, dass es nicht viele Alternativen gibt. Aber ich versuche, Positives herauszuziehen. Ich weiß, was ich leisten kann und kann selbstbewusst mit meiner Rolle umgehen. Und wenn es dann mal nicht mein Tag ist, haben wir auch noch Alternativen in der Hinterhand.

Was trauen Sie Ihrer Mannschaft zu in Ägypten?

Viel! Aber auch, wenn das eine Phrase ist, die nicht gerne gehört wird: Wir tun gut daran, von Spiel zu Spiel zu blicken, erstmal alles aufzusagen in Ägypten, uns mit den Gegebenheiten zu arrangieren und dann Schritt für Schritt weiter zu gehen.

DHB-Sportvorstand Axel Kromer hat das Viertelfinale als WM-Ziel ausgegeben, einige sprechen auch vom Halbfinale…

Meines Wissens gibt es noch kein festes Ziel. Ich denke, die Qualität ist bei uns da, um das Halbfinale zu erreichen. Aber erstmal müssen wir schauen, wie wir diese Qualität auch aufs Feld kriegen.

Wann wäre die WM für Sie persönlich ein Erfolg?

Wenn wir alle wieder gesund aus Ägypten zurückkommen. Und wahrscheinlich, wenn wir das Halbfinale erreicht haben.

Seit Sonntag steht fest, dass - wie von vielen Mannschaftskapitänen gefordert - bei der WM doch keine Fans zugelassen werden. Eine gute Nachricht?

Auf jeden Fall, sie gibt einem mehr Ruhe. Wir sind alle froh, dass die IHF eingelenkt hat. Wenn da 1000 oder 2000 Zuschauer in den Hallen wären, wüsste man nie was passiert, da können wir uns noch so gut abschotten. So gibt uns die Entscheidung Sicherheit und wir können uns auf den Sport konzentrieren.

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