Warum Stress krank macht und Stille die Gesundheit fördert

Berlin.  Lärm verursacht Stress und der macht auf Dauer krank. Momente der absoluten Stille hingegen fördern die Kreativität und die Gesundheit.

Damit das menschliche Gehirn, der Organismus und nicht zuletzt die Psyche gesund bleiben, brauchen sie Momente der Ruhe und Erholung.

Damit das menschliche Gehirn, der Organismus und nicht zuletzt die Psyche gesund bleiben, brauchen sie Momente der Ruhe und Erholung.

Foto: istock / iStock

Wann haben Sie zuletzt einen Moment der absoluten Stille erlebt? Einige Minuten, oder gar Stunden ohne Straßenlärm oder Signaltöne aus Handy und Laptop. In denen nicht nur alle Umgebungsgeräusche verstummt waren, sondern auch Ihre Gedanken zur Ruhe kamen? Und war es Ihnen möglich, diesen Zustand zu genießen?

Damit das menschliche Gehirn, der Organismus und nicht zuletzt die Psyche gesund bleiben, brauchen sie Momente der Ruhe und Erholung. Sie ermöglichen Körper und Geist, zu regenerieren, sagt Psychologin Britta Hölzel. „Solange wir Input von außen bekommen, befindet sich unser Körper in einem Modus der Aktivierung und dadurch auch immer wieder in Zuständen des Stresses." Je länger diese Phasen andauern würden, desto größer werde die Erschöpfung.

Ständige Lärmbelastung macht krank

Hölzel gibt unter anderem Kurse zur „Einführung in die Achtsamkeitspraxis“ an einem von ihr gegründeten Institut für Achtsamkeit und Meditation. Sie glaubt, dass sich viele Menschen lieber zerstreuen, statt ihre Gedanken in der Stille zu fokussieren oder schweifen zu lassen. Und das, obwohl längst bewiesen ist, dass ständiger Lärm krank macht.

Die Europäische Umweltagentur (EEA) schätzt, dass in der EU jährlich rund 12.000 Menschen vorzeitig sterben, weil sie zu viel Lärm ausgesetzt waren. Allein durch Straßenverkehr, dem größten Lärmverursacher, litten demnach rund 6,5 Millionen Menschen unter schweren Schlafstörungen.

Dauerbeschallung verursacht Stress

Denn Dauerbeschallung verursacht Stress. Und führt dazu, dass der menschliche Organismus ein Vielfaches des Hormons Cortisol produziert. Das ist zwar überlebenswichtig, weil es unter anderem den Blutzucker und Fettstoffwechsel beeinflusst. Ein chronisch überhöhter Cortisolspiegel jedoch kann das Herz schwächen und Bluthochdruck verursachen. Denn bei konstantem Überschuss schaltet der Körper in eine Art Überlebensmodus. Andere wichtige Körperfunktionen rücken in den Hintergrund.

Stimmen auf dem Gehweg oder andauernder Straßenlärm vor dem Fenster: Alle Sinnesreize, die der Mensch in seinem Umfeld wahrnimmt, werden vom Gehirn analysiert, erklärt Hölzel. Das Organ will mögliche Bedrohungen frühzeitig erkennen, um rasch darauf reagieren zu können. „Wenn dieser Aktivierungsmodus ganztägig anhält, ist das extrem ermüdend“, betont die Psychologin.

Tatsächlich schadet andauernder Stress auch dem Gehirn: „Cortisol zerstört Zellen, insbesondere im Hippocampus“, sagt Joshua Grant, Lektor und Hirnforscher am Max-Plank-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig, im Gespräch mit unserer Redaktion. Dieser Bereich des Gehirns gilt als Schaltzentrale für Erinnerung und kognitive Fähigkeiten.

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Was geschieht in Momenten absoluter Stille?

Sowohl Organismus als auch Psyche reagieren also nachweislich negativ auf Lärm. Doch was geschieht im Vergleich dazu, wenn Menschen Momente der absoluten Stille erleben?

Einen Hinweis darauf lieferte ein Team von Forscherinnen und Forschern um den italienischen Arzt und Professor Luciano Bernardi. Sie wollten herausfinden, wie unterschiedliche Musikstile auf Psyche, Herz und Kreislauf von Musikern einerseits und Menschen, die selbst nicht musizieren andererseits, wirken. Dabei fanden die Wissenschaftler heraus, dass sich die Teilnehmenden durch Ruhepausen zwischen den Musikstücken weit mehr entspannten, als beispielsweise durch beruhigende Lieder.

Tatsächlich wirken Momente der Stille aber nicht nur entspannend, sie fördern auch die Kreativität. Entfallen äußere Reize, wird das Hirn auf spezielle Weise aktiv. Grund dafür ist das „Default Mode Network“, auch Ruhezustandsnetzwerk genannt. Es besteht aus neuronalen Schaltstellen, die immer dann angeschaltet werden, wenn Menschen ihren Gedanken in ruhigen Momenten freien Lauf lassen.

Tagträumen ist keine Zeitverschwendung

Entdeckt wurde dieses Netzwerk bereits vor rund 30 Jahren. Neurologe Marcus Raichle von der Washington University und sein Team erkannten damals, wie wichtig Tagträumen für das Gehirn ist. Dem nachzugeben, könnte nämlich nicht nur die Kreativität fördern.

Wer regelmäßig tagträumt, soll kognitiv flexibler sein und Probleme leichter lösen können. „Sobald man diesen Hirnregionen aber wieder etwas zu tun gibt, weil man beispielsweise Bilder betrachtet, Entscheidungen trifft, oder Musik hört, fahren sie ihre Aktivität herunter“, sagt Grant.

Momente der Stille fördern auch intellektuelle Fähigkeiten

Momente der Stille schonen also nicht nur Herz und Kreislauf, sie fördern auch intellektuelle Fähigkeiten. Während Ruhepausen im Alltag aber ohnehin immer seltener werden, beobachtet Psychologin Britta Hölzel außerdem, dass viele Menschen verlernt hätten, Stille überhaupt zu genießen. „Wenn sie ihren Gedanken freien Lauf lassen, endet das oft in Grübelei.“ Aus Gedankenschleifen auszusteigen, ließe sich jedoch trainieren. „Wie ein Muskel, den man stärkt“, erklärt Hölzel.

Zum Beispiel durch Sportarten wie Yoga und Pilates, die außerdem dabei helfen könnten, den eigenen Körper und dessen Bedürfnisse wieder bewusst wahrzunehmen. Gleichzeitig würden die Übungen ersten Anzeichen von Stress, wie dauerhaft verspannten Muskeln, entgegenwirken.

Hirnforscher Grant geht sogar noch einen Schritt weiter: „Wenn ich besonders zerstreut bin, trage ich Kapselgehörschutz, wie er am Flughafen zum Einsatz kommt, während ich meditiere. Das verschafft mir sofortige Stille“, erzählt er.

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