Die Magie des arktischen Winters in Finnisch-Lappland

Sirkka  Auch wenn Finnlands arktischer Winter dunkel und lang ist, hat der Wintersport Hochsaison. Und Hotelzimmer haben natürlich eine Sauna.

Die Sonne lässt sich im Winter in Lappland nur für wenige Stunden blicken. Aber dann taucht sie die Landschaft in ein blaues magisches Licht.

Die Sonne lässt sich im Winter in Lappland nur für wenige Stunden blicken. Aber dann taucht sie die Landschaft in ein blaues magisches Licht.

Foto: Wanson Luk / Getty Images

Es ist 9 Uhr. Das Thermometer zeigt ­minus 13 Grad. Die Luft ist klar und kalt, jeder Schritt auf den vereisten Wegen knirscht. Würde jetzt noch die Sonne dazukommen, wäre es so schön, dass man es als schnee-entwöhnter Norddeutscher hier in Finnisch-Lappland kaum aushalten könnte. Egal, in welche Richtung man schaut – rund um den Ort Sirkka präsentiert sich ein weißbepudertes, märchenhaftes Winterwunderland.

Kurze Zeit später kommt sie, die Sonne. Aber nur auf eine Stippvisite. Rot-orange und schmal wie eine Apfel­sine schiebt sie sich träge von Ost nach West am Horizont entlang, bevor sie nur wenige Stunden später wieder verschwindet. Dazwischen ist es einigermaßen hell. Zumindest ausreichend für einige nordische Abenteuer.

Wir sitzen im Bus. Wohin es genau geht, wissen wir noch nicht.Nach nur wenigen Hundert Metern haben wir Sirkka verlassen. „Dort, wo die Geschwindigkeitsbegrenzung endet, beginnt das Dorf der Einheimischen“, sagt Tarja, die uns Land und Leute näherbringen möchte. Die bunten Holzhäuser, die die Straße säumen, werden kleiner, schlichter, selbst wenn noch immer Lichterketten Bäume und Fassaden beleuchten. „Wir lassen sie nach Weihnachten noch hängen, weil der Januar bei uns so dunkel ist“, sagt Tarja. Zeitweise herrscht wochenlang Dunkelheit.

Wir streifen den Santa Claus Park, die „offizielle Heimat“ des Weihnachtsmanns, kommen vorbei an Husky-Farmen, die Ausflüge mit Hundeschlitten anbieten, sowie an einer Vielzahl von großen Seen, die so sauber sein sollen, dass man ihr Wasser trinken könne. Vorstellbar ist es. Industrie, die Wasser und Luft verdrecken kann, gibt es hier weit und breit nicht.


Rallyefahren auf einer kurvenreichen Teststrecke

40 Minuten später fahren wir auf das Gelände von Lapland Driving. Das Unternehmen des ehemaligen Rallyefahrers ­Jani Ylipahkala ist eine der Winterteststrecken für eine Vielzahl von Autoherstellern. „Willkommen!“, sagt Jani, ein kleiner schmaler Mann mit einer so tiefen Stimme, dass viele seiner wenigen englischsprachigen Worte untergehen. Er könne nur Rallye-Englisch, sagt er und lacht. Für alles andere seien seine Mitarbeiter zuständig. Drei Driving-Center gehören ihm. Die meisten seiner Kunden sind Autobauer wie Audi und Porsche, die hier ihre Fahrzeuge auf Schnee und Eis testen. Aber ebenso wird auch Winterfahrtraining für jeden angeboten – und ein Unterhaltungsprogramm für private Gruppen.Unterhaltung? Wie soll das aussehen? Jani wechselt vielsagende Blicke mit seinen Mitarbeitern, alles junge Männer, die darauf geschult sind, Amateuren wie uns das Fahren unter ungewohnten, schwierigen Bedingungen beizubringen.

Drei Angebote hat die Truppe für jeden von uns vorbereitet: Fahren in einem Cross Car, einem Fun Car sowie einem BMW-Rallye-Auto. Das Highlight wie immer zum Schluss: Dann darf jeder einmal Copilot sein, wenn der 42-Jährige Jani in seinem BMW die Testrunde in seinem Renntempo fährt. Womit man auch immer anfängt – es erfordert Mut. Angefangen beim Fun Car, bei dem nicht nur der Lenker auf der rechten Seite montiert ist, sondern auch die Lenkung entgegen der Norm funktioniert.

Noch abenteuerlicher wird es, wenn man selbst hinter dem Lenker eines Rallye-Autos sitzt und plötzlich in einer Kurve zum ersten Mal im Leben spürt, wie das Heck des Autos ausbricht, und während man mit seinem Herzrasen zu kämpfen hat, schreit der Finne laut „Yeah!“ und begeistert „That’s the way it has to be!“ Wie langsam man in Wirklichkeit war, spürt man erst, wenn man neben Jani sitzt, der einem zeigt, wie rasant man die kurvenreiche Strecke fahren kann, ohne einen der Bäume an Wegesrand zu streifen.

Das Leben hier im Norden ist langsamer

Sobald man die Rennstrecke durch das große Tor Richtung Sirkka wieder verlassen hat, stellt sich Ruhe ein. Träge ziehen tief verschneite Bäume und Hütten sowie vereiste Seen vorbei. Steht hier eigentlich jedes Haus an einem See? Tarja lacht. „Nein, aber die meisten Finnen haben ein Wochenendhaus an einem. Wir verbringen dort viel Zeit im Sommer und genießen die Helligkeit.“ Das klingt wunderbar entspannt. Und das ist es auch, bestätigt Tarja.

Das Leben hier ist langsamer. Die Wege sind weiter, alles ist gemächlicher. „Wir leben mit und nach der Natur“, sagt sie. Hell und Dunkel bestimmen nicht nur Alltag und Biorhythmus, sondern auch die Kultur. Nicht von ungefähr gibt es im hohen Norden besonders viele Legenden und Märchen, Geschichten, die an den langen Winterabenden erzählt wurden und für Unterhaltung sorgten.Ein kreativer Umgang mit der Dunkelheit war notwendig und das hat die Menschen geprägt.

Es sei ein wenig wie Winterschlaf. Ausruhen und Energie sammeln in der kalten Jahreszeit, um im Sommer, wenn die Sonne wochenlang rund um die Uhr scheint, aktiv zu sein, sagt Tarja. Die 58-Jährige kennt es auch anders. Sieben Jahre hat die Finnin als junge Frau in Deutschland gelebt, bevor sie wieder in ihre Heimat zurückgekehrt ist. Ob es die deutsche Betriebsamkeit war und die Sehnsucht nach der verlockenden Einsamkeit von Finnisch-Lappland, die sie zurückgeholt haben? Nein, das war es nicht, sagt sie. Aber hätte es sein können.

Wir stehen hoch oben auf dem ­Levifjäll, dem höchsten Berg des Ski­gebiets, der sich direkt hinter dem Ort Sirkka erhebt. Hinter uns das gläserne Panorama Hotel mit dem Porsche-Em­blem aus Eis, vor uns ein schmaler Pfad Richtung Scenic Café Laavu. Neugierig machen wir uns auf den Weg und ­folgen den Spuren im Schnee. 14 Uhr. Es dämmert, die Lichter von Sirkka scheinen bis auf den Fjell hinauf. Gondeln und Lifte bringen immer wieder Skifahrer vom Tal auf den Berg.

Vom Panorama-Café hat man eine wunderbare Aussicht über das Tal

Bis 19 Uhr sind die Pisten beleuchtet und befahrbar. Anders geht es ja auch nicht, denn während die Sonne sich auf der anderen Erdhalbkugel tummelt, ist hier Hochsaison. Hotels, Restaurants und die beliebten Karaoke-Bars sind voller Urlauber, vorwiegend Russen und Engländer. „Noch kommen die Briten“, sagt Tarja, aber wer weiß, wie das mal nach dem Brexit wird. Sie zuckt mit den Schultern.

Man spürt: Ein wenig ängstlich sind die Einwohner schon. Schließlich ist der Tourismus die Haupteinnahmequelle, und die Briten sind wie auch die Russen feier- und ausgehfreudige Gäste, die viele Euros im Ort lassen. „Es wäre gut, wenn mehr Urlauber im Sommer kommen würden“, sagt sie. Anreize dafür gibt es genug: Wandern, Mountainbiken, Baden. Allein die Mitternachtssonne ist eine Attraktion.

Vor uns am Hang taucht eine einfache Holzhütte auf. Drinnen brennt ein Feuer, über dem Würstchen und Pfannkuchen gebraten werden. Tee und Kaffee gibt es mit Selbstbedienung aus einfachen Bechern, man sitzt auf Hockern. Wem dennoch kalt ist, der kann sich eines der Rentierfelle nehmen und über die Beine legen.

Das Skigebiet Levi ist durch den World-Cup bekannt

Aber Vorsicht: An den feinen Haaren hat man lange seine Freude, sie hängen tief in den Gewebsfasern der Kleidung. Es ist eng und gemütlich. Mal ist die Hütte voller Stimmengewirr, dann wieder schweigen alle und genießen tiefenentspannt durch das große Panoramafenster die Aussicht auf das Tal, das sich wie ein schimmernder dunkler Teppich weit vor uns ausbreitet.

Sirkka ist ein noch recht junger Wintersportort. Erst vor 15 Jahren fing man an, den kleinen Ort am Fuße des 531 ­Meter hohen Levifjäll gezielt touristisch auszubauen. Sinn macht es: Die Winter hier sind fast ausnahmslos schneesicher – die Saison beginnt bereits Ende Oktober und endet erst Anfang Mai. Die Touristenströme können sich so auf mehr als ein halbes Jahr verteilen – mit dem reizvollen Effekt, dass es kaum Warteschlangen an den Liften gibt und die Pisten selten voll sind.

International bekannt geworden ist die Region durch das Slalom-Eröffnungsrennen des Weltcups im alpinen Skilauf, der seit 2004 dort ausgetragen wird. Aber das ist längst nicht alles: Im größten Skigebiet Finnlands gibt es nicht nur knapp 40 Kilometer Pisten zum Skifahren und Snowboarden, sondern auch 230 Kilometer Langlaufloipen für die klassische sowie die Skating-Technik, davon sind 28 ­Kilometer beleuchtet. Dazu kommen Wanderstrecken, extra ausgezeichnete Schneeschuhwanderwege sowie 886 Motorschlittenpfade, auf denen man temporeich die einzigartige Natur erleben kann – ein weiteres Winterabenteuer.


In Finnisch-Lappland hat jeder Haushalt eine Sauna

Eingekleidet in dicke Overalls, mit Helm und Handschuhen bewaffnet, stehen wir vor einer Reihe roter Schneemobile und warten auf den Startschuss. Jukka, unser Guide, gibt uns noch eine kurze Einleitung. Dann geht es los. Erst im Schritttempo durch den Ort, doch nur wenige Hundert Meter später befindet man sich schon außerhalb, inmitten der Wildnis. Schnell hat man sich an das Navigieren dieses ungewöhnlichen Gefährts gewöhnt und wird doch immer wieder von engen Kurven oder recht steilen Abfahrten aus dem Gleichgewicht gebracht.

Mit bis zu 70 Stundenkilometern geht es über freie Flächen, gefrorene Seen und Bäche und durch tief verschneite Waldgebiete. Die Ansage war: Immer schön rechts halten, denn es gibt Gegenverkehr – und zwar überraschend viel. Nicht alles sind Touristen auf der Suche nach einem neuen Adrenalin-Shot.Schneemobile sind für die Finnen ein reguläres Verkehrsmittel. „Viele der Hütten sind bei dem hohen Schnee auch gar nicht anders erreichbar“, sagt Jukka.

Nach knapp drei Stunden geht es zurück. Jetzt haben alle nur noch einen Wunsch: ab ins Warme. Das sollte kein Problem sein, hat doch zumindest in unserem Hotel jedes Zimmer eine eigene Sauna im Bad. „Das ist hier durchaus nichts Ungewöhnliches“, sagt Riikka, die für die Touristeninformation Sirkka arbeitet. „Bei uns hat jeder Haushalt eine Sauna“, sagt sie. Rund 2000 Stück gibt es allein in Levi. Wie oft wird die denn genutzt, wollen wir wissen. Jeden Tag, ist ihre Antwort, sommers wie winters. „Die Sauna ist für uns ein Treffpunkt zum Klönen, um den Tag gemeinsam ausklingen zu lassen“, sagt die junge Finnin.

Kaum haben wir uns aufgewärmt, geht es wieder raus – für die einen auf die Piste, für die anderen auf die Loipe. Weit weg ist das alles nicht. Die Wege sind kurz. Kein Bus, der einen zum Lift bringen muss. Kein Auto, das mit Skiern bepackt auf der Suche nach einem Parkplatz ist. Eigentlich fällt man aus dem Bett genau auf die Piste. „Wo hat man das bei uns schon?“, fragt Tourist Christian begeistert, schnappt sich sein Snowboard und ist verschwunden.

Tipps & Informationen

Einen Direktflug nach Kittilä bietet Fly Car von Januar bis März ab Hannover an (www.fly-car.de). Alternativ dazu fliegt Finnair ab Berlin über Helsinki.

In Sirkka gibt es eine Vielzahl von Apartments, Hütten und Hotels. Zentral gelegene Zimmer mit Sauna bietet das Break Sokos Hotel, DZ/F ab 183 Euro, www.sokoshotels.fi; Lapland Hotels Sirkantähti, DZ/F ab 190 Euro, www. laplandhotels.com

Winteraktivitäten wie Schneemobilsafaris, Schneeschuhwanderungen, Tierbeobachtungen oder Eisfischen, aber auch Sommerangebote hat Lappland Safaris im Programm, Informationen unter www.laplandsafaris.com
Sehenswert: das eiskalte Snow Village Hotel nahe Kittilä, das als Motto Game of Thrones hat, www.laplandhotels.com

(Die Reise wurde unterstützt von Visit Finland und Fly Car.)

Es sind die Gegensätze, die Finnisch-Lappland so reizvoll machen: Die hellen Sommer und die dunklen Winter, die quirligen Städte und Orte und nur wenige Kilometer weiter taucht man in die Einsamkeit der einzigartigen Landschaft ein, die vielfältigen Angebote an Aktivitäten sowie die Chancen, sich in der Ruhe der Wildnis zu verlieren. Über allem liegt ein Zauber, dem man sich kaum entziehen kann.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder