Morawietz’ verwegener Olympia-Plan mit Topsprinterin Kramer

Wolfsburg.  Leichtathletik-Trainerlegende will mit der schnellsten Wolfsburgerin zu den Spielen in Tokio – über eine Distanz, die sie noch nie gelaufen ist.

Wolfsburg, 30.07.2019, VfL-Stadion am Elsterweg, Leichtathletik, DM-Fahrer des VfL Wolfsburg, Pernilla Kramer mit Trainer Werner Morawietz und die 4x100m-Staffel des VfL Wolfsburg. Foto: regios24/Darius Simka

Wolfsburg, 30.07.2019, VfL-Stadion am Elsterweg, Leichtathletik, DM-Fahrer des VfL Wolfsburg, Pernilla Kramer mit Trainer Werner Morawietz und die 4x100m-Staffel des VfL Wolfsburg. Foto: regios24/Darius Simka

Foto: Darius Simka / regios24

Es ist ein gewagtes, ein kühnes Experiment, an dessen Ende etwas ganz Großes stehen soll. Die Kurzvariante geht so: Pernilla Kramer , Top-Sprinterin des VfL Wolfsburg , soll im kommenden Sommer die Farben der Stadt als Staffelläuferin bei den Olympischen Spielen vertreten. Die 24-Jährige wäre damit voraussichtlich neben dem deutschen Meister über 100 Meter, Deniz Almas , die zweite VfLerin in Tokio. Das Aber an dieser Idee: Die Distanz, an die sie bei den Grün-Weißen denken, ist Kramer bis heute noch nie gelaufen...

Der kühne Plan, er stammt von Sprint-Coach Werner Morawietz . Und er ist auch nicht ganz neu. Doch jetzt, nachdem Kramer wegen Rückenproblemen die Freiluftsaison 2020 hat abbrechen müssen, starten sie beim VfL mit ihrer schnellsten Sprinterin neu. Statt sich auf ihrer bisherigen Paradedisziplin, den 200 m, wieder in die nationale Spitze zu kämpfen, soll sie im kommenden Jahr über 400 m angreifen.

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Ihr erster Lauf über 400 m steht Kramer erst noch bevor

Der Haken: Die Distanz ist die deutsche Vizemeisterin der U23 und Vierte der Frauen-DM 2018 über 200 m noch nie gelaufen. Doch die Trainerlegende überzeugte seine Sprinterin nun, es war nicht der erste Anlauf. Denn häufiger schon sprach Morawietz, wenn auch nicht offiziell, davon, dass er Kramer auf der längeren Distanz sieht. Und er weiß auch, wie man eine Sportlerin dort in die Spitzengruppe bringt.

Denn bereits Ende der 1980er-, Anfang der 1990er-Jahre hat er aus Karin Janke eine Topathletin über die 400 m gemacht. Die Wolfsburgerin war 1988 bei Olympia in Seoul über 200 m im Zwischenlauf ausgeschieden, startete dann über 400 m so richtig durch. Sie wurde unter anderem deutsche Meisterin im Einzel, gewann mit der 4x400m-Staffel EM-Bronze. „Ich sehe gewisse Parallelen zwischen den beiden“, sagt Morawietz.

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Morawietz mit Überzeugungsarbeit

Bei der 24-jährigen Kramer musste und muss er da noch Überzeugungsarbeit leisten. „Ich möchte da keine Prognose abgeben, weil über 400 m einfach noch keine Zeit dasteht.“ Aber sie hat sich darauf eingelassen, und meint: „Wer nichts wagt, der nichts gewinnt.“ Seit rund sechs Wochen ist sie nach den Rückenbeschwerden, die weitgehend abgeklungen sind, wieder im Training. Am Elsterweg ist aktuell kein Training für die Leichtathleten erlaubt. Kramer arbeitet im Wald und einmal in der Woche auf der Anlage von VfL-Kooperationspartner VfB Fallersleben vor allem an ihrer Ausdauer und verlängert die Tempoläufe. „Bisher bin ich nur die halbe Stadionrunde gelaufen, das ist etwas anderes als die ganze“, so die 24-Jährige schmunzelnd.

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Und wie soll das nun gehen, dass Kramer über die längere Distanz von 0 auf 400 durchstartet und sich bestenfalls für Olympia qualifiziert? Zunächst einmal muss sich Kramer für die DM qualifizieren, die auch 2021, am 5. und 6. Juni, in Braunschweig stattfinden wird. Danach wird entschieden, wer mit zu Olympia fährt. Um in der Löwenstadt dabeizusein, sollte eine Zeit um die 56,50 Sekunden genügen. Morawietz möchte im Vorfeld an drei Meetings teilnehmen, um dieses erste Etappenziel zu erreichen. Kramer ist zurückhaltend: „Ich gehe nicht davon aus, dass gleich beim ersten Lauf alles klappt.“

Hoher Bedarf an Sprinterinnen erhöht Kramers Olympia-Chance

Und ihr Coach denkt schon ein bisschen weiter: Um sich in den Kreis derer zu katapultieren, die der deutsche Verband mit nach Tokio nimmt, muss die 24-Jährige mit Sicherheit eine Zeit unter 53 Sekunden laufen. Morawietz sieht als Ausgangspunkt Kramers Topzeit über 200 m (23,52 Sek.). Ihre Stärken hat die VfLerin ohnehin eher Richtung Ende hin, der Start war bisher nicht ihre ganz große Stärke. Und dann gibt es gleich zwei Chancen, um bei Olympia mitzulaufen: die reine 4x400m-Staffel der Frauen sowie die Mixedstaffel mit zwei weiblichen und zwei männlichen Startern, die es erstmals bei Olympia geben wird. Mit Ersatzläuferinnen könnte das Aufgebot des deutschen Verbands über diese Distanz also sieben oder gar acht Sprinterinnen umfassen.

So defensiv sich Kramer zur Marschroute ihres Trainers äußern will, so sehr vertraut sie Morawietz: „Werner kann das sehr gut einschätzen. Ich werde jedenfalls versuchen, alles aus mir herauszuholen.“ Denn sie sagt auch: „Schon als Kind träumt man davon, an internationalen Wettbewerben teilzunehmen. Und Olympia ist das Non-plus-ultra.“ Doch noch ist es eine Idee, ein kühner Plan. Bei dem sich aber schon in einem Dreivierteljahr zeigen wird, ob er in Erfüllung gegangen sein wird.

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