Vor Liga-Start der VfL-Frauen: Lerchs Seitenhieb auf Harder

Wolfsburg.  Gegen Essen startet der VfL Wolfsburg am Freitag in die neue Saison der Fußball-Bundesliga der Frauen. Hier spricht der Coach und teilt auch aus.

Sie kann auch giftig: Die Dänin Pernille Harder hat nach Aussage von Trainer Stephan Lerch dem VfL die Pistole auf die Brust gesetzt.

Sie kann auch giftig: Die Dänin Pernille Harder hat nach Aussage von Trainer Stephan Lerch dem VfL die Pistole auf die Brust gesetzt.

Foto: Darius Simka / regios24

Nur fünf Tage nach dem 1:3 verlorenen Endspiel der Champions-League-Saison 2019/20 beginnt die Bundesliga-Spielzeit 2020/21 für die Fußballerinnen des VfL Wolfsburg. Vor dem Auftaktmatch am Freitagabend (Anpfiff 19.15 Uhr, live auf Eurosport) gegen die SGS Essen beantwortete Trainer Stephan Lerch (36) in einer Journalisten-Runde die wichtigsten Fragen, verkündete personell gleich eine Reihe von Hiobsbotschaften und teilte einen Seitenhieb auf die vorzeitig abgewanderte Pernille Harder aus.

Herr Lerch, wie ist die Personallage?

Gleich zu Beginn haben wir die eine oder andere Herausforderung zu meistern. Sara Doorsoun fällt mit ihrer Knieverletzung mehrere Wochen aus. Auch Fridolina Rolfö steht aufgrund einer leichten Gehirnerschütterung aus dem Champions-League-Finale nicht zur Verfügung. Und: Ewa Pajor hat Knieprobleme. Am Freitag werden wir Genaueres wissen. Wir müssen damit rechnen, dass sie uns in den nächsten Spielen fehlen wird. Gegen Essen und sehr wahrscheinlich auch in der nächsten Woche wird sie uns auf jeden Fall fehlen. Bei Torfrau Almuth Schult (Baby-Pause, Anmerkung der Redaktion) dauert es zudem noch, bis sie uns zur Verfügung steht.

Gibt es zudem die Notwendigkeit, nach der Champions-League-Runde zusätzlich die eine oder andere nicht verletzte Spielerin zu schonen?

In der Tat haben wir einige Spielerinnen, die viele intensive Spiele gemacht haben. Es liegt nicht viel Zeit zwischen dem Finale und dem Bundesliga-Auftakt. Zudem haben wir schon in der nächsten Woche ein wichtiges Duell mit Hoffenheim. Deswegen stellen wir uns die Frage, ob wir der einen oder anderen Spielerin eine Pause geben. Die körperliche und mentale Belastung war hoch.

Wie sieht es denn mental aus in Ihrem Team: Wie groß ist die Lust auf die Bundesliga?

Die Lust und Freude auf die Saison ist bei allen da. Dass nur eine kurze Zeit zwischen der Champions League und der Bundesliga liegt, kann auch ein Vorteil für uns sein. Wir hatten in der Champions League nicht den Erfolg, den wir uns gewünscht hatten. Dass wir nicht lange darüber nachdenken können, ist auch eine Chance. Wir freuen uns sehr darauf, dass wir endlich wieder vor Zuschauern spielen dürfen. Mit diesen im Rücken freuen wir uns darauf, dass es wieder losgeht.

Auftaktgegner SGS Essen hatte einen großen personellen Umbruch. Wie haben Sie sich auf das Team vorbereitet?

Die Schwierigkeit ist, dass wir nicht viele Videosequenzen von Essen haben. Aber etwas haben wir uns trotzdem anschauen können, um eine Idee zu bekommen, wie es bei Essen aussehen könnte. Aber darauf kommt es nicht so sehr an. Wenn Mannschaften gegen uns spielen, stehen sie am Ende oft doch tiefer, als wir es in anderen Spielen beobachtet hatten. Im ersten Ligaspiel geht es vor allem darum, hineinzukommen. Wir wollen auf jeden Fall mit einem Sieg starten.

Neuzugang Lena Oberdorf trifft gleich auf ihren Ex-Klub. Kann sie auch aufgrund der Ausfälle mit einem Startelfeinsatz rechnen?

Das muss jede Spielerin immer. Aufgrund unserer Situation muss Lena aber auf jeden Fall vorbereitet sein. Nach ihren Einwechslungen in der Champions League hat sie es ordentlich gemacht und sich eine Chance erarbeitet. Die Chance ist da.

Ist nach Pernille Harders Wechsel zum FC Chelsea sowie den Ausfällen von Ewa Pajor und Fridolina Rolfö die Offensive die Problemzone des VfL?

Wir haben immer noch ein paar Optionen. Pauline Bremer bietet sich für einen 1:1-Wechsel an. Da wir aber mit engen Räumen rechnen müssen, könnte man auch Svenja Huth noch mehr ins Zentrum schieben. Auch Pia Wolter und Felicitas Rauch sind Optionen auf außen.

Wie bewerten Sie als Trainer denn Pernille Harders kurzfristigen Abgang?

Aus sportlicher Sicht ist es ein extrem herber Verlust. 1:1 ist Pernille nicht zu ersetzen für uns. Sie ist die beste Spielerin, die ich gesehen habe. Vom Zeitpunkt her ist die Situation nun extrem schlecht für uns, das hat mich schon aufgewühlt. Wir haben seit langem versucht, Pernille zum Bleiben zu bewegen. Ralf Kellermann hatte aber keine Chance, sie hier zu halten. Pernille hat dabei ihre Wechselabsichten mehrfach deutlich in einer nicht angenehmen Art und Weise formuliert. So etwas entspricht nicht meinen Überzeugungen, und ich würde es anders machen. Wir haben nun kaum noch Möglichkeiten zu reagieren. Aber ich nehme die Herausforderung an und bin optimistisch, dass wir es hinbekommen. Ich sehe den Abgang auch als Chance, weil andere Spielerinnen aus Pernilles Schatten treten müssen.

Bis zum 5. Oktober ist der Transfermarkt noch offen. Drängen Sie auf Verstärkung?

Wir sind nicht untätig, aber die Situation ist sehr schwierig, da die meisten Spielerinnen schon unter Vertrag stehen. Wir müssen sehen, was Sinn macht.

Die Konkurrenz wittert Morgenluft. Aus München ist zu hören, dass die Bayern nicht Zweiter bleiben wollen. Wie bewerten Sie das?

Sehr positiv. Es ist schön, dass sie solche Töne anschlagen. Meiner Meinung nach tun sie es fast schon zu spät. Die Bayern waren zuletzt nicht deutlich schlechter als wir. In dieser Sommertransfer-Periode haben sie sehr viel an Breite und Qualität für den Kader hinzubekommen. Da muss der Titel auch gefordert werden. Diesmal können sie auch nicht zurückrudern im Verlauf der Saison.

Auch unter dem Gesichtspunkt der aktuellen personellen Lage Ihres Teams: Wen sehen Sie als Favoriten an?

Wir haben immer den Anspruch, den maximalen Erfolg anzustreben, und wollen erneut Titel nach Wolfsburg holen. Aber es macht keinen Sinn, jetzt schon Ziele auszugeben. Wir bekommen immer noch die Auswirkungen der Corona-Pandemie zu spüren. Die Champions League hat Kraft gekostet, und die bald folgenden Nationalteam-Abstellungen werden körperlich auch anstrengend sein für die betroffenen Spielerinnen. Wir stecken uns deshalb erst einmal nur Etappenziele. Das erste lautet, dass wir bis zum Winter noch in allen drei Wettbewerben (Bundesliga, DFB-Pokal, Champions League) im Rennen liegen wollen. In der Liga wollen wir auf Platz 1 stehen oder uns in Schlagdistanz zum Ersten befinden. Zu viel Druck aufzubauen, wäre nicht gut. Wir nehmen die Favoritenrolle an, aber es wird ein Duell auf Augenhöhe mit München.

Welche Teams sehen Sie hinter Bayern und dem VfL in der Verfolger-Rolle?

Hoffenheim, und ich traue auch Eintracht Frankfurt einiges zu. Die Mannschaft ist an einem guten Tag in der Lage, die vermeintlichen Spitzenteams zu ärgern und zu besiegen.

Für Sie wird es Ihre letzte Saison als VfL-Trainer, Sie haben Ihren Abschied zum Saisonende angekündigt. Welche Gedanken haben Sie dabei?

Das spielt im Moment überhaupt keine Rolle. Ich freue mich auf mein letztes VfL-Jahr. Aufgrund der Gesamtsituation wird es eine große Herausforderung. Die Gedanken daran werden sicher erst zum Ende der Spielzeit kommen. Und vielleicht habe ich ja auch in dieser Saison noch den einen oder anderen Grund zur Freude.

Ist denn Ihre Rolle schon jetzt eine etwas andere, weil sie vielleicht nicht mehr voll in die über die Saison hinausgehende Kaderplanung eingebunden sind?

Ich tausche mich mit Ralf (der Sportliche Leiter Ralf Kellermann, die Redaktion) nach wie vor aus. An der künftigen Kader-Zusammensetzung habe ich vielleicht nicht mehr so viele Aktien wie bisher. Aber wir ziehen weiter an einem Strang.

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