Fachleute warnen: Corona-Pandemie befeuert Zwangsstörungen

Berlin.  Stress und Unsicherheit können Zwangserkrankungen auslösen und verstärken, warnen Fachleute. Wie man erkennt, dass man betroffen ist.

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Der Ausbruch des neuen Coronavirus sowie die damit einhergehende häusliche Isolation machen vielen Menschen Angst. Sehen Sie im Video, wie Sie Ihre Psyche in dieser Zeit stärken.

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Die einen unterwerfen sich langwierigen Waschritualen, ohne die sie das Haus nicht verlassen können. Andere reißen sich stundenlang einzelne Haare aus, bis ihr Kopf von kahlen Stellen übersät ist. Wieder andere fühlen sich gezwungen, Dinge wiederholt zu zählen: Zwangsstörungen äußern sich sehr unterschiedlich.

Was sie eint, ist die seelische Belastung, die sie auf Betroffene ausüben. Diese schämen sich oft für ihr irrationales Verhalten. Und können sich doch nicht dagegen wehren. Schätzungen zufolge erkranken bis zu drei Prozent der Bevölkerung im Laufe ihres Lebens an einer Zwangsstörung. Die Dunkelziffer dürfte nach Meinungen von Expertinnen und Experten aber höher sein. Denn Zwangserkrankte lassen sich selten behandeln.

„Weil Zwangsstörungen häufig mit großen Schamgefühlen einhergehen, werden sie auch als heimliche Erkrankung bezeichnet“, sagte die psychologische Psychotherapeutin Lena Jelinek vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf unserer Redaktion.

Corona-Pandemie: Stress und Ungewissheit können Zwangserkrankungen auslösen

Wegen der Corona-Pandemie warnen sie und andere Medizinerinnen und Mediziner nun davor, dass noch mehr Menschen Zwangsgedanken und -Handlungen entwickeln könnten. „Stresssituationen und Ungewissheit bilden einen Nährboden für Zwangsstörungen“, bestätigt auch der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Tobias Freyer, unserer Redaktion.

Das Risiko bestehe gleichermaßen für Menschen, die bislang psychisch gesund gewesen seien. Zum Beispiel dann, wenn sie ein erhöhtes Bedürfnis nach Sicherheit und Kontrolle haben, erklärt der ärztliche Direktor der Oberberg Parkklinik Wiesbaden.

Studie: Ab wann gilt Verhalten als „zwanghaft“?

Doch ab wann gelten Handeln und Denken überhaupt als zwanghaft? Eine klinisch relevante Zwangsstörung, so Jelinek, besteht sowohl aus Zwangsgedanken als auch Zwangshandlungen. Also aus wiederholten Verhaltensweisen , die nach bestimmten Regeln stattfinden. Wobei sich Betroffene gezwungen fühlen, diese auszuführen, obwohl ihnen in der Regel bewusst ist, dass diese unsinnig oder übertrieben sind.

Laut Freyer beginnt die Störung häufig mit Gedanken, Gefühlen und Vorstellungen, gegen die sich Betroffene nicht wehren können. Zum Beispiel mit der Angst vor Keimen. Versuchen sie, dagegen anzukämpfen, erzeugt ihr Widerstand eine immer stärker werdende innere Anspannung . Wiederholte Handlungen sollen diese abbauen. Etwa, indem Betroffene ihre Hände mehrfach waschen und desinfizieren.

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Trichotillomanie: Betroffene fing mit elf Jahren an, sich die Haare auszureißen

Ein wenig Zwanghaftigkeit steckt zwar in vielen Menschen. Kleine Marotten, wie etwa mehrmals Kontrollieren zu müssen, ob die Haustür wirklich abgeschlossen ist, oder harmlose Rituale, die einem Aberglauben geschuldet sind, gelten in der Regel aber noch nicht als Symptome einer Zwangsstörung. Von Zwang spricht man, wenn der Betroffene selbst oder sein Umfeld extrem darunter leidet, erklärt Freyer.

„Wenn eine Handlung, ein Gedanke, oder beides mindestens eine Stunde am Tag und über die Dauer von zwei Wochen anhält, die Betroffenen belastet und im Alltag einschränkt, sollten sie eine Ärztin oder einen Arzt aufsuchen“, erklärt Antonia Peters unserer Redaktion. Sie ist Vorstandsvorsitzende der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen und selbst Betroffene.

Bereits mit elf Jahren habe sie angefangen, sich zwanghaft die Haare auszureißen. Diese Störung der Impulskon­trolle wird Trichotillomanie genannt. Dass sich Peters’ Erkrankung bereits im Kindesalter entwickelt hat, ist nicht ungewöhnlich. 80 Prozent aller Zwangsstörungen treten laut Freyer erstmals zwischen dem zwölften und 25. Lebensjahr auf. Auch interessant: Über die Sinnkrise der Mittzwanziger

Zwangsstörung: Welche Ursachen die Erkrankung haben kann

Genetische Veranlagungen, aber auch ungünstige Bedingungen während des Erwachsenwerdens können Zwangserkrankungen auslösen. Darunter kritische Lebenssituationen, wie beispielsweise der Auszug aus dem Elternhaus oder das Ende einer Partnerschaft.

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Starke und anhaltende Belastung sei gefährlich, betont Jelinek. Das Gleiche gelte für Vereinsamung. Nicht zuletzt könne die Corona-Krise Zwänge nicht bloß auslösen, sondern auch verstärken. „Wenn mir beispielsweise Spazierengehen dabei hilft, nicht immer wieder zu Hause meine Wohnung zu putzen und ich jetzt aufgefordert werde, in meiner Wohnung zu bleiben, falle ich dadurch vielleicht in alte Muster zurück“, warnt Jelinek. Lesen Sie hier: Mit diesen Tipps vermeiden Sie den Corona-Blues

Untersuchungen zeigen, dass die Krankheit oft überhaupt nicht oder erst spät erkannt wird. Grund dafür sei auch, dass Betroffene ihre Zwänge oft nicht als Erkrankung, sondern peinliche Macke sehen würden, die es zu verstecken gelte. Zwischen dem Ausbruch einer Zwangsstörung und deren Behandlung vergehen deshalb bis zu zehn Jahre.

Kognitive Verhaltenstherapie hilft Zwangserkrankten

Auch Peters hat viele Jahrzehnte mit ihrer Krankheit gelebt, bevor sie sich therapieren ließ. „Ich habe 30 Jahre geschwiegen und gelogen“, erinnert sie sich. Und das, obwohl auch sie wusste, dass ihre Handlungen und Gedanken zwanghaft waren. Ihre Scham jedoch war stark. Ein Problem, von dem ihr etliche Betroffene berichten. So würden sich viele zwar gegenüber ihrer Familie outen und in Therapie begeben, ihre Furcht, von Vorgesetzten und Freunden verurteilt zu werden, bliebe jedoch.

„Spätestens wenn die Störung einen Schweregrad erreicht, der sich von allein nicht mehr regulieren lässt, hilft in der Regel nur noch eine kognitive Verhaltenstherapie “, sagt Freyer. Dabei werden Betroffene auch mit Situationen konfrontiert, die ihren Zwang auslösen, ohne dass sie diesem nachgeben dürfen. So lernen sie, die dem Zwang zugrunde liegenden Gefühle, wie Angst oder Ekel zu überwinden.

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