Coronavirus: Was wir über Sars-CoV-2 wissen - und was nicht

Berlin.  Das Coronavirus Sars-CoV-2 hat sich auf der ganzen Welt ausgebreitet und Hunderttausende getötet. Was wissen wir über den Erreger?

Videografik: So wird eine Corona-Infektion festgestellt

Es gibt zwei wichtige Verfahren, um eine Coronavirus-Infektion festzustellen. Bei einem Molekulartest wird in Speichelproben nach Erbgut des Erregers gesucht. Bei einem serologischen Test können im Blut von Patienten Antikörper gegen das Virus Sars-CoV-2 nachgewiesen werden.

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  • Die Coronavirus-Pandemie begann Ende 2019 in China und hat sich schnell über die ganze Welt verbreitet
  • Weltweit haben mehrere Millionen Menschen mit Sars-CoV-2 infiziert, Hunderttausende starben an der von dem Virus verursachten Atemwegserkrankung Covid-19
  • Europa kämpft seit Beginn der Sommerurlaubszeit erneut mit steigenden Infektionszahlen
  • Wir geben Antworten auf die wichtigsten Fragen zum Coronavirus

Seit Anfang 2020 kennt die Welt ein neues Virus. Binnen kürzester Zeit hat sich die Forschung enorm viel Wissen über Sars-CoV-2 angeeignet. Trotzdem – vieles ist noch unklar, jeden Tag lernen Wissenschaftler dazu. Das ist der aktuelle Stand der Forschung (Anfang September):

Wie funktioniert die Ansteckung mit dem Coronavirus Sars-CoV-2?

Zu Beginn der Pandemie gingen Wissenschaftler davon aus, dass eine Ansteckung vor allem über eine Tröpfcheninfektion erfolgt. Dass also infektiöse Tröpfchen, die entstehen, wenn ein Infizierter niest, hustet oder spricht, zu einem Gesunden gelangen und diesen anstecken.

Inzwischen weiß man jedoch, dass auch die sogenannten Aerosole eine entscheidende Rolle bei der Verbreitung des Virus spielen. Diese Teilchen entstehen ebenfalls beim Niesen, Husten oder Sprechen, aber auch beim Atmen oder Singen – und Aerosole sind viel kleiner. Das macht sie so gefährlich. Lesen Sie auch: Was vor einer Ansteckung durch Aerosole schützt

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Denn anders als die größeren Tröpfchen (mindestens 5 Mikrometer), die relativ schnell zu Boden fallen, können Aerosole (kleiner als 5 Mikrometer) in der Luft schweben und sich so zum Beispiel in einem geschlossenen Raum verteilen. Der empfohlene Abstand von 1,5 bis 2 Metern reicht in diesem Fall womöglich nicht aus.

Anders ist es laut dem Robert Koch-Institut (RKI) im Freien. Dort sei die Übertragungswahrscheinlichkeit auf Grund der Luftbewegung sehr gering. Hinweise darauf lieferte auch eine chinesische Studie, die jedoch noch nicht unabhängig begutachtet worden ist.

Videografik: So wirken Impfungen
Videografik: So wirken Impfungen

Die Forscherinnen und Forscher hatten sich 318 Ausbruchsgeschehen in China von Anfang des Jahres mit mindestens drei Infizierten angesehen. Ergebnis: Alle diese Ausbrüche fanden in Innenräumen statt. Nur ein Infektionsgeschehen im Freien konnten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler identifizieren – dabei gab es nur zwei Infizierte.

Welche Rolle die Infektion über kontaminierte Oberflächen, sogenannte Schmierinfektionen, spielt, ist nicht abschließend geklärt. Zwar zeigen Studien und Untersuchungen, dass das Virus auf unterschiedlichen Oberflächen und Gegenständen über Stunden, in einigen Fällen auch noch nach Tagen noch nachweisbar ist. Ob sich Menschen auf diese Weise infiziert haben, ist unklar. Wissenschaftler messen dieser Form der Übertragung bislang keine entscheidende Bedeutung zu.

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Was richtet das Coronavirus im Körper an?

Ging man zu Beginn der Pandemie davon aus, dass das Coronavirus ausschließlich die Lunge befällt und schwere Lungenentzündungen verursachen kann, weiß man inzwischen: Sars-CoV-2 ist ein Multiorganvirus, auch andere Organe können betroffen sein. Das Herz, die Nieren, sogar das Gehirn.

Und das Virus ist in den Organen nicht nur nachweisbar, es kann sich in Herz und Niere auch vermehren, wie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) bei der Untersuchung Verstorbener herausgefunden haben. Sie konnten auch beobachten, dass der Nachweis in den Nieren das Risiko erhöht, ein akutes Nierenversagen zu erleiden – ein wesentlicher Sterblichkeitsfaktor bei Covid-19-Patienten.

Bei vielen Patienten, die wegen Covid-19 auf einer Intensivstation behandelt werden, ist es nicht allein das Virus, das die Menschen so krank macht, sondern die Reaktion des Immunsystems auf die Infektion. Die körpereigene Abwehr kann überreagieren und im Körper schweren Schaden anrichten. Mediziner sprechen vom Zytokinsturm.

Videografik: So funktioniert das Immunsystem
Videografik: So funktioniert das Immunsystem

Doch es gilt noch immer, was Ärzte schon zu Beginn der Pandemie beobachteten: Bei den meisten Menschen verläuft die Infektion mit Sars-CoV-2 mild. Typische Symptome:

  • Husten
  • Fieber
  • Kurzatmigkeit
  • Schnupfen

Viele Infizierte berichten außerdem vom vorübergehenden Verlust von Geruchs- und Geschmackssinn. In vielen Fällen wird eine Infektion nicht einmal bemerkt – ein erheblicher Risikofaktor für die Ausbreitung des Coronavirus.

Lesen Sie hier: Deshalb steigt die Zahl junger Corona-Infizierter plötzlich

Was bleibt nach einer Corona-Infektion?

Die Wissenschaft musste inzwischen lernen, dass ein negativer Corona-Test keineswegs das Ende der Krankengeschichte sein muss. Die Forschung steht nun vor der Frage: Welche Langzeitfolgen kann eine Covid-19-Erkrankung mit sich bringen? Vollständig ist diese Antwort noch nicht.

Das sogenannte Post-Covid-Syndrom umfasst viele Symptome. Und Menschen mit einem milden Krankheitsverlauf bleiben keineswegs verschont. Betroffene kämpfen noch Wochen nach einer überstandenen Infektion mit Kurzatmigkeit und schaffen es nicht einmal zu Fuß zum Supermarkt, ohne eine Pause einlegen zu müssen. Auch junge Menschen berichten von solchen Einschränkungen nach ihrer Erkrankung. Lesen Sie auch: Corona-Spätfolgen: Was das Virus im Körper anrichtet

Diese Kurzatmigkeit könnte verschiedene Ursachen haben. Sie kann die Folge einer Entzündung der Gefäße sein, einer falschen Atemmechanik, die sich die Betroffenen während ihrer Erkrankung angewöhnt haben oder aber eines veränderten Herzens.

Denn auch das Herz kann nach einer Infektion in Mitleidenschaft gezogen werden. Erste Hinweise darauf, dass sich die Struktur des Organs verändern kann, gibt es bereits. Langzeituntersuchungen zum Beispiel an der Uniklinik in Frankfurt am Main sollen hier Klarheit schaffen.

Dort wollen Mediziner ehemalige Covid-19-Patienten regelmäßig mithilfe von Magnetresonanztomografie untersuchen – drei und sechs Monate nach dem Abklingen der Infektion. Sie wollen wissen: Wie haben sich Herzstruktur und -funktion entwickelt?

Manche Patienten berichten auch von neurologischen Problemen – Taubheitsgefühl in Gliedmaßen, aber auch Konzentrationsschwäche, Vergesslichkeit, Wortfindungsstörungen.

Lesen Sie hier: Das bleibt von einer Covid-19-Erkrankung

Videografik: Schwere Covid-19-Verläufe bei Kindern
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Kann man sich zweimal mit dem Coronavirus anstecken?

Die große Hoffnung zu Beginn war die, dass eine Infektion mit Sars-CoV-2 zumindest zeitweise immun gegen eine erneute Infektion machen würde. Doch ganz so einfach scheint es nicht zu sein und viele Fragen sind noch unbeantwortet.

Zwar bildet das Immunsystem Abwehrzellen und Antikörper, die das Virus bekämpfen. Doch ob und wie lange dieser Schutz bis zur nächsten Infektion aufrechterhalten wird, ist noch unklar. Immer wieder gibt es Berichte, dass bei Genesenen schon Wochen nach der Infektion keine oder nur wenige Antikörper gegen das Virus gefunden werden. Aber: Es ist unklar, wie viele Antikörper es überhaupt für einen wirksamen Schutz braucht.

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Inzwischen gibt es außerdem immer mehr Berichte über Menschen, die sich laut Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zweimal mit dem Virus angesteckt haben sollen. Fälle aus Hongkong, Belgien, den Niederlanden, Ecuador und den USA hatten gezeigt, dass die Betroffenen sich beim ersten und zweiten Mal mit unterschiedlichen Varianten von Sars-CoV-2 angesteckt hatten. Es waren also keine Virusreste der ersten Infektion, die man im Körper der Menschen gefunden hat.

Experten gehen laut Robert Koch-Institut (RKI) jedoch derzeit davon aus, dass Genesene nur ein geringes Risiko haben, ein zweites Mal an Covid-19 zu erkranken. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht derzeit noch von Einzelfällen aus. Der Fall in Hongkong bedeute angesichts von rund 25 Millionen Infizierten weltweit nicht, dass eine Reinfektion häufig vorkomme, betonte die Epidemiologin Maria Van Kerkhove von der WHO. Es bedeute, dass es möglich ist.

Covid-19: Welche Medikamente und Therapien stehen zur Verfügung?

Es gibt kein Medikament speziell gegen das Coronavirus. Doch einige Wirkstoffe, die für andere Zwecke entwickelt wurden, können manchen Patienten helfen. Zum Beispiel Dexamethason – ein seit Jahrzehnten zugelassenes Medikament, das entzündungshemmend wirkt und damit die gefährliche Überreaktion des Immunsystems dämpfen kann.

Eine großangelegte britische Studie, die im „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht ist, kommt zu dem Ergebnis, dass Dexamethasonein mit Kortison verwandtes Medikament – die Überlebenschancen von beatmeten Covid-19-Patienten verbessern kann. Auch deutsche Mediziner der Asklepios Klinik Burglengenfeld in Bayern konnten nach eigenen Angaben mit dem Einsatz von Kortison schwere Krankheitsverläufe bei Patienten stoppen, die aufgrund des Coronavirus an einer Lungenentzündung erkrankt waren.

Das einzige in der EU speziell zur Behandlung von Covid-19 zugelassene Medikament ist Remdesivir. Der antivirale Wirkstoff, der eigentlich gegen das Ebolavirus entwickelt worden war, kann die Genesungszeit schwerkranker Covid-19-Patienten im Schnitt um vier Tage verkürzen – und laut Hersteller, dem US-Pharmakonzern Gilead, kann er das Sterberisiko vermindern.

Das Malaria-Medikament Hydroxychloroquin, das US-Präsident Donald Trump immer wieder zur Behandlung von Covid-19 angepriesen hatte, reduzierte die Sterblichkeit in einer Studie nicht. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) warnt sogar vor Risiken bei der Anwendung bei Covid-19-Patienten.

Hoffnung liegt in einer Behandlung von Covid-19-Patienten mit Blutplasma. Dabei bekommen Patienten das Plasma von Menschen, die nach einer Coronavirus-Infektion Antikörper gebildet hatten. Weltweit laufen dazu Studien, auch in Deutschland.

Im Juli hatte das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) eine Genehmigung für eine solche Studie erteilt. Das Institut spricht von ersten ermutigenden Ergebnissen – der Wirksamkeitsnachweis fehlt aber noch. Die US-Regierung hat eine Notfallgenehmigung für die Behandlung von Covid-19-Patienten erteilt.

Wie kann man sich und andere vor einer Infektion schützen?

Der Slogan dieser Tage lautet: AHA – Abstand wahren, Hygiene achten, Alltagsmaske tragen, wo es notwendig ist. Dabei geht es nicht um ein Entweder-Oder, sondern um die Kombination der Maßnahmen. Masken sollen laut dem RKI vor allem einen Beitrag dazu leisten, Ansteckungen durch Menschen zu reduzieren, die nichts von ihrer Infektion mit Sars-CoV-2 wissen.

Laut RKI gilt: Je mehr Menschen eine Maske tragen, desto besser kann die Ausbreitung des Virus verlangsamt werden. Dabei dienen die Masken vor allem dem Schutz anderer, dem Fremdschutz. Der Eigenschutz sei bislang nicht wissenschaftlich belegt.

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Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und das Umweltbundesamt (UBA) raten außerdem, Räume regelmäßig zu lüften. Hintergrund ist die mögliche Übertragung des Virus durch Aerosole – durch kleinste schwebende Teilchen, die schon beim Atmen ausgeschieden werden und Viren enthalten können.

Eine wichtige Rolle spielen dabei auch Belüftungssysteme, sogenannte raumlufttechnische Anlagen. Denn wenn sie zum Beispiel keine frische Luft von außen zuführen, sondern die Raumluft nur umwälzen und wieder in den Raum pusten, könnte die Virenlast zu hoch werden.

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